ZEITmagazin: Herr Genscher, wer, wenn nicht Sie, könnte uns sagen, was derzeit mit der FDP passiert ?

Hans-Dietrich Genscher: Die Partei ist schon durch viele Täler gegangen, sie hat viele Zerreißproben überstanden. Was wir jetzt erleben, ist eine schwere Vertrauenskrise, die schwerste seit Gründung der FDP. Vor wenigen Wochen bin ich in meiner Heimatstadt Halle gewesen. Dort bin ich vor 65 Jahren Mitglied der liberalen Partei geworden. Ich habe gelernt, dass die FDP-Mitgliedschaft anstrengend ist. Jeder Tag rechnet doppelt, gefühlt bin ich demnach schon 130 Jahre dabei.

ZEITmagazin: Was ist jetzt zu tun?

Genscher: Das Potenzial der Partei ist eine ausgezeichnete jüngere Generation . Diese wird zunehmend sichtbar. Dazu kommen erfahrene Liberale mit Blick und Verständnis für die Zukunftsfragen. Guido Westerwelle verdient Respekt dafür, dass er einen personellen Neuanfang ermöglicht, indem er nicht wieder für den Vorsitz kandidiert.

ZEITmagazin: In diesen Tagen fragt man sich: Woran ist gute Außenpolitik zu erkennen?

Genscher: Sie muss perspektivisch angelegt sein, sie muss wertorientiert, konsistent und berechenbar sein. Ich bin oft kritisiert worden, dass ich meine Außenpolitik, sooft es ging, in Interviews dargelegt habe. Das war für mich das Gespräch mit den Bürgern. Außenpolitik darf nicht als geheime Kabinettspolitik behandelt werden. In einer offenen Gesellschaft muss sie von der Öffentlichkeit mitgetragen werden. Nur so konnte Deutschland nach Hitler das Vertrauen der Welt wiedergewinnen.

ZEITmagazin: Was dachten Sie, als Sie von der Abstimmung bei den Vereinten Nationen zum Hilfseinsatz in Libyen hörten, davon, dass sich Deutschland der Stimme enthielt?

Genscher: Verteidigungsminister Thomas de Maizière hat in New York erklärt, man solle diese Debatte beenden . Er hat recht. In Wahrheit geht es jetzt um ein Konzept des Westens, wie er die Freiheitsentwicklungen in der arabischen Welt wirksam unterstützen kann.

Besuch bei Hans-Dietrich Genscher. Zwei Vormittage verbringen wir mit ihm in seinem Haus am Waldrand oberhalb von Bonn-Bad Godesberg. Wir erfahren viel über die Mächtigen dieser Welt, von denen so manche hier vor dem Kamin gesessen haben. Zum Beispiel der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko und Hosni Mubarak, damals ägyptischer Staatspräsident. Genscher wird uns die erstaunliche Sammlung seiner Bilder an der Wand erklären, und er wird von der größten Zäsur seines Lebens erzählen – seiner Tuberkuloseerkrankung, derentwegen er als Jugendlicher jahrelang in Kliniken und Heilanstalten lag. Aber es gibt auch Fragen, bei denen Hans-Dietrich Genscher verstummt. Wer mit ihm, der Inkarnation des deutschen Außenministers, über die Krise des Außenministers Guido Westerwelle spricht, hat es nicht leicht. Schweigen, dürre Diplomatenworte, lange Pausen – man kann ahnen, dass es ihm auch um Anstand geht: Man schlägt auf niemanden ein, der schon am Boden liegt.

ZEITmagazin: Was erwarten Sie von Philipp Rösler ?

Genscher: Von ihm wird Führungsstärke und Entscheidungskraft erwartet. Das gilt in Sach- und Personalfragen. Er muss Vertrauen nach innen und nach außen wiederherstellen.

ZEITmagazin: Welche Niederlage hat in letzter Zeit am meisten geschmerzt? Womöglich, dass die FDP in Sachsen-Anhalt, Ihrer alten Heimat, gar nicht mehr in den Landtag gekommen ist?

