Die radikale Bürgerbewegung Pax Europa fühlt sich bestärkt vom Innenministerium. Sie warnt schon lange vor der Islamisierung der deutschen Gesellschaft und vergleicht den Islam mit dem Nationalsozialismus. Das Minarettverbot in der Schweiz hat sie begeistert gefeiert. Statt sich von diesen Leuten zu distanzieren, lässt Minister Herrmann im Jahr 2010 einen Ministerialrat in seinem Namen an Pax Europa schreiben. "Kritik an bestimmten Ausprägungen des Islam ist auch in muslimischen Gemeinden in Bayern nicht nur legitim, sondern geradezu notwendig", heißt es. Der Staatsminister habe sich deswegen in Interviews immer dagegen ausgesprochen, Islamkritik als "Islamophobie" abzustempeln. "Wir dürfen uns nicht scheuen, antiemanzipatorische und menschenrechtsferne Mentalitäten, Sitten, Gebräuche und Traditionen der muslimischen Minderheit klar zu thematisieren. Für die Unterdrückung von Frauen oder die Scharia ist bei uns kein Platz."

Nachvollziehbare Positionen, die jedoch Pax Europa für seine Zwecke benutzt. Es stellt den Brief ins Internet. "Chapeau, Herr Innenminister", heißt es dazu. "Auf dieser Basis können wir Islamkritiker gut weiterarbeiten."

Am 2. April 2010, es ist Karfreitag, verteilt die Organisation Pax Europa vor den Kirchen in Penzberg Flugblätter: "Penzberger Bürger!, wussten Sie, dass die Islamische Gemeinde Penzberg mit Hilfe der extremistischen Milli Görüș gegründet wurde? Wussten Sie, dass laut Koran alle Christen ›Ungläubige‹ sind? Wussten Sie, dass im Koran an 27 verschiedenen Stellen in Befehlsform zum Töten der Ungläubigen aufgefordert wird?"

Am 30. März 2010 erscheint der Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2009, und wieder tauchen die Penzberger darin auf. Jetzt wird Imam Idriz zusätzlich vorgeworfen, er habe sich von den Muslimbrüdern helfen lassen, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Was ist geschehen?

Imam Idriz hat zweimal die Hilfe eines gewissen Ahmad Khalifa angenommen. Khalifa ist ein Prediger im Islamischen Zentrum München, der ältesten Moschee der Stadt, die mithilfe der Muslimbrüder gebaut wurde. Sie gilt als europäische Anlaufstelle der Organisation und wird deswegen im Verfassungsschutzbericht erwähnt. Khalifa hatte Kontakt zu vielen finsteren Gestalten, wie etwa Mahmud Abouhalima, der 1993 versuchte, das World Trade Center in die Luft zu jagen, oder Mamduh Mahmud Salim, einem engen Vertrauten Osama bin Ladens. Ungeachtet dessen galt Khalifa lange Zeit als angesehener Mann in München, die Moschee wird von vielen unbescholtenen Muslimen besucht, und noch im Jahr 2008 rühmte sich der Staatsminister für Unterricht und Kultus, Ludwig Spaenle, er besuche regelmäßig das Islamische Zentrum München – es sei ein Beispiel dafür, "wie Integration funktioniert".

So auch für Imam Idriz. Als er 1994 nach Deutschland kommt, braucht er eine Bestätigung von einer islamischen Autorität, damit er als Imam arbeiten darf. So verlangt es das Landratsamt im bayerischen Weilheim, in dessen Landkreis Penzberg liegt. "Außer Ahmad Khalifa gab es damals niemanden, der so etwas auf Deutsch schreiben konnte", sagt Idriz. Ein ähnlicher Vorgang wiederholt sich fünf Jahre später. Die Aufenthaltsgenehmigung ist abgelaufen, das Landratsamt in Weilheim sieht sich nicht in der Lage, sie eigenmächtig zu verlängern, und ein Beamter rät Idriz, sich Unterstützung zu holen. Sein Anwalt wendet sich ganz nach oben, an Ministerpräsident Edmund Stoiber, zu dessen Wahlkreis Penzberg gehört. Die Penzberger schicken Stoiber einen Brief ihres Bürgermeisters und ein weiteres Schreiben von Ahmad Khalifa, dazu Zeitungsartikel, aus denen hervorgeht, dass sich die Penzberger Gemeinde um die Integration von Muslimen bemühe. Kurze Zeit später trifft die Nachricht ein: "Die von Herrn Ministerpräsident veranlasste Prüfung durch das Bayerische Staatsministerium des Innern hat ergeben, dass der Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung nichts entgegensteht", schreibt die Staatskanzlei. Obwohl sich der düstere Islamist Ahmad Khalifa für Imam Idriz starkmachte, hatte das Innenministerium damals keine Bedenken. Zehn Jahre später taucht der Fall im Verfassungsschutzbericht auf.

