Früher stieg Pierre Vogel in den Ring, um sich mit seinen Gegnern zu schlagen. Jetzt steigt er auf die Bühne und spricht. Ein guter Muslim, sagt Pierre Vogel, das ist keiner, der sich einen Weihnachtsbaum aufstellt und mit dem man auch mal einen trinken kann. Ein guter Muslim, das ist ein Fundamentalist. Das Publikum in Frankfurt applaudiert. Pierre Vogel steht am vergangenen Samstagabend wie immer etwas breitbeinig auf der Bühne, er tänzelt auf den Zehenspitzen hin und her. Er ist zwar längst kein Profiboxer mehr, aber ein Profi im Austeilen ist er noch immer.

Der Boxer, der zum Muslim wurde. Ein deutscher Muhammad Ali! Pierre Vogel alias Abu Hamsa hätte die Menschen verbinden können, aber er hat sich entschieden, zu spalten.

Ursprünglich hatte Vogel, 32, der vor zehn Jahren zum Islam konvertierte und heute einer der populärsten deutschen Prediger ist, zu einem Totengebet für Osama bin Laden aufgerufen, dann zog er den Aufruf wieder zurück und wollte nur noch über Islam und Terrorismus reden. Das Ordnungsamt verbot seinen Auftritt in der Frankfurter Innenstadt, das Verwaltungsgericht genehmigte ihn doch, allerdings außerhalb der Stadt auf einem Freigelände am Rebstockpark. Der Name bin Laden dürfe in seiner Rede nicht fallen, heißt es in den Auflagen.

Eine Interviewanfrage der ZEIT hatte Pierre Vogels Pressemann kürzlich noch mit den Worten abgelehnt: "Wenn Sie ein ehrlicher und verantwortungsbewusster Mensch sind, verlassen Sie Ihre Werbeagentur und suchen sich einen ehrlichen Job, in dem man nicht mittels Lügen andere Menschen zerstört!!!"

Jetzt sitzt Pierre Vogel lächelnd vor einem Kentucky Fried Chicken am Rande Frankfurts, es ist Samstagmittag, wenige Stunden vor seinem Auftritt. In dem amerikanischen Schnellrestaurant trifft er sich mit seinen Weggefährten, bevor sie gemeinsam zum Rebstockpark aufbrechen, hier gibt er nun doch das Interview. Die Gäste blicken von ihren frittierten Hühnchen auf, wenn der Mann mit dem langen Bart von Osama bin Laden spricht. Pierre Vogel stört das nicht, entspannt lehnt er sich im Stuhl zurück.

Vogel kokettiert gern mit seiner Boxervergangenheit. Als sich ein Passant beschwert, weil ihm der Zeitungsfotograf im Weg steht, witzelt Vogel: "Sollen wir ihn hauen?" Vogel meint den Passanten. Dann wird er wieder ernst, das sei natürlich nur Spaß. Pierre Vogels Disziplin ist jetzt die Rhetorik, und er weiß seine Worte zu wählen. Er, dessen Wohnung von der Polizei durchsucht wurde , weil bei einem seiner Vorträge das indizierte Buch Frauen im Schutz des Islam auslag, in dem es heißt, Frauen "genießen es, geschlagen zu werden", er gibt sich jetzt höflich interessiert und blickt die Reporterin direkt an, was ein strenggläubiger Muslim eigentlich nicht tut. Pierre Vogel kann sich seinem Gegenüber gut anpassen.

Vogel wurde viel kritisiert für seinen Aufruf zum Totengebet. Dass der Verfassungsschutz wieder einmal aufmerksam wurde, ist ihm egal. Und auch die negativen Medienberichte treffen ihn nicht. "Schlechte Werbung ist besser als gar keine Werbung", sagt er. Für die Werbung in eigener Sache nimmt er gern in Kauf, die Islamphobie vieler Deutscher anzuheizen.

DIE ZEIT: Sie wurden für Ihren Aufruf zum Totengebet massiv kritisiert, sogar von ultrareligiösen wahhabitischen Salafisten.

Pierre Vogel: Ich weiß genau, wenn ich ein Totengebet mache, dann werden Leute kommen, die mit Osama bin Laden sympathisieren, und so kann ich mit ihnen über Terrorismus reden.

DIE ZEIT: Bin Laden ist ein Massenmörder, wer für ihn betet, stellt sich in seine Nähe.

Vogel: Das Wichtigste ist, über Reizthemen zu reden. Das vermisse ich in diesem interreligiösen Dia-Lüg. Das ist doch gegenseitige Einschleimerei.

DIE ZEIT: Die islamische Religionsgemeinschaft Hessen rief auf, Ihre Veranstaltung zu boykottieren.

Vogel: Diese Leute haben null Einfluss, null Mut. Nicht mal den Mumm, uns zu sagen, dass der, der den Islam nicht annimmt, in die Hölle geht.