Fast alle hochrangigen Al-Qaida-Männer sind in Pakistan gefasst worden, auch sie nicht in Berghöhlen, sondern in Städten. Ramzi bin al-Shib und Scheich Mohammed, beide Planer des 11. September, fasste man schon 2002 in Karatschi und 2004 in Rawalpindi. Allerdings wurden die beiden von der pakistanischen Polizei verhaftet und den USA übergeben. Das bedeutet, dass Pakistan nicht immer und jederzeit Terroristen schützt. Der Staat Pakistan ist kein Terrorpate aus Leidenschaft und Bestimmung. Aber er bedient sich des Terrors und der Gewalt, wenn er es für nötig hält.

Pakistans Herrscher haben nie gezögert, wenn es darum ging, die aufmuckende Bevölkerung mit Terror und Krieg zu überziehen . Das gilt für die nach Unabhängigkeit strebenden Belutschen ebenso wie für die rebellischen indischstämmigen Mohajirs in der Millionenstadt Karatschi. Die Pakistaner kennen ihren Staat daher als grausamen, starken und mit seinen Geheimdiensten und seiner Armee allgegenwärtigen Herrscher, der vor keinem Mittel zurückschreckt. Doch gleichzeitig ist er sehr schwach und desinteressiert, wenn es darum geht, die Pakistaner zu schützen. Egal, ob das Naturkatastrophen sind wie die biblische Flut vor einem Jahr oder ausländische Mächte wie die USA, die Pakistan mit Drohnen unter Beschuss nehmen, oder die zahllosen Bombenanschläge der vergangenen Jahre. Die pakistanischen Bürger sind im besten Falle Stimmvieh, im schlimmeren Untertanen. Die Regierung ist wie eine Maschine, die sich auf die Perpetuierung ihrer eigenen Macht spezialisiert hat. Das eigene Überleben ist das einzige Ziel, das sie verfolgt. Im Zweifel sind ihr ausländische Terroristen wie Osama bin Laden näher als die eigenen Menschen – weil sie dem pakistanischen Staat nützlicher erscheinen.

Diese Lehre ziehen viele Pakistaner auch aus dem Fall von Abbottabad. Wie kann es sein, dass der Geheimdienst im alltäglichen Leben so präsent ist, doch Osama bin Laden nicht finden kann? Wie kann es sein, dass Pakistaner zu Tausenden bei Anschlägen sterben, Osama bin Laden aber in einem großen Haus sicher leben kann? In den Straßen von Abbottabad ist in diesen Tagen eine Mischung aus Verwirrung, Verlassenheit und Ärger zu spüren. In welche Richtung diese Emotionen kanalisiert werden, lässt sich heute nicht sagen. Die islamistischen Parteien versuchen, den Antiamerikanismus weiter anzufachen, und stellen die Regierung in Islamabad als Marionette Washingtons dar. Doch im Augenblick herrscht eher Lähmung unter den Bewohnern von Abbottabad, eine Form von Staunen, das sich breitmacht angesichts der Fragen, die ein Mann namens Osama bin Laden in diesem Land hinterlassen hat.