Er mag Pferde, das Glücksspiel und war in jungen Jahren öfters klamm; er mag Frauen, hartnäckig hält sich das haarsträubende Gerücht, er habe vierzig Kinder; er ist der Enkel Sigmund Freuds, worauf sich jeder spätestens dann bezieht, wenn er von den Porträts, den Akten spricht, um seine Begabung zur psychoanalytischen Entblößung der Dargestellten mit einer genetischen Disposition zu erklären. Lucian Freud, 1922 in Berlin geboren, seit 1934 in England lebend, seit 1939 britischer Staatsbürger, stellt 1942 erstmals in London aus, lernt nach Kriegsende Francis Bacon, den lebenslangen Freund, kennen, 1954 ist er auf der Biennale in Venedig, und weiter geht es mit wichtigen Ausstellungen, ersten Retrospektiven.

Ende der fünfziger Jahre hört er für lange Jahre auf zu zeichnen. Die Zeichnung, sein ureigenstes und überaus souverän gehandhabtes Medium, behindere ihn, wie er befand, in seiner Malerei. Bis dahin hatte er, vor der Staffelei sitzend, mit feinstem Marderpinsel abgetönte Schattierungen in dünner Farblasur aufgetragen, beschloss dann, mit der Farbe zu arbeiten, statt sie zu verwenden, stand von nun an vor der Staffelei, schichtete dickes Impasto und malte seine damalige Lebensgefährtin Suzy Boyt, Mutter von fünf seiner Kinder. Mit diesem Bild erreicht er erstmals den angestrebten Duktus, es nimmt einen herausragenden Platz in seinem Œuvre ein. Das förmlich unter die Haut gehende Inkarnat lässt die Frau auf zugewandte, freilich schonungslose Weise lebendig werden.

Dieses Porträt versteigert Christie’s am 28.Juni in London. Die Taxe für Woman Smiling liegt bei 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund, das letzte Mal hatte das Bild das Auktionshaus 1973 für einen Hammerpreis von 5040 Pfund verlassen. Freud hatte seinerzeit einen Weg eingeschlagen, der ihn zum ganz großen internationalen Erfolg erst in den frühen neunziger Jahren führen würde. Man muss seine Menschenbilder aushalten, seine Drastik, seinen sezierenden Blick ertragen können. Seine Porträts von Malerkollegen, Familienmitgliedern – wieder und wieder malte er die Mutter, hingebungsvoll und distanziert zugleich – entstehen in einem langen Arbeitsprozess. Die Formatvarianten von winzig bis monumental beherrscht er scheinbar spielerisch. Ein weiteres Markenzeichen, wenn man so will, ist die irritierende Scheu der Porträtierten, die augenscheinlich lieber doch nicht anwesend sein wollen. Sie haben oft den Blick gesenkt, schlafen womöglich, sind in sich gekehrt, der so entschlossen zur Schau gestellte Körper birgt und erzeugt beim Betrachter eine Empfindung von unendlicher Schutzlosigkeit.

Dass die Preise für Freuds Gemälde so exorbitant gestiegen sind, liegt sicher nicht daran, dass sie, quasi einer Mode, einem Konsens entsprechend, plötzlich als schön empfunden werden. Freud nimmt in seiner konsequenten Herangehens- und Malweise eine im besten Sinn konservative Haltung ein, will absolut nichts neu erfinden und widmet sich, nicht anders als etwa Cézanne, dem freilich unerreichbaren Ziel der Vollendung eines künstlerischen Gedankens. Die Schönen, Jerry Hall und Kate Moss, haben sich furchtlos malen lassen – nackt. Die Queen hingegen sittsam majestätisch, auf jeden Fall mit Diadem. Freuds Bildsprache verlor an Bedrohlichkeit, das Unerträgliche wurde zur tapfer bestandenen Mutprobe auch für den Betrachter respektive Käufer. Als dann Benefits Supervisor Sleeping (1995) , die dicke Arbeitsamtsangestellte, bekannt als Big Sue, eines seiner spektakulärsten Motive, im Mai 2008 bei Christie’s in New York für 33,6 Millionen Dollar zugeschlagen wurde, war eine Preiskategorie erreicht, die der Markt wohl nicht mehr so rasch hergeben wird.

Seitdem wird Lucian Freud in den Pressemitteilungen der Auktionshäuser als der "teuerste lebende Künstler" gefeiert. Nun muss man dazu sagen, dass ein Auktionspreis zwar ein wichtiger Indikator zur Bewertung eines Künstlers ist, doch ist der Sachverhalt ein wenig komplexer: Ein Schlüsselwerk wird immer stärker umworben. Aus einer nüchtern kalkulierten Kaufbereitschaft kann während der Versteigerung durchaus ein Furor werden, ein Gefecht zwischen Titanen, bei dem die Sache leicht mal zugunsten des Siegeswillens vernachlässigt wird. Bei solchen Rekordmeldungen kommen auch nicht die unbemerkt über den Handel, die Galerien laufenden Geschäfte zur Sprache.

Die in jeder Hinsicht monumentale (151 mal 219 Zentimeter) Big Sue initiierte im Handumdrehen einen weiteren Höhenflug , einen Monat später ging das weitaus kleinere Naked Portrait with Reflection bei Christie’s, London, auf 10,5 Millionen Pfund, ein Zuschlag, der als Reflex bezeichnet werden kann. 1998 war das Bild bei Sotheby’s in London auf 750.000 Pfund geschätzt und bei 2,55 Millionen Pfund weitergereicht worden. Die Millionen-Dollar-Marke war damals kurz zuvor im selben Haus erstmals geknackt worden: Das Porträt des Maler-Freunds Frank Auerbach brachte umgerechnet 1,38 Millionen Dollar, das Doppelte des Schätzpreises. Spektakulär bei den beiden Losen ist nicht das Ergebnis, sondern der offenbar völlig unerwartete Preissprung.

Den Marktbetrachtern, die jeden Rekord mit Kopfschütteln und dem Hinweis auf zu viel Kapital und zu wenig Kunstverstand des Käufers quittieren, sei noch auf den Weg gegeben, dass von den 86 in den vergangenen zehn Jahren angebotenen Freud-Werken 18 zurückgingen. Das war 1992 mit einem Interieur, das 500.000 Dollar bringen sollte, nicht anders als bei einem stehenden Frauenakt von 1999, der in New York bei einer Taxe von 9 Millionen Dollar ignoriert wurde.

Der wirklich teure Engländer ist Freud sowieso nicht, es ist, nein, nicht Damien Hirst , sondern der 1992 verstorbene Francis Bacon . Eines seiner Triptychen brachte im Frühjahr 2008 in New York, als die Welt der Banken und Börsen noch in Ordnung schien, 77 Millionen Dollar.