ZEIT: Bevor wir uns der Zukunft zuwenden, wollen wir noch ein paar Minuten nachtragend sein.

Merkel: Bitte!

ZEIT: Haben Sie, als Sie die Bilder von Fukushima gesehen haben, die Laufzeitverlängerung bereut?

Merkel : Nein, ich spürte aber sofort, dass das, was ich damals aus Überzeugung vertreten habe, auf den Prüfstand muss. Wir haben über die Laufzeitverlängerung jahrelang gesprochen – im Übrigen auch im Wahlkampf –, es konnte also keiner überrascht sein, dass wir das getan haben. Ich habe, wie gerade dargestellt, schon im Herbst bedauert, dass wir nicht ausreichend deutlich machen konnten, dass es uns wirklich um einen konsequenten Weg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien geht. Gerade auch als ehemalige Umweltministerin habe ich das bedauert. Andere haben uns den Vorwurf gemacht, wir würden den Energieversorgungsunternehmen einen Gefallen tun, damit die möglichst viel erlösen.

ZEIT: Und das stimmte gar nicht?

Merkel: Das hat nie gestimmt. Durch unser Energiekonzept wurden die Energieversorgungsunternehmen erheblich belastet. Ihre wirtschaftliche Lage ist im Übrigen nicht so exorbitant gut, dass sie jede Belastung schultern könnten. Wir haben schließlich ein Interesse an erfolgreichen großen heimischen Energieerzeugern; die Stadtwerke alleine werden es nicht schaffen.

ZEIT: Es entstand auch der Eindruck, dass Sie bei Ihrer Entscheidung unter Druck gesetzt wurden.

Merkel: Ein falscher Eindruck, niemand setzt mich unter Druck.

ZEIT: Mehrere namhafte Wirtschaftsvertreter und andere Prominente veröffentlichten damals eine Anzeige, um die Verlängerung der Laufzeiten zu unterstützen. Haben Sie das als hilfreich empfunden?

Merkel: Nein. Wenn ich so große Anzeigen sehe, bin ich eher traurig über das ausgegebene Geld, weil ich als Parteivorsitzende aus Wahlkämpfen weiß, wie viel das kostet. Als hilfreich habe ich sie nicht empfunden.

ZEIT: Sie haben im vergangenen Herbst auch gesagt, sowohl die Atomenergie als auch Kohlekraftwerke sind Brückentechnologien. Jetzt soll die Brücke der Atomenergie verkürzt werden. Muss dadurch die Kohlebrücke verlängert werden? Und was sagt die Klimakanzlerin dazu?

Merkel: Wenn wir nun schneller aus der Kernenergie aussteigen, dann wird sich zeigen, dass wir Ersatzkraftwerke brauchen, nach meiner Meinung vornehmlich Gaskraftwerke. Auf jeden Fall werden wir hoch effiziente Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen benötigen. Das verändert unsere CO₂-Bilanz, was wiederum bedeutet, dass wir Wege finden müssen, um an anderer Stelle mehr einzusparen, um das auszugleichen. Wir müssen die Gebäudesanierung schneller vorantreiben und die Energieeffizienz unserer Produkte und unserer ganzen Wirtschaft noch rascher verbessern, um diese zusätzlichen CO₂-Emissionen anderswo einzusparen.

ZEIT: Die Zahl steht: neun bis zehn neue Kohlekraftwerke in den nächsten zwei Jahren.

Merkel: Das haben die Unternehmen und der Markt zu entscheiden und teilweise schon entschieden. Bei künftigen Festlegungen über Kraftwerksprojekte spricht vieles auch für Gas: Gaskraftwerke können am schnellsten gebaut werden, sie sind flexibel als Ergänzung erneuerbarer Energien einsetzbar, und Gaskraftwerke haben weniger CO₂-Emissionen.

ZEIT: Sehen Sie das Klimaziel für 2020 gefährdet?

Merkel: Nein, das müssen und werden wir schaffen. Wir schalten ja ganz sicher nicht alle Kernkraftwerke sofort ab. Danach erst stellen sich die entscheidenden Fragen, die Schwierigkeit wird also sein, von etwa 2020 bis 2035 oder 2040 zu kommen.

ZEIT: Wie stellen Sie sich die Lastenverteilung dieser Energiewende vor: mehr zulasten des Verbrauchers oder des Steuerzahlers?

Merkel: Jeder Steuerzahler ist auch Verbraucher, nicht alle Verbraucher sind Steuerzahler. Wir haben uns schon vor Jahren entschieden, dass wir mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz alle Verbraucher in die Lastenverteilung einbeziehen. Gerade zwischen 2009 und 2011 gab es einen großen Sprung in der Umlage, die durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz entstand, nämlich von knapp 1,5 Cent auf über 3 Cent pro Kilowattstunde.

ZEIT: Die Frage nach den Kosten beschäftigt die Menschen sehr. Wann können Sie ihnen greifbare Zahlen nennen?

Merkel: Bald. In der Wirtschaftskrise hatten wir einen Ölpreis von 50 Dollar je Barrel, in den letzten Wochen lag er wieder zwischen 120 und 130 Dollar. Mit diesen Schwankungen leben die Menschen heute schon. Sie werden auch mit den Schwankungen beim Strompreis leben müssen, die sich aus veränderten Restlaufzeiten von Kernkraftwerken ergeben.

ZEIT: Wird es ein schöneres Land sein, mit neuen Stromtrassen, wärmegedämmten Häusern und vielen hohen Windrädern?

Merkel: Im Vergleich zur Zeit vor 20, 30 Jahren ist unser Land doch an vielen Stellen schöner geworden. Damals waren viele Flüsse vergiftet, heute baden und fischen die Menschen wieder in ihnen. Die Industrie arbeitet insgesamt viel umweltschonender, nicht nur in meiner ostdeutschen Heimat, dort ist der Unterschied natürlich frappierend. Also wirklich: Ich glaube nicht, dass unser Land viel weniger schön wird, nur weil wir Energie anders produzieren und den Strom auch durchleiten müssen.

ZEIT: Das sagen Sie, obwohl Sie in Ihrem Heimatland so schöne Landschaften vor Augen haben.

Merkel:Mecklenburg-Vorpommern hat 1 Prozent seiner Fläche für Windenergie ausgewiesen, 99 Prozent also nicht. Natürlich sieht man diese Windräder zum Teil schon von Weitem, in meinem Wahlkreis stehen zum Beispiel besonders viele. Aber man kann die zusätzlichen teilweise entlang der Autobahnen, der großen Verkehrstrassen bauen. Hochspannungsleitungen können vielleicht zum Teil entlang der Eisenbahnstrecken geplant werden. Daran wird unser Land nicht zerbrechen, und es wird noch immer schön sein.