Im Mai 2010 urteilt das Verwaltungsgericht, die Islamische Gemeinde Penzberg werde zu Recht im Verfassungsschutzbericht 2008 erwähnt. Die Verbindungen zur Islamischen Gemeinde Milli Görüș seien unbestreitbar. Kurz darauf findet jenes Treffen im Innenministerium statt, in dessen Anschluss Imam Idriz die IGMG als verfassungsfeindlich bezeichnet. Ibrahim el-Zayat, der umstrittene Strippenzieher, der Idriz zuvor am Telefon genau davor gewarnt hat, ist erbost. In einem Gespräch mit einem hohen Funktionär von Milli Görüș bezeichnet er Imam Idriz als "Schwachkopf" und "Idioten". "Das ist ja nur noch peinlich", sagt el-Zayat. "Ich werde ihm jetzt drei bis vier Geldquellen schließen."

Der Kontakt zu el-Zayat schadet Imam Idriz’ Glaubwürdigkeit. Andererseits: Ist es verboten, mit Ibrahim el-Zayat zu telefonieren? Wer sich in der islamischen Szene in Deutschland engagiert, kommt um den umtriebigen Funktionär kaum herum. Und el-Zayat hat nicht nur Kontakt mit islamischen Organisationen. Er nahm im Jahr 2006 auch an einer Konferenz in Südafrika teil, die von der Evangelischen Akademie Tutzing veranstaltet wurde. Emilia Müller, Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, sprach ein Grußwort. "Die Regierung hat selbst Kontakt mit Ibrahim el-Zayat, und mir wird vorgeworfen, ich sei ein Extremist", sagt Imam Idriz.

Ibrahim el-Zayat selbst sich hat sich zu der ganzen Angelegenheit bislang nicht geäußert. Gegenüber der ZEIT beschreibt er Imam Idriz als naiv, weil der glaube, er könne sich mit dem Innenministerium einigen. Diese Beamten seien doch nur darauf aus, einen Keil zwischen die Muslime zu treiben. Idriz könne das aber nicht erkennen. Der Frage nach den finanziellen Quellen, die er dem Imam verschließen wollte, weicht er im Gespräch mit der ZEIT aus. Idriz hingegen bestreitet vehement, jemals Geld von Ibrahim el-Zayat oder Leuten, die ihm nahestehen, bekommen zu haben. Finanziert werde die Gemeinde aus Mitgliedsbeiträgen und den Mieteinnahmen aus einer Immobilie.

Im November 2010 erfährt Imam Idriz etwas Neues über sich: Unter dem Titel Hitler? Ach so veröffentlicht der Focus einen Bericht über Hussein Djozo, einen bosnischen Militärimam der Waffen-SS. Ausgerechnet diesen Hussein Djozo zählt Imam Idriz zu seinen Vorbildern. Er bezieht sich dabei auf die Schriften, die Hussein Djozo nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte. Über dessen Vergangenheit als Imam der Waffen-SS habe er, beteuert Idriz, bis dahin nichts gewusst. Ist Idriz naiv, oder lügt er?

Der Focus veröffentlichte einen Leserbrief des Imams, in dem Idriz schreibt, dass er die Shoah als "beispielloses Menschheitsverbrechen" verurteile. Zudem entschuldigte sich das Magazin: " Focus bedauert, dass der Eindruck entstand, der Penzberger Imam nehme sich die Waffen-SS zum Vorbild."

Trotz dieser Irritationen halten die nichtmuslimischen Unterstützer weiter zu Idriz. Unter ihnen ist auch Marian Offman, CSU-Mitglied und Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde in München. Er hat erlebt, wie das Jüdische Zentrum in München das jüdische Leben erneuert hat. Er glaubt, ein Islamzentrum könnte für die Muslime dieselbe Wirkung haben. Auch Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP steht hinter Idriz. Am Tag, als der Verfassungsschutzbericht 2008 veröffentlicht wird, besucht sie demonstrativ die Gemeinde in Penzberg. Auch der amerikanische Konsul in München kommt regelmäßig vorbei. Der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich sagt nach seinem Besuch in Penzberg: "Ich bin beeindruckt von der Offenheit der Gemeinde."

Im Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2010, der am 3. März 2011 veröffentlicht wird, tauchen die Penzberger wieder auf, diesmal auf zweieinhalb Seiten, so ausführlich wie nie zuvor. Benjamin Idriz hofft noch immer darauf, dass er den Kampf gegen die bayerischen Behörden gewinnen wird, die Hoffnung ist kleiner geworden von Jahr zu Jahr, und sie wäre vollständig zerstört, wenn da nicht dieser eine Satz stünde: "Neue Erkenntnisse über verfassungswidrige Aktivitäten", heißt es jetzt über die Penzberger im Bericht des Verfassungsschutzes, "ergaben sich im Berichtsjahr jedenfalls nicht."

Korrektur: In der Ursprungsfassung dieses Artikels hieß es fälschlicherweise, das Magazin Focus habe eine Gegendarstellung des Imam Idriz unter Androhung einer Verleumdungsklage abgedruckt. Dieser Fehler wurde korrigiert.