Zuerst hat ihn die Sache mit der geklauten Kreditkarte nicht besonders aufgeregt. Jonas W. Rügen (Name geändert) ist ein Profi aus der Geldbranche, er arbeitet heute als Dozent zu Finanzfragen an einer großen Berliner Bildungseinrichtung. Als irgendwann um den Jahreswechsel 2010 herum unbefugt 100 Euro bei ihm abgebucht wurden, in London, hat er die Karte eben "sperren lassen". Er erzählt: "Ich vermute, die Daten sind bei einem Online-Einkauf abgegriffen worden, den ich damals gemacht hatte."

Die Sache war für Rügen aber nicht zu Ende. "Irgendein Scherzkeks hat mit meinen Daten Monate später einen kostenpflichtigen E-Mail-Account eingerichtet", sagt er. Er musste sich von nun an mit Rechnungen und teuren Inkassoforderungen herumschlagen. Viel Arbeit. Ein Identitätsdiebstahl , so nennen es Kriminalisten. In Deutschland steckt das noch in den Anfängen . In den USA greifen Identitätsdiebstähle bereits dermaßen um sich, dass nach einer Schätzung jeder zwanzigste Einwohner betroffen ist. Manche Amerikaner schließen Versicherungen dagegen ab.

Bei Jonas W. Rügen war es so, dass seine Kreditkartendaten nicht bloß einem einsamen Dieb bekannt wurden. Irgendwie landeten sie bei Kreditkartenhändlern im Netz, die sie bis heute herumschicken, wenn sie ihre Waren anpreisen: Seht her, so kann das aussehen, wenn man bei uns die Daten eines deutschen Kreditkartenopfers kauft! Der Datensatz besteht aus Rügens Name, Kreditkartennummer und -laufzeit, Geheimnummer auf der Rückseite, Anschrift, Telefonnummer, E-Mail, Arbeitgeber, Passwort. Mit so vielen Infos kann ein Betrüger viel anfangen.

Beim Bankenverband beteuert ein Pressesprecher auf Anfrage, dass "die Kreditkarten schon ein sicheres Zahlungsmittel sind", auch im Internet, relativ gesehen. Offenbar ist in den vergangenen zwei Jahren, seit die Banken neue Sicherheitscodes auf den Rückseiten der Karten eingeführt haben, sogar die Zahl der Kartendiebstähle zurückgegangen. Doch das sei nur vorübergehend, sagen Kritiker der Kreditkartenindustrie – der Trend zum Betrug sei wieder zurück.

Man muss wohl sagen: Nie waren die Betrüger so anpassungsfähig und einfallsreich wie heute. Das Geschäft mit Geräten für das heimliche Kopieren von Kreditkartendaten blüht, und ganze Verbrecherbanden ziehen durch die Lande und manipulieren damit Geldautomaten. Im Cyberspace verzeichnen Hacker unterdessen sagenhafte Erfolge beim Abgreifen von Kundendaten aus Unternehmensdatenbanken, die sie für Kreditkartendiebstahl, das Erobern von Konten oder sonstige Betrügereien nutzen oder weiterverkaufen. Bedauerlich ist: Genaue Zahlen hat darüber niemand. Es gibt amtliche Meldungen – die meist schon etwas älter sind und nur einen Bruchteil der Realität abbilden – sowie Umfragen und Schätzungen. Selbst das Bundeskriminalamt vermutet in seinem jüngsten "IuK-Kriminalität-Bundeslagebild" eine riesengroße Dunkelziffer beim Cyberbetrug.

Wenigstens verstehen Kriminalisten und Computerexperten bei Sicherheitsfirmen immer besser, wie die digitale Unterwelt funktioniert. Kaum noch stoßen sie dort auf einsame Hacker oder kleine Gauner; sondern auf arbeitsteilige Organisationen. Hacker, die in Computer eindringen. Programmierer, die mit Computerviren das Hacken leichter machen. Betreiber von Rechenzentren, die sich gut fürs Hacken eignen.