Tödliches Doppelspiel – Seite 1

Abbottabad ist für pakistanische Verhältnisse eine schöne, gemütliche Stadt. Im Vorgebirge gelegen, wird es im Sommer nicht allzu heiß, im Winter ist es nicht zu kalt. Deshalb lassen sich viele pakistanische Offiziere nach ihrer Pensionierung hier nieder. Sie wandern in den Hügeln rund um die Stadt, sie trinken ausgiebig Tee in den Teehäusern und plaudern dabei über vergangene Zeiten. Abbottabad gibt ihnen das angenehme Gefühl, unter sich zu sein, denn hier steht die einzige Militärakademie des Landes. Sie dominiert die Stadt. Ein Offizier im Ruhestand kann das Leben in Abbottabad genießen.

Arshad Khan hätte bei einem kurzen Spaziergang vor seinem Haus viele kriegserfahrene Männer treffen können. Manche Offiziere haben gegen Indien gekämpft, andere haben in den achtziger und neunziger Jahren im indisch besetzten Kaschmir islamistische Kämpfer ausgebildet, wieder andere haben in den neunziger Jahren die Taliban für ihren Siegeszug in Afghanistan trainiert, und manche unter den Rentnern der Stadt haben die Taliban im pakistanischen Wasiristan bekriegt, nachdem die Gotteskrieger von den USA aus Kabul vertrieben worden waren. Was für Geschichten ein Spaziergänger in Abbottabad hören könnte! Doch Arshad Khan hatte daran wenig Interesse. Er war selbst die beste Geschichte: Er war nämlich Osama bin Laden.

Fünf Jahre lang lebte bin Laden unter dem Pseudonym Arshad Khan in einem großen Haus in der Stadt , gerade mal zwei Kilometer von der Militärakademie entfernt. Unbehelligt, bis die amerikanische Spezialeinheit im Innenhof landete und ihn nach einem kurzen Feuergefecht tötete.

Bin Laden in Abbottabad? Das ist zunächst eine Überraschung. Denn man ging meist davon aus, dass er sich in der unzugänglichen Gebirgsregion an der Grenze zu Afghanistan versteckt hielt. Diese Annahme hatte Vorteile. Das Stammesgebiet Pakistans ist gewissermaßen exterritorial, der Zugriff des Staates ist begrenzt. Darauf verwies die pakistanische Regierung immer wieder, wenn man ihr vorwarf, sie tue zu wenig, um bin Laden ausfindig zu machen.

Bin Laden in einer der zahllosen Berghöhlen Wasiristans – das war auch eine beruhigende Vorstellung. Denn sie vermittelte das Bild eines zwar gefährlichen, aber gehetzten Raubtieres. Dass amerikanische Soldaten bin Laden in Abbottabad fanden, zertrümmert diese Vorstellung – und wirft heikle Fragen auf. Wie konnte es sein, dass der meistgesuchte Mann der Welt offenbar mehr als fünf Jahre lang unter den Augen der pakistanischen Armee leben konnte? Wer wusste davon? Wer schützte ihn?

Die Antworten auf solche Fragen werden ganz wesentlich die Zukunft des amerikanisch-pakistanischen Verhältnisses bestimmen. Davon wiederum hängt der Ausgang des Krieges in Afghanistan ab. Denn ohne Pakistan wird es dort keinen Frieden geben. Wie sehr sich Pakistan mit dem Terror eingelassen hat , ob es ihn aus einem politischen Kalkül heraus tolerierte, das ist schließlich auch für Pakistan selbst eine geradezu existenzielle Frage. Seit geraumer Zeit ist der Staat zum bevorzugten Ziel der Terroristen geworden, Bombenanschläge forderten Tausende Opfer.

Wir wissen nicht, wer Osama bin Laden schützte. Wir können aber mit großer Sicherheit annehmen, dass er einen gewissen Schutz genossen haben muss. Das bedeutet nicht, dass der pakistanische Staat oder die ganze Armee in diese Affäre verwickelt sind. Wahrscheinlicher ist, dass ein Teil der Armee oder der Geheimdienst bin Laden unter seine Fittiche genommen hatte. Das kann aus ideologischer Überzeugung geschehen sein oder aus reinem Machtkalkül heraus. Pakistans Generäle haben lange Übung darin, islamistische Extremisten für ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Es war der Diktator General Zia ul-Haq, der die Extremisten in den siebziger Jahren aufbaute, um die eher säkularen, demokratischen Massenparteien zu schwächen; es war Benasir Bhutto, die die Taliban "erfand", um in Afghanistan nach langen Jahren des Bürgerkrieges endlich Stabilität herzustellen, wenn es auch die Stabilität einer Diktatur war; seit den achtziger Jahren unterstützt die pakistanische Armee die islamistischen Kämpfer im indisch besetzten Kaschmir, um den Erzfeind Indien bluten zu lassen.

