Drei Dinge braucht der Mann, der die SPD retten will: Emotionalität, Seriosität und eine Wirkungsmacht, die weit über eine Partei im Selbsthader hinausweist. Emotional muss dieser Mann sein – Erlöserinnen sind nicht in Sicht, weder in Düsseldorf noch im Willy-Brandt-Haus –, weil Sozialdemokraten immer erst begeistert werden müssen, bevor man sie retten darf; seriös, weil Kompetenz und Berechenbarkeit sich vom schwarz-gelben Regierungswirrwarr so werbewirksam abheben; und wirkungsmächtig, weil die SPD als Partei selbst es nicht (mehr) ist .

Das kleinere Problem der SPD besteht darin, dass sich Emotionalität, Seriosität und Wirkungsmacht nicht in einer Person bündeln, sondern auf drei Akteure verteilt sind, auf Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück. Und das größere, dass diese drei derzeit vor allem eins gemeinsam haben: den Hang zur Selbstbeschädigung. Alle drei wirken gerade wie Retter, die man vor sich selbst retten muss.

SPD-Chef Gabriel hat es soeben fertiggebracht, sich und seiner Partei durch einen einzigen Versuch des Krisenmanagements gleich doppelten Schaden zuzufügen . Das erste Mal, als er beschloss, Thilo Sarrazin parteiamtlich aus der SPD werfen zu lassen, was sowohl die Anhänger der Sarrazinischen Thesen vom integrationsunfähigen Migranten verärgerte als auch die Verteidiger des Rechts auf wirre Meinungsäußerung. Und das zweite Mal, als Gabriel das Ausschlussverfahren stoppen ließ , was nun all jene Sozialdemokraten empört, die mit einem wie Sarrazin nicht in einer Partei sein möchten. Die doppelte Beschädigung wird langsam SPD-Methode. Mit der Agenda-Politik hatten die Sozialdemokraten einst ihre Traditionalisten in die Arme eines rachsüchtigen Oskar Lafontaine getrieben – und mit der Revision derselben trieben sie ihre Modernisierer Jahre später in die Verzweiflung.

Steinmeier kommt manchmal daher wie eine Kompromissmaschine

Dabei hatte sich Sigmar Gabriel durchaus Respekt mit der Art und Weise erworben, in der er im September letzten Jahres den angestrebten Rauswurf Sarrazins in einem Beitrag für die ZEIT (Nr. 38/10) begründete, auch bei vielen, die ihn eher für eine munter parlierende Kreuzung aus Windmacher und Luftikus hielten. Den Populisten Sarrazin hatte der unter Populismusverdacht stehende Gabriel damals mit intellektueller Schärfe und rhetorischer Brillanz in seine Einzelteile zerlegt. Der politische Ernst und das Gewicht, das Gabriel aus dieser Auseinandersetzung erwuchs, verspielt er nun, ganz beiläufig, ganz der Alte.

Den Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier, an dessen Seriosität es nichts zu zweifeln gibt, holt derweil jene Zeit ein, in der er als politischer Schatten des nicht immer ganz so seriösen Gerhard Schröder aktiv war. Als Chef der niedersächsischen Staatskanzlei soll Steinmeier mit einer illegalen 150.000-D-Mark-Spende des damaligen Chefs des Finanzdienstleisters AWD, Carsten Maschmeyer, zu tun gehabt haben, mit der die SPD im Bundestagswahlkampf 1998 unterstützt worden war. Die Vorwürfe kratzen am Image des Hyperkorrekten, des Verlässlichen, Grundsoliden. Das ist das eine Problem Steinmeiers.

Das andere ist das Image des Hyperkorrekten, des Verlässlichen, Grundsoliden. Steinmeier gefällt sich so sehr als Stimme der Vernunft, dass er zuweilen wie eine Kompromissmaschine daherkommt. Auf der Ein/Aus-Taste steht "Exekutive". In einer Zeit, in der die Sozialdemokraten dringend jemanden bräuchten, der sie aus ihrem Wachkoma aufrüttelt, trägt ihr Fraktionsvorsitzender die politischen Konflikte lieber in sich selbst aus. Dann legt er Lösungsvorschläge vor – und wenn die Kanzlerin dann nicht darauf reagiert, ist er beleidigt. So verantwortungsvoll, berechenbar und seriös hat noch keine Opposition nicht regiert.

Bleibt noch der Wirkungsmächtige, bleibt noch der Mann mit Ausstrahlung im Führungs-Trio: Peer Steinbrück. Rein machtpolitisch betrachtet, gibt es wohl keinen geeigneteren Kanzlerkandidaten für die SPD. Kein anderer Spitzengenosse grenzt sich stärker von den Grünen ab, kein anderer wildert erfolgversprechender unter wendewirren CDU-Anhängern – ideale Voraussetzungen für einen konfrontativen, eigenständigen SPD-Kurs im Wahlkampf. Nur: Trägt man diese Idee unter Genossen vor, erntet man Entsetzen. Steinbrück, so ist dann zu hören, solle erst mal seine "Klugscheißereien" lassen. Die SPD ist einfach noch nicht so weit. Steinbrück ist die lebendige Erinnerung an die Trauma-Jahre der Agenda-Politik. Und schämt sich kein bisschen dafür.

Einem Kanzlerkandidaten Steinbrück stehen viele Sozialdemokraten auch deshalb im Weg, weil Steinbrück sich selbst im Weg steht. Das Divenhafte, die Aura des Besserwissers, die Erhabenheit der Arroganz – so etwas verzeiht die SPD nur jenen Genossen, die ihr altersweise erscheinen, nie ihren aktiven Politikern.

Sie verzeiht es denen, die sie zuvor demontiert hat.