ZEIT: Wir könnten stundenlang zuhören, wie Sie die Härten der Energiewende vertreten! Geschmacksfragen sind da nicht so wichtig?

Merkel: Selbstverständlich ist der Erhalt der Schönheit unserer Landschaft wichtig, aber die Diskussion ist nicht neu. Denken wir nur daran, was los war, als vor 150 Jahren plötzlich die Eisenbahnen zu rattern begannen. Da sahen manche auch das Ende gekommen. Jede Generation hat die Aufgabe, die Infrastruktur der Zukunft möglich zu machen. Auf der anderen Seite bauen wir heute auch Industriebauten wieder zurück. Kohlezechen sind heute Kulturstätten, und manch altes Tagebaugebiet dient der Naherholung.

ZEIT: Sie verteidigen diesen Weg ganz anders, als Grüne das machen. Die Grünen sagen: Es wird alles ganz schön, und Sie sagen: Stellt euch nicht so an! Ist das die Merkelsche Energiewende?

Merkel: Ich sage nicht: Stellt euch nicht so an. Ich lese jetzt von Designerwettbewerben um schöne Hochspannungsleitungen. Damit will ich nicht kommen, ich versuche, die Aussichten ganz realistisch zu beschreiben. Ja, es wird sich mancherorts etwas ändern. Mancher wird erleben, dass in der Nähe seines Wohnorts eine Leitung gebaut wird, wo vorher keine war. Das hat es zu allen Zeiten und in vielen Formen gegeben. Bei dem einen wird eine Straße gebaut, bei dem anderen eine Fabrik. In Berlin entsteht gerade ein Flughafen neu. Wir Politiker haben die Pflicht, gut zu begründen, warum das manchmal nötig ist, wir müssen auf die Fragen der Menschen Antworten haben.

ZEIT: Planen Sie eine verbindliche Laufzeit für jedes einzelne AKW?

Merkel: Es gibt die Möglichkeit, die Summe an Kilowattstunden festzulegen. Es gibt die Möglichkeit, die Restlaufzeit in Jahren festzulegen. Und es gibt die Möglichkeit, diese beiden Varianten zu mischen. Wir haben das noch nicht entschieden.

ZEIT: Wie wollen Sie die Endlagerfrage lösen? Wollen Sie außer in Gorleben noch woanders bohren? Erwarten Sie mehr Kooperation von Baden-Württemberg zum Beispiel?

Merkel: Ich denke nicht, dass man jetzt überall parallel bohren sollte. Das wäre Unsinn. Die Endlagerfrage kommt auf den Tisch, wir werden über sie sprechen, wenn das neue Energiekonzept steht. Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass es nicht dadurch leichter wird, dass man die Last der Suche und Erkundung auf fünf Orte verteilt.

ZEIT: Was nutzt dieser ganze schöne Ausstieg, wenn wir umringt sind von Ländern, die die Kernenergie weiter ausbauen?

Merkel: Eine sehr berechtigte Frage, zumal in einem europäischen Binnenmarkt: Was nützt es Deutschland, wenn es sich nach seiner Überzeugung richtig verhält, und alle anderen tun es nicht? Wenn ich jedoch zuallererst danach frage, ob auch alle anderen von meiner Haltung überzeugt sind, oder wenn ich nur an die anfänglichen Nachteile meines eigenen, von mir für richtig erachteten Verhaltens denke – dann drehen wir uns im Kreis.

Als in Deutschland Bertha Benz mit dem ersten Automobil über die Straßen gerumpelt ist, haben auch viele Zeitgenossen gesagt: So ein Quatsch, die eine Pferdestärke einer Kutsche reicht doch, und wer weiß, wie gefährlich diese neue Erfindung ist. In ihren Augen war Bertha Benz eine Geisterfahrerin auf einem seltsamen Sonderweg – aber das Auto hat sich durchgesetzt. Deutschlands Wohlstand gründet sich auch darauf, dass wir manchmal als Erste einen neuen Weg gegangen sind. Als ich 1994 Umweltministerin wurde, kamen 4 Prozent unserer Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen. Heute sind wir bei 17 Prozent. Das ist schon beachtlich. Jetzt wollen wir bis 2020 auf 40 Prozent kommen, was sehr ambitioniert ist. Das wird uns Kraft kosten. Aber wenn wir glauben, dass wir Vorteile davon haben, und das ist ja offensichtlich, dann ist das zu schaffen.

ZEIT: Unser Sonderweg ist also eine Avantgarderolle?

Merkel: Es gibt eine ganze Reihe europäischer Länder, die nicht auf Kernkraft setzt. Deutschland hat immer einen Energiemix gehabt. Bei uns macht die Kernenergie ein Fünftel aus. Wenn man die Diskussion verfolgt, denkt man manchmal, wir bezögen 80 Prozent aus Kernenergie. Das ist ja gar nicht der Fall.

ZEIT: Aber keiner hat so radikal und schnell reagiert wie Deutschland.

Merkel: Das ist richtig.

ZEIT: Wie kommt das?

Merkel: So fundamental wie bei uns wird fast nirgendwo sonst über Kernenergie diskutiert. Hier ist eine ganze Partei darüber entstanden.

ZEIT: Sind die Deutschen so ängstlich wegen des Restrisikos, oder sind sie nur mutig genug, neue Wege zu gehen?

Merkel: Jedes Land diskutiert bestimmte Fragen sehr gründlich. In den Debatten über die Solidarität in der Euro-Zone und die Stabilität unserer Währung stelle ich auf europäischer Ebene Fragen, die sonst kaum einer stellt und die manche wohl auch manchmal anstrengend finden, die sagen dann, das sei schon wieder so eine Merkel-Idee. Das ist vielleicht eine Kehrseite unserer Präzision und unseres Erfindungsgeistes.

Ich werde darauf achten, dass wir den richtigen Weg finden, unsere Energie zu erzeugen, einen Weg, der zu einem ökologisch denkenden Industrieland und einer bedeutenden Wirtschaftsmacht passt. Dieser Weg ist dann aber auch eine Verpflichtung. Dann kann nicht jeder kommen und sagen: So viele neue Leitungen wollen wir nicht, und die Windenergie passt uns eigentlich auch nicht, die Umlage für die Photovoltaik ist eh zu hoch, und gegen den Anbau von Pflanzen zur Energieerzeugung bin ich aus Prinzip auch, aber aus der Kernenergie müssen wir sofort raus.

Einen Ausstieg mit Augenmaß zu schaffen ist die große Herausforderung im Augenblick. Wir müssen in den nächsten ein, zwei Monaten alle sagen: Dazu stehen wir! Ein Ausbüxen gibt’s jetzt nicht mehr.