Genscher: Natürlich hat mich das besonders geschmerzt. Allerdings lag es im allgemeinen Trend.

ZEITmagazin: Was werden Sie den Delegierten auf dem Parteitag ins Stammbuch schreiben?

Genscher: Das ist nicht meines Amtes. Ich werde mich nicht hinstellen und eine hoch motivierte junge Generation wie Kinder auf die Bühne bitten mit den Worten: "Nun macht mal schön!" Nein, ich traue es den Jungen und den aktiven Erfahrenen zu. Sie können es.

ZEITmagazin: Sie haben der FDP viel zu verdanken. Bei der Gelegenheit: Hätten Sie eigentlich auch Bundeskanzler gekonnt?

Genscher: Darüber habe ich nie nachgedacht. Die FDP hatte es nicht in der Hand, selbst den Kanzler zu stellen. Aber zurückgeschreckt wäre ich nicht. Nach meinem Ausscheiden als Minister hätte ich Bundespräsident werden können. Aber ich fand damals, alles hat seine Zeit. Es war richtig aufzuhören.

ZEITmagazin: Als Sie 1992 auf eigenen Wunsch aus der Bundesregierung ausschieden, fühlte sich so mancher irritiert wegen der Schnelligkeit, mit der Sie sich zurückzogen. Warum diese Eile?

Genscher: Es gab keine Eile. Ich habe im Sommer 1991 mit meiner Frau zum ersten Mal darüber gesprochen. Ich wollte nicht, dass mich eines Tages jemand fragt: Wann hören Sie endlich auf? "Warum hören Sie schon auf?" klingt besser. Sie dürfen nicht vergessen: Als ich 1992 ausschied, bestand die Republik 43 Jahre. Davon war ich 23 Jahre in der Regierung. Da gibt es irgendwann eine Art Legitimationsproblem in einem System, das auf Wechsel und Ablösung beruht. Es war genug.

ZEITmagazin: Helmut Schmidt hat über den Preis eines hohen Amtes gesprochen; gepanzerte Autos, Bodyguards, seine Tochter, die aus Sicherheitsgründen Deutschland verließ und zum Studium nach England ging.

Genscher: Er hat recht. Unser Haus wurde Tag und Nacht bewacht. Über Jahre ging das so. Es war schwierig, ein normales Leben zu führen, aber wir haben es versucht. Einmal rief mich meine Frau an, ich bereitete gerade den Parteitag in Kiel vor. Sie berichtete mir von einer Tragödie bei uns zu Hause. Zwei BGS-Beamte hatten wohl ausprobieren wollen, wer von ihnen die Pistole schneller ziehen konnte. Dabei hatte sich ein Schuss gelöst, ein junger Polizist hatte den Kommandoführer tödlich getroffen. Meine Frau sagte weinend: "Bei uns liegt ein toter Mann auf der Terrasse!" Ein Albtraum!

ZEITmagazin: Was bleibt? Sie bezeichnen Eduard Schewardnadse, den ehemaligen russischen Außenminister, als einen Ihrer engsten Freunde. Können Sie sich noch daran erinnern, wie es mit Ihnen beiden begann?

Genscher: Ich erinnere mich an einen Besuch in Helsinki 1985. Es war der zehnte Jahrestag der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki, und der jugendlich wirkende russische Außenminister Schewardnadse kam dazu. Er bestellte mir Grüße von seinem Amtsvorgänger Gromyko, und dann sagte er einen bedeutsamen Satz: Er bat mich um Verständnis, dass er sich außerstande sehe, mir die außenpolitische Linie der neuen Regierung von Gorbatschow darzulegen, und überraschte mich mit dem Hinweis: "Wir sind gerade dabei, unsere Außenpolitik zu formulieren."

ZEITmagazin: Eine Botschaft von großer Bedeutung?

