Abbas Khider wurde vor drei Jahren fast über Nacht bekannt: mit seinem spektakulären Roman Der falsche Inder , der vor kaum verhüllt autobiografischem Hintergrund eine Flucht aus dem Irak Saddam Husseins erzählt. Die Orangen des Präsidenten liefert jetzt die Vorgeschichte dazu: eine irakische Jugend, die im Gefängnis endet. Das Erschütterndste an Khiders Schilderung beispielloser Erniedrigung ist das Déjà-vu, das der Roman dem deutschen Leser bereitet. Denn es zeigt sich: Wir kennen diese Art der Literatur schon, aber wir kennen sie nicht vom Ende des 20. Jahrhunderts. Wir kennen sie aus der Ära der faschistischen und stalinistischen Gewaltregime; in Russland hat sie, beginnend mit Dostojewskijs Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, ein eigenes Genre ausgebildet. Man muss diesen sogenannten Lagerroman nicht mehr vorstellen. Wovon er handelt, weiß das europäische Kollektivgedächtnis, ohne einen einzigen lesen zu müssen: von Hunger, Folter, Kälte, aussichtslosem Vegetieren bis zum sicheren Tod.

Gulag und Konzentrationslager sind auch kein russisches oder deutsches Privileg; ein deutsches Privileg ist nur ihre Steigerung zum Vernichtungslager. Aber geeigneten Rohstoff der Erniedrigung hat noch Lateinamerika in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geliefert. Gleichwohl ist es ein Schock, einen solchen Lagerroman heute noch einmal, und jetzt aus dem Irak des ersten Golfkriegs, zu lesen. Er zeigt: Das Prinzip Gulag ist eine Konstante, es braucht kein russisches Arbeitslager, ihm genügt auch ein orientalisches Gefängnis für politische Häftlinge, um seinen Schrecken zu entfalten. Und indem wir erfahren, was Abbas Khider in seiner irakischen Heimat 1989 bis 1991 erlebte, wird uns auch schlagartig klar, dass diese Zustände überall sonst in unserer Gegenwart nicht vergangen sind, dass sie in Nordkorea oder Birma gewiss, in China vielleicht, mit großer Wahrscheinlichkeit in vielen islamischen Diktaturen gedeihen.

Der Lagerroman ist keine historische Gattung, er ist eine sehr aktuelle Gattung, er ist der Roman der Moderne par excellence. Es ist keine Verstiegenheit, dass der italienische Philosoph Giorgio Agamben den Lagerhäftling als den beherrschten Menschen schlechthin begreift. Indes ist der Verlust jeglicher Würde und personaler Identität, der für Agamben dazugehört, bei Abbas Khider noch nicht eingetreten. Die zwanzig hungernden und rituell gefolterten Gefangenen, die sich eine kleine Zelle teilen, sind füreinander noch durch individuelle Besonderheiten, auch durch erzählbare Lebensschicksale identifizierbar. Die Homogenisierung durch planmäßige Entwürdigung gelingt nicht perfekt. Das liegt an keinem Mangel an Brutalitäten, sondern an dem vormodernen Umfeld, in dem das Gefängnis seine totalitäre Moderne entfaltet. Der tiefreligiöse, noch weitgehend von traditionellen Bindungen geprägte Irak lässt die vollständige Entbindung nicht zu.

Abbas Khider sagt es nicht ausdrücklich, aber er schildert die Gründe. Der jugendliche Entwicklungsroman, der dem Gefängnisaufenthalt vorausgeht, entfaltet das dichte Beziehungsgeflecht von Familie und Nachbarschaft, von Glaubenslehren und mündlicher Anekdotenweisheit, das den Menschen wie ein schützender Kokon umgibt und von der brutalen Staatsmacht nicht ohne Weiteres durchstoßen werden kann – auch weil Willkür, Brutalität und Erniedrigung schon in den Anekdoten und den Märtyrerlegenden der irakischen Schiiten vorausbedacht sind. Nicht zufällig hat der Autor beide Erzählstränge, Jugend und Haftzeit, kapitelweise miteinander verschränkt – das eine ist jeweils die Widerlegung des anderen.

Das soll nicht heißen, dass die Jugend hier als Antidot idealisiert würde. Sie ist im Gegenteil durch den Tod beider Eltern, durch Prügelpädagogik und Erziehungsdrill in den Schulen tief verschattet. Es sind aber die Menschen drumherum, Freunde, Verwandte, Nachbarn, selbst noch in ihren fragwürdigsten Charakterzügen von einer ursprünglichen Menschlichkeit, von einer seltsamen Naivität und Arglosigkeit, auf die der Protagonist jederzeit bauen kann – und die den deutschen Leser abermals tief erschüttern. Ein solch vertrauensvolles Aufeinanderzugehen wäre in unserer vergleichsweise beruhigten, vor Staatswillkür und Brutalität geschützten Gesellschaft undenkbar.