Es ist eine echte Sensation: Die Filmfestspiele in Cannes werden neue Filme von Jafar Panahi und Mohammed Rasoulof zeigen. Zur Erinnerung: Die iranischen Regisseure waren 2010 in Teheran verhaftet worden und wegen "propagandistischer Aktivitäten" zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt worden. Sie legten Berufung gegen das Urteil ein, doch in vielen Berichten war fortan zu lesen, die beiden seien in Haft.

Wie aber konnten sie da Filme von 100 (Rasoulof) und 75 Minuten Länge (Panahi) drehen?

Der Fall zeigt, wie undurchsichtig solche Vorgänge in einer Diktatur für Außenstehende bleiben. Selbst Kollegen der Verurteilten in Iran finden die sensationsheischenden Meldungen, in Cannes würden Filme der Häftlinge gezeigt, "lächerlich". Beide Regisseure sind seit ihrer Verurteilung auf freiem Fuß und warten auf den Ausgang des Berufungsverfahrens.

Aber die Sache wird noch komplizierter: Mohammed Rasoulof hat für seinen Film Bé Omid é Didar (Auf Wiedersehen) sogar eine offizielle Drehgenehmigung der Behörden bekommen; inzwischen hat er sein Werk beim Kulturministerium eingereicht: Er bemüht sich um die Erlaubnis, ihn in Iran vorführen zu dürfen. Wer nun denkt, der 38-Jährige habe dafür Kompromisse mit dem Regime gemacht, sieht sich abermals getäuscht: Nach Angaben des Festivals erzählt der Film die Geschichte eines jungen Teheraner Anwalts, der ein Visum zum Verlassen des Landes zu ergattern sucht – genau das, was Rasoulof im Winter versucht hat. Solch einen Film zu erlauben, zeigt vor allem eins: Willkür und totale Verunsicherung sind die perfidesten Kontrollmethoden des Regimes. Die Kunst, einander offenbar widerstreitenden Behörden Zugeständnisse abzuluchsen, wird für den Regisseur so wichtig wie ein gutes Drehbuch.

Panahis neues Werk – ohne Genehmigung entstanden – ist noch direkter autobiografisch: In Film Nist (Dies ist kein Film) ist eine Art filmisches Tagebuch, in dem der Regisseur vom endlosen Warten auf den Ausgang seines Berufungsverfahrens erzählt. Man sieht ihn in seiner Wohnung, auf dem Balkon mit Blick über Teheran, auf dem Sofa, einen Leguan auf der Schulter. "Die Tatsache, dass wir am Leben sind, und der Traum, das Kino am Leben zu erhalten, haben uns motiviert, über die existierenden Grenzen des iranischen Kinos hinauszugehen", schreibt Panahi in einem Brief an die Festivalleitung, die ihn zusätzlich mit einem Preis ehrt. "Unsere Probleme sind auch unser ganzer Besitz. Dieses Paradox zu verstehen hat uns geholfen, nicht die Hoffnung zu verlieren. Es ist unsere Pflicht, uns nicht besiegen zu lassen und Lösungen zu finden."

Der Schritt der beiden, in ihrer unklaren Situation mit neuen Filmen an die Weltöffentlichkeit zu gehen, zeugt von außerordentlichem Mut – und davon, dass die Kunst nur ganz schwer mundtot zu machen ist. Im Sande verlaufen kann das Verfahren gegen die beiden nun nicht mehr. Umso wichtiger ist es, immer wieder an ihr Schicksal zu erinnern. Dass Öffentlichkeit ihm helfe und nicht schade, hat Panahi selbst immer wieder betont. Seine Furchtlosigkeit sollte uns eine Verpflichtung sein.