Die Liste ließe sich verlängern: Extremisten waren immer ein Instrument pakistanischer Politik. Puppen in der Hand mächtiger Puppenspieler, bis sich die Puppen selbstständig machten. Und sie waren ein Faustpfand gegenüber den USA. Die pakistanische Armee, hieß es in Washington immer wieder, ist bei Tag unser Verbündeter und bei Nacht unser Feind. Die USA pumpten Milliarden nach Islamabad, die pakistanische Armee schaffte sich dafür moderne Waffen an, die sie vor allem gegen Indien richtet, und die Taliban trieben weiter ihr Unwesen, was die USA dazu veranlasste, wieder Geld nach Islamabad zu schicken, was wiederum ... so ging das weiter, fast ein Jahrzehnt lang. Abbottabad scheint das profitable pakistanische Doppelspiel zu bestätigen.

 

Fast alle hochrangigen Al-Qaida-Männer sind in Pakistan gefasst worden, auch sie nicht in Berghöhlen, sondern in Städten. Ramzi bin al-Shib und Scheich Mohammed, beide Planer des 11. September, fasste man schon 2002 in Karatschi und 2004 in Rawalpindi. Allerdings wurden die beiden von der pakistanischen Polizei verhaftet und den USA übergeben. Das bedeutet, dass Pakistan nicht immer und jederzeit Terroristen schützt. Der Staat Pakistan ist kein Terrorpate aus Leidenschaft und Bestimmung. Aber er bedient sich des Terrors und der Gewalt, wenn er es für nötig hält.

Pakistans Herrscher haben nie gezögert, wenn es darum ging, die aufmuckende Bevölkerung mit Terror und Krieg zu überziehen . Das gilt für die nach Unabhängigkeit strebenden Belutschen ebenso wie für die rebellischen indischstämmigen Mohajirs in der Millionenstadt Karatschi. Die Pakistaner kennen ihren Staat daher als grausamen, starken und mit seinen Geheimdiensten und seiner Armee allgegenwärtigen Herrscher, der vor keinem Mittel zurückschreckt. Doch gleichzeitig ist er sehr schwach und desinteressiert, wenn es darum geht, die Pakistaner zu schützen. Egal, ob das Naturkatastrophen sind wie die biblische Flut vor einem Jahr oder ausländische Mächte wie die USA, die Pakistan mit Drohnen unter Beschuss nehmen, oder die zahllosen Bombenanschläge der vergangenen Jahre. Die pakistanischen Bürger sind im besten Falle Stimmvieh, im schlimmeren Untertanen. Die Regierung ist wie eine Maschine, die sich auf die Perpetuierung ihrer eigenen Macht spezialisiert hat. Das eigene Überleben ist das einzige Ziel, das sie verfolgt. Im Zweifel sind ihr ausländische Terroristen wie Osama bin Laden näher als die eigenen Menschen – weil sie dem pakistanischen Staat nützlicher erscheinen.

Diese Lehre ziehen viele Pakistaner auch aus dem Fall von Abbottabad. Wie kann es sein, dass der Geheimdienst im alltäglichen Leben so präsent ist, doch Osama bin Laden nicht finden kann? Wie kann es sein, dass Pakistaner zu Tausenden bei Anschlägen sterben, Osama bin Laden aber in einem großen Haus sicher leben kann? In den Straßen von Abbottabad ist in diesen Tagen eine Mischung aus Verwirrung, Verlassenheit und Ärger zu spüren. In welche Richtung diese Emotionen kanalisiert werden, lässt sich heute nicht sagen. Die islamistischen Parteien versuchen, den Antiamerikanismus weiter anzufachen, und stellen die Regierung in Islamabad als Marionette Washingtons dar. Doch im Augenblick herrscht eher Lähmung unter den Bewohnern von Abbottabad, eine Form von Staunen, das sich breitmacht angesichts der Fragen, die ein Mann namens Osama bin Laden in diesem Land hinterlassen hat.