Über Marcel Schmelzer, den linken Verteidiger, eben 23 Jahre alt, gibt es auch so eine Dortmund-Geschichte, und die geht so: Schmelzer erhält von seinem persönlichen Berater eine Liste der Vereine, die viel Geld für ihn zahlen wollen, große Namen. Solche Listen sind nicht unüblich. Mancher Spielerberater ruft dreimal die Woche an, und immer geht es um Millionen. Viele Spieler werden da schwach. Schmelzer aber habe seinem Berater gesagt, er könne verhandeln, mit wem er wolle. Er, Schmelzer, bleibe in Dortmund, seiner Mannschaftskameraden und seines Trainers wegen. Über Mats Hummels, 22, den umworbenen Innenverteidiger, erzählt man sich das auch.

Es sind solche Geschichten, die den Triumph Borussia Dortmunds begleiten und ihn zum Teil erklären. Das Team, das am Wochenende durch ein 2:0 gegen den 1. FC Nürnberg die Meisterschaft errang, hat Gemeinschaftsgeist, Bodenhaftung, Spaß am Spiel. Erzählt wird einmal mehr das Märchen von den elf Freunden, das im Milliardengeschäft Fußball selbst den Romantikern kaum noch über die Lippen geht. Und doch ist es wahr geworden.

Der Vater dieses Erfolgs sitzt zwei Tage vor dem titelbringenden Spiel gegen Nürnberg in einer Loge des Stadions, lobt die Mentalität seiner Mannschaft und schildert begeistert sein Lieblingstor dieser Saison. Jürgen Klopp wirkt gelassen, er weiß, was er will und was er tut. »Ich habe das Gefühl, hier werde ich gebraucht«, sagt Klopp. »Und meinen Jungs geht es genauso.«

Klopp ist seit drei Jahren in Dortmund, er hat die Mannschaft geformt. In der ersten Saison wurden sie Sechster, in der zweiten Fünfter, in der dritten wurde aus der Evolution eine Revolution. Noch nie in der Bundesligageschichte ist ein so junges Team Meister geworden, Durchschnittsalter unter 24. In fast allen Partien war Klopps Elf überlegen, in manchen schoss sie zwanzig Mal aufs Tor, der Gegner ein Mal. In 32 Spielen kassierte sie 19 Gegentore. »Unser Angriff beginnt, wenn der Gegner den Ball hat«, sagt Klopp. Selbst die Bayern hatten in beiden Duellen das Nachsehen.

Das alles gelang mit unbekannten und billigen Spielern, teils aus dem eigenen Nachwuchs. Kein Zukauf war teurer als fünf Millionen Euro, in der Gehaltstabelle rangiert der BVB im Mittelfeld. Dortmund hat den Titel nicht gekauft, Dortmund hat die Gesetze des Marktes aufgehoben.

Was macht den Meistertrainer aus? Wie vermittelt er seinen Spielern das Gefühl, am rechten Ort zu sein, wenn sie andernorts mehr verdienen könnten? Wie bringt er sie dazu, mehr zu rennen als die anderen? Wie treibt er ihnen den Egoismus aus? Wie hat er den ganzen Verein begeistert?

Zunächst ist Klopp, der ein Sportstudium abgeschlossen hat, ein Fachmann. Das galt lange nicht als ausgemacht. Vor Dortmund war er sieben Jahre lang Trainer in Mainz, hat den Außenseiterverein in die Erste Liga geführt, ist später wieder abgestiegen. Damals galt er als kumpelhafter Motivator, die Leute kannten ihn als lustigen und zotteligen Experten aus dem ZDF. Franz Beckenbauer wollte sich zunächst nicht mit ihm auf der Mattscheibe zeigen. Zweifel hegte man an seiner Eignung, einen großen Verein zu führen. Bayern München entschied sich für Jürgen Klinsmann. Der HSV verwarf die Idee, Klopp zu verpflichten, weil Scouts protokollierten, seine Jeans habe ein Loch, er trage einen Dreitagebart und rauche.