Eigentlich wollte Martin Ehrenhauser immer schon einmal einen Spionagethriller schreiben. Einen, in dem sich Geheimagenten gegenseitig bespitzeln, einander austricksen, auf falsche Fährten locken und enttarnen. Für den Reißer fehlte dem Mandatar im Europäischen Parlament bislang die Zeit. Einen Grundkurs in der Kunst des Tarnen und Täuschens absolvierte er allerdings in den vergangenen fünf Jahren bei seinem Mentor Hans-Peter Martin. So erfolgreich, dass heute nicht mehr viel fehlt und er hat seinen Ausbildner mit dessen eigenen Waffen geschlagen. Den Meister hat der Schüler jedenfalls bereits jetzt übertrumpft.

Als der Zauberlehrling antrat, war er der "junge Hecht im Karpfenteich". Gerne präsentierte er sich als die dynamische Nachwuchshoffnung an der Seite des Europarebellen, als das jugendliche Pendant des ergrauten Hans-Peter Martin. Heute wirkt Ehrenhauser verändert. Seine Stimme klingt hart, sein Blick ist kalt. Er hat sich einen Django-Bart wachsen lassen. Die Euphorie, mit welcher der 32-Jährige früher über seine politische Arbeit sprach, ist einem kalkulierten Tonfall gewichen. Er war einer der Letzten, die Hans-Peter Martin die Treue hielten und ihn bedingungslos verteidigten. Wer dem umstrittenen Europaparlamentarier am Zeug flicken wollte, bekam es mit dem Oberösterreicher zu tun.

Nun erhebt Ehrenhauser selbst schwere Vorwürfe gegen sein früheres Idol. Der Verbleib von rund einer Million Euro aus der Wahlkampfkostenrückerstattung für die Europawahl 2009 sei ungeklärt, möglicherweise habe Martin hohe Summen für den eigenen Gebrauch abgezweigt. Der selbst ernannte Saubermann ist schwer angeschlagen.

Mit größtmöglicher Empörung tritt Ehrenhauser derzeit vor Journalisten auf, erzählt von den ungeheuren Vorgängen, die er jahrelang nicht mitbekommen haben will. Martin habe die eigenen Ideale verraten, seine weiße Weste sei besudelt. Gut einstudierte, schmissige Phrasen, die gerne gedruckt werden. Und Ehrenhauser spricht bereits davon, dass es nun eine "neue Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft" brauche. Der Fall des Mentors könnte der Aufstieg des Zöglings sein – medial geschickt orchestriert.

Einst war er sein größter Fan und willfähriger Erfüllungsgehilfe. Martin und Martin nannten sich die beiden im Europawahlkampf 2009, als Martin Ehrenhauser vom Büroleiter zum Abgeordneten aufstieg und auf der Bürgerliste von Hans-Peter Martin kandidierte. Kennengelernt hatte sich das Duo drei Jahre zuvor. Ehrenhauser war gerade bei den Jungen Liberalen hinausgeflogen. Mit geheimen Unterlagen über den Baulöwen Hans-Peter Haselsteiner und den Lobbyisten Alexander Zach, der zugleich als Chef der Liberalen firmierte, wandte er sich an Hans-Peter Martin. Die Korruptionsaffäre, die er dadurch auslöste, war die Eintrittskarte des Politikstudenten bei dem EU-Rebellen. Ein Jahr später wurde er dessen parlamentarischer Mitarbeiter, kurz darauf avancierte er zum Büroleiter.

Unzertrennlich seien beide damals gewesen, erzählen ehemalige Mitstreiter. Sie teilten die Leidenschaft anzuecken und aufzudecken – nicht selten mit Mitteln an der Grenze des guten Geschmacks – und die Begeisterung für Fußball. Im Fat Boys, einer Sportkneipe in Brüssel neben dem Parlament, bekannt für ihre deftigen Burger, fieberten sie oft bei den Spielen ihres Lieblingsvereins Bayern München. "Die steckten rund um die Uhr zusammen. Man hatte das Gefühl, die wissen alles voneinander", sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. Hans-Peter Martin stellte seinem Schützling Journalisten vor, vermittelte Kontakte und brachte ihm die Tricks bei, mit denen sich jede Mücke zum Elefantenskandal machen lässt. Gemeinsam zogen sie in Psychokriege, für die sie mitunter ihr gesamtes Umfeld mobilisierten.

Etwa, als die Listendritte, Angelika Werthmann, nach den Europawahlen 2009 auf ihr Mandat verzichten sollte, damit Martin seinen Protegé ins Parlament hieven konnte. Mit Methoden aus der untersten Schublade sollte die Salzburgerin dazu gedrängt werden. Martins Frau schrieb eine Mail an Werthmann und fragte, ob sie als alleinerziehende Mutter ihre Funktion in Brüssel überhaupt ausüben könne und nicht Gefahr laufe, als "Rabenmutter" bezeichnet zu werden. Sogar Ehrenhausers Mutter warf der Mandatarin vor, sie würde die Karriere ihres Sohnes behindern. Doch Werthmann weigerte sich beharrlich, wurde später zur Persona non grata für die verschworene Clique. Schließlich verzichtete der Listenzweite auf sein Mandat – heute leitet er das Bürgerbüro von Martin Ehrenhauser in Wien.

Ehrenhauser wurde seinem Idol immer ähnlicher und vertraute ihm blind

Das Duo ging gegen jeden vor, der sich ihnen in den Weg stellte. In internen Sitzungen zielten sie gerne auch unter die Gürtellinie. "Fußballersprache" sei da gepflegt worden, sagt eine, die bei den Delegationssitzungen oft dabei war. "Das war schon sehr untergriffig und ging schnell ins Persönliche. Ehrenhauser wurde Martin immer ähnlicher." Auch als Angelika Werthmann im vergangenen Sommer Hans-Peter Martin vorwarf, er habe Parteigelder hinterzogen, und aus der Delegation austrat, stellte sich Ehrenhauser schützend vor sein Vorbild. Dass sich seine Vorwürfe heute merkwürdig ähnlich anhören wie seinerzeit jene von Werthmann, begründet er damit, dass er keinen Einblick in die Finanzen der Partei besessen habe. Andere sagen, er habe dem egomanen Leitwolf einfach blind vertraut.