Was geschieht mit einem Schriftsteller, wenn er zum Redner wird? Er kann zum Festredner werden, der seinem Publikum einen schön geflochtenen Wörterstrauß überreicht. Darum geht es Schriftstellern aber selten, wenn sie Reden halten, und einem wie Max Frisch schon gar nicht. Was also geschieht mit dem Schriftsteller, wenn er zu einem Redner wird, der etwas zu sagen hat? Der ein Anliegen verfolgt und Stellung bezieht? Worin unterscheidet er sich dann noch von einem Politiker? Und inwiefern ist seine Rede noch ein literarischer Text?

Das sind mit Blick auf Max Frisch keine rhetorischen Fragen.

Meist hat Frisch Reden gehalten, weil er geehrt wurde und sich mit einer Rede dafür bedanken musste. Selbst dann hat er sich aber nicht darauf beschränkt, sich bloß von seiner sonntäglichen Seite zu zeigen. Als er sich 1976 auf seine Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt vorbereitete, schrieb er in einem Brief an Uwe Johnson: "Die Rede, die in der Paulskirche zu halten ist, sollte eine nützliche sein; eine halbe Stunde, aber sie fordert, dass ich mir über den Stand meiner politischen Erwartungen klar werde, also vor mir selber antrete."

Dass von ihm als Preisträger eine "nützliche" Rede erwartet würde, war Frisch mehr als bewusst, zu halten in einem hochehrwürdigen sonntäglichen Rahmen, der ihm "ziemlich widerwärtig" war, wie er im Nachhinein bekannte, vor lauter Leuten mit toten und maskenhaften Gesichtern, die "nicht in jedem Fall unbedingt diejenigen waren, die ich mir wünschte..." Welche Zuhörerschaft er sich stattdessen gewünscht hätte, bleibt ebenso unklar, wie was das Wort "nützlich" im Brief an Johnson genau besagen soll. Jedenfalls hat Frisch es in eine gewisse Spannung gebracht zu dem, was er für die Pflicht des Schriftstellers bei solchen Anlässen hielt: Bevor er vor sein Publikum tritt, muss der Schriftsteller, wie es sein Geschäft ist, zuerst einmal vor sich selber antreten – will er mehr tun, als sich bloß als nützlich zu erweisen.

Frisch hat aber nicht nur Festreden, also Dankes-, Eröffnungs- und Geburtstagsreden gehalten, und außerdem Lobreden (auf Alfred Andersch oder Peter Bichsel) und Totenreden (auf Kurt Hirschfeld oder Peter Noll), sondern er ist auch immer wieder als Redner ins politische Tagesgeschäft eingestiegen. So trat er in den siebziger Jahren mehrfach als Redner auf den Parteitagen der schweizerischen und der deutschen Sozialdemokratie auf. Er tat dies, weil er sich nicht denken konnte, dass "Politik ohne die lästige Assistenz der Intellektuellen eine geschichtliche Chance hat". Mit diesen Worten hat er sich 1977 in einer Rede vor den Delegierten des SPD-Parteitages in Hamburg geäußert, vor den versammelten SPD-Granden der damaligen Zeit, vor Herbert Wehner, Willy Brandt und Helmut Schmidt, im November 1977, also inmitten der Nachgefechte des "Deutschen Herbstes".

In dieser höchst aufgeladenen Stimmung, in der die Politik zu sehr weitgehenden Abwehrmaßnahmen gegen die Bedrohung der Demokratie auf Kosten der Demokratie bereit war (eine Problematik, die nichts an Bedeutung verloren hat), stellte sich Frisch hin, bekundete zunächst einmal seine Solidarität mit allen als "Vorbeter des Terrorismus" in Verdacht geratenen Schriftstellern und Intellektuellen (Heinrich Böll, Günter Grass, Jürgen Habermas und andere) und sprach dann an die Adresse der anwesenden Politprominenz, die damals an der Macht war: "Sozialdemokraten! Die Zukunft, so scheint es im Augenblick, gehört der Angst und nicht der Hoffnung auf Mehr-Demokratie. Diese unsere Hoffnung, die wir nicht aufgeben, gilt zur Zeit als Verharmlosung des Terrorismus, Angst als des Bürgers erste Pflicht. Was damit zu betreiben ist: Abbau der Demokratie (wie es heißt: zur Rettung der Demokratie) – das alles, ich weiß, braucht Ihnen kein Hergereister zu erzählen. Hingegen habe ich drei Fragen."