ZEIT: Wäre das Wahlergebnis schlechter ausgefallen, wenn Sie es anders gemacht hätten?

Merkel: Meine These ist: eher ja, aber das ist natürlich rein spekulativ, und das war es nicht, was mich angetrieben hat. Wahlkampf kann Politiker durchaus eher schneller dazu bringen, das Richtige zu tun, aber aus rein taktischen Gründen, also wenn sie gar nicht ehrlich gemeint gewesen wäre, hätte ich diese Entscheidung, die neue Ausrichtung der Energiepolitik vom vergangenen Herbst deutlich zu beschleunigen, nie getroffen, weil ich sie dann nie mit innerer Überzeugung hätte vertreten können. Ich bin nun über fünf Jahre Bundeskanzlerin – nein, so etwas scheidet für mich aus!

ZEIT: Wie haben Sie denn in diesem Zusammenhang den Namensbeitrag von Helmut Kohl am Tag vor der Wahl gelesen – der ja eine Aufforderung zum Festhalten an längeren Laufzeiten war?

Merkel: Ich habe ihn als Unterstützung wahrgenommen.

ZEIT:(Interviewer lachen) Wie haben Sie dieses Wunder der Wahrnehmung vollzogen?

Merkel:(lacht nicht) Ich habe nachgeschaut, ob das Wort "Brückentechnologie" vorkommt. Es kam vor. So war ich zufrieden. Schauen Sie, die Volkspartei CDU ist vielleicht diejenige Partei, die in dieser Frage die größte Spannbreite von Meinungen hat.

ZEIT: Der Riss geht quer durch CDU und CSU.

Merkel: Ja. Die Grünen haben damit kein Problem, für sie ist die Sache klar, das Thema ist ein Gründungsimpuls dieser Partei. Bei uns stellen sich viele die Fragen: Kann Deutschland es schaffen? Ist es wirtschaftlich? Trägt das Vertrauen in die erneuerbaren Energien? Deshalb wird es in den kommenden Wochen wichtig sein, diese Bedenken ernst zu nehmen und darauf Antworten zu finden.

ZEIT: Sie haben ja zwei Wenden in der Atomenergie vollzogen, erst eine Verlangsamung des Ausstiegs und jetzt eine Beschleunigung des Ausstiegs. Sie haben im letzten Herbst zur Laufzeitverlängerung gesagt, dass die Kernenergie nicht länger als "unbedingt notwendig" laufen solle. Damals waren für Sie aber viel längere Laufzeiten "unbedingt notwendig" als heute. Wieso?

Merkel: In der Tat: Wir haben gesagt, auch wir steigen aus der Kernenergie aus – dieser Konsens, den es in Deutschland gibt, wird oft übersehen –, allerdings später als bei Rot-Grün, deshalb die Laufzeitverlängerung. Das unterscheidet uns Deutsche von weiten Teilen Europas: Wir bauen keine neuen Kraftwerke. Wir steigen aus. Wir wollen das Zeitalter der erneuerbaren Energien erreichen.

Unser Energiekonzept vom Herbst hat eine klare Zielsetzung: Deutschland soll konsequent den Weg in die erneuerbaren Energien gehen. Nur so lange, wie sie auf diesem Weg notwendig ist, soll die Kernkraft noch eine Rolle spielen. Wir haben also ein in sich schlüssiges Konzept erarbeitet. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Wir haben im Herbst einen durchaus machbaren Weg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien beschrieben – und damit schon weit mehr getan als Rot-Grün damals.

ZEIT: Ein bequemer Weg!

Merkel: Nein, das im Herbst formulierte Ziel, im Jahr 2050 80 Prozent unseres Stroms aus Erneuerbaren zu beziehen, ist schon sehr ambitioniert, man darf sich da keinen Illusionen hingeben. Aber gemessen an der Entschlossenheit heute, war es damals ein, sagen wir mal, ruhigerer Weg, zurückhaltender.

ZEIT: Sie haben in jenem Herbst auch gesagt, man dürfe aus der Atomenergie nicht vorzeitig "aus ideologischen Gründen" aussteigen. Sind Sie jetzt die Ideologin, oder waren Sie es damals?

Merkel: Wäre ich das jemals gewesen, dann hätte ich in den neunziger Jahren schon als Umweltministerin keine Energiekonsensgespräche mit dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Schröder führen können, die damals übrigens auch nicht an uns beiden gescheitert sind. Dennoch: Die Auseinandersetzung um die Kernenergie hatte in Deutschland schon lange auch eine fast kulturelle Dimension, da standen sich Parteien und Milieus fast unversöhnlich gegenüber. Ein unguter Zustand, zu dem alle Seiten ihren Beitrag geleistet haben.

Kernkraftgegner haben gesagt, sie wollten mit diesem Restrisiko nicht leben, haben sich aber immer sehr darauf konzentriert, den Ausstieg umzusetzen, und die Frage, wie man in eine bessere Energieversorgung einsteigt, schleifen lassen. Auch über das Problem, dass man möglicherweise aus dem Ausland Strom, auch Strom aus Kernkraft importieren muss, haben sie zu sehr hinweggesehen. Uns dagegen haben viele im Herbst nicht abgenommen, dass wir das Zeitalter der erneuerbaren Energien wirklich erreichen wollen, weil die öffentliche Diskussion nur um die Frage "Verlängerung, ja oder nein?" kreiste und es uns nicht gelungen ist, mehr Augenmerk auf die anderen wesentlichen Elemente des Energiekonzepts zu lenken.

Interessanterweise werfen andere, die immer einen schnellen Ausstieg verlangt haben, plötzlich Fragen auf, die sie sich selbst bis dahin gar nicht gestellt haben. Sie mahnen nun, wir sollten aufpassen, dass der Strom bezahlbar bleibt. Das war für die Union immer schon ein zentraler Gedanke. Dieser ganze Prozess führt nun vielleicht dazu, dass die Gesellschaft den Ausstieg als gemeinsame Anstrengung annimmt und auch Nachteile – siehe Netzausbau, siehe Speicherwerke, siehe Windmühlen im Landschaftsbild – in Kauf nimmt, weil wir uns alle gemeinsam auf einen ehrlichen Weg machen müssen.