In TV-Werbespots werben prominente Sportler, Schauspieler und Talkshowmenschen für die Sicherheit der Atomenergie. Sie sprechen auch von weniger CO₂-Ausstoß aus den Reaktoren als aus den konventionellen Stromerzeugungsmitteln, offensichtlich gegen astronomische Gagen. Große Zeitungen und Fernsehstationen sind inzwischen von den Einnahmen aus den Reklamekosten der Stromfirmen abhängig. In den Medien lassen sich AKW-kritische Dokumentationen schwer unterbringen beziehungsweise durchsetzen. Schon in der Planungsphase klingelt in der obersten Etage der Fernsehstation ein Telefon. Am anderen Ende der Strippe droht ein Tepco-Manager mit dem Rückzug von sämtlichem Sponsoring. Aus nachvollziehbaren Gründen hat nicht jeder Fernsehmanager Rückgrat. Das gilt, wenngleich in abgeschwächtem Maße, auch für die Presse. Presse- und Medienfreiheit ist garantiert. Japan ist ja schließlich ein moderner Verfassungsstaat. Aber die Unabhängigkeit von Medien und Presse lässt sich letztlich mit der Klausel der Redefreiheit nicht garantieren.

Wissenschaftler an prominenten Universitäten wurden oft zu verschiedenen Aufklärungsveranstaltungen der Tepco eingeladen mit unglaublich hohen Honoraren. Viele Politiker boten, wenn sie gerade in strukturschwachen Gegenden ihre Wahlkreise haben, diese entlegene Region als möglichen Standort von Atommeilern an. Dazu kommt die mächtige Gewerkschaft der Strom- und Elektroindustrie. Auch nach dem Desaster bekam ein Parlamentarier der regierenden Demokratischen Partei, als er einen Arbeitskreis über die Zukunft der atomaren Energie gründen wollte, von einem Gewerkschaftsboss einen Anruf. Als der Boss signalisierte, dass so etwas nicht ganz den Interessen der arbeitenden Bevölkerung entspreche, wurden dem kleinen Parlamentarier schon die Knie weich. Die in der Kryptoöffentlichkeit prominenten Theoretiker und Kritiker kommen in der Medienöffentlichkeit so gut wie nie zum Zuge. Die Bücher von Takagi konnten nur unauffällig in wichtigen Zeitungen rezensiert werden.

So funktioniert die Entmachtung der Öffentlichkeit. So geht in Japan die von Jürgen Habermas vor inzwischen beinahe 30 Jahren so benannte Kolonisierung der Lebenswelt durch Administration und Wirtschaft vonstatten. Legal und doch korrupt, gerichtsfest und doch kriminell ist die atomare Interessengemeinschaft, ein struktureller Dauerterror gegen das eigene Volk. Und in diesem lecksicheren atomaren Mafiosentum hat sich im Laufe der Dekaden der Sicherheitsmythos herausgebildet, immer glaubwürdiger dargestellt. Es ist viel Zynismus im Spiel. Jedoch gab es ein Leck. Der Zynismus selber ist dem naiven Sicherheitsmythos anheimgefallen, sodass die Manager selbst das Risiko verdrängt haben. Das unsägliche Resultat, das ohne Erdbeben zunächst latent geblieben wäre, kennen wir alle.

Zum Mythos gehört auch der 30-Prozent-Anteil der atomaren Energie in der gesamten Energieversorgung. 30 Prozent gilt nur für die paar heißesten Sommertage, auch unter der Voraussetzung, dass die inzwischen zugunsten der Atommeiler stillgelegten Kohle- und Erdgaskraftwerke nicht arbeiten. Jetzt werden die meisten von ihnen schnell wieder instand gesetzt (technisch effizientes Japan!), sodass wir diesen Sommer mit einer vernünftigen Reduzierung des Stromverbrauchs durchkommen.

Die Zustimmung zur Atomkraft ist nun brüchig. Endet die Apathie?

Zurzeit werden im Fernsehen statt Werbespots stets Durchhalteparolen wiederholt, von prominenten Schauspielern oder Sportlern, darunter Fußballer, die auch in Europa bekannt sind. Die Parolen lauten etwa: "Japan, halte durch!", "Japaner, rafft euch auf!", "Gemeinsam sind wir Japaner stark". Meine Sorge gilt weniger dem Nationalismus, der damit durchaus verbunden sein kann, als vielmehr dem Phänomen, dass damit eine thematische Ablenkung stattfindet.

Und diese nationalen Parolen – dazu noch Parolen wie "Leute! Seid nett zueinander!" – werden finanziert vom AC Japan. AC ist die Abkürzung für Advertising Council, ein Zusammenschluss von wichtigen Firmen. Eine Art von Versicherungsgesellschaft für Fernsehsponsoren. Sie zahlt für Werbespots vor allem für den Fall, dass eine Firma ihre Werbespots zurücknehmen muss, sei es aus Gründen wie Konkurs oder wegen Enthüllungen zur schlechten Qualität ihrer Produkte (www.ad-c.or.jp/eng/). Und im Vorstand dieser AC Japan sitzen die Vertreter von großen Energieversorgungsgesellschaften wie Tepco. Damit haben wir des Pudels Kern.

Die Leute wollen die Struktur der Atomlobby, die Verschlingung der Atomindustrie mit der Politik, das dahintersteckende Profit- und Machtinteresse nicht unbedingt durchschauen. Oder besser: Sie durchschauen die Struktur schon, wollen aber ihre Erkenntnis nicht verbalisieren, nicht in Proteststimmen übertragen. Die Akzeptanz der Atomenergie ist brüchig geworden. Aber noch bleibt die japanische Öffentlichkeit bei emotionalen Ausbrüchen und deren populistischer Instrumentalisierung stehen. Es bedarf eines mühsamen und langwierigen Prozesses, in dem die entmachtete Öffentlichkeit ihre potenzielle kommunikative Macht zurückgewinnt und sich auf diverse Weisen artikuliert.