Genscher: Das kann man wohl sagen, denn damit war klargestellt, es würde unter Michail Gorbatschow auch außenpolitisch nicht alles beim Alten bleiben.

"Mir reicht das Gefühl über Gorbatschow zu sagen, das ist mein Freund"

ZEITmagazin: Haben Sie sich vor dem ersten Zusammentreffen mit dem sowjetischen Regierungschef Ratschläge bei westlichen Amtskollegen geholt?

Genscher: Ja. Das habe ich. Ich suchte deshalb François Mitterrand in Paris auf. Er sagte mir: "Sie werden einen sowjetischen Generalsekretär erleben, mit dem Sie so reden können wie mit mir. Er hat keinen Stapel vorgefasster Erklärungen vor sich auf dem Tisch liegen, die mit dem Politbüro abgestimmt sind. Nein, er will ein Gespräch. Er wird Sie unterbrechen, und er erwartet, dass Sie ihn unterbrechen."

ZEITmagazin: So ist es dann auch gewesen?

Genscher: Ja, so war es. Ich erinnere mich daran, wie Gorbatschow fragte: "Wie ist es möglich, dass wir den Amerikanern in der Raumfahrt mindestens ebenbürtig sind, ebenso in der Rüstung, und wir trotzdem nicht in der Lage sind, unsere Bevölkerung mit Kühlschränken, Autos und Wohnungen zu versorgen. Was läuft falsch bei uns?" Damit stellte er die Systemfrage, und das mir gegenüber, einem Menschen, dem er zum ersten Mal begegnete. Ich fand das fast revolutionär.

ZEITmagazin: Haben Sie damals schon geahnt, was mit diesem Mann alles möglich sein könnte?

Genscher: Diese Begegnung mit Gorbatschow hat mich tief berührt. Damals habe ich zu meinem Mitarbeiter Gerold von Braunmühl gesagt, wenn der das alles macht, was er uns sagt, dann haben wir zum ersten Mal eine reale Chance, die deutsche Vereinigung zu erleben. Ja, ich war der Ansicht, dieser Mann wird die Welt verändern, er meint es ehrlich.

ZEITmagazin: Kann man sagen, dass Sie Gorbatschow auf eine besondere Weise geliebt haben?

Genscher: Geliebt ist ein sehr großes Wort – und hier nicht das richtige. Mir reicht schon das Gefühl, das hätte ich mir vorher nie vorstellen können, über einen ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu sagen, das ist mein Freund.

ZEITmagazin: Welche Erinnerung haben Sie an den Rücktritt von Gorbatschow 1991?

Genscher: Ich habe versucht, mit ihm am Heiligabend 1991 zu telefonieren. Es hieß, das Gespräch sei erst am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages möglich. Als es schließlich so weit war, meinte Gorbatschow, er habe soeben seine Fernseherklärung an die Völker der Sowjetunion beendet. Nach unserem Telefongespräch werde er den Kreml verlassen. Und dann wollte er mir wohl zeigen, dass er bei aller inneren Bewegung über den Abschied noch zu einem Scherz in der Lage ist. Er meinte, er hätte ja auch Heiligabend zurücktreten können, aber er wisse ja, was den Deutschen die Weihnachtsgans bedeute. Diesen Genuss habe er uns nicht verderben wollen.

ZEITmagazin: Während Ihrer 18 Jahre als Außenminister haben Sie an vielen Staatsbegräbnissen teilgenommen. Wie echt ist die Trauer?

Genscher: In besonderer Weise habe ich die Trauer um den ägyptischen Staatspräsidenten Anwar al-Sadat in Erinnerung.

ZEITmagazin: Warum?

Genscher: Er sah sich, davon bin ich überzeugt, in einer historischen Mission. Er war eine moralische Autorität. Er wollte Frieden mit Israel. Er wusste, einer muss den ersten Schritt tun. Er wusste auch, er setzt sein Leben aufs Spiel.

ZEITmagazin: Sein Nachfolger wurde Hosni Mubarak, an dessen moralischer Integrität die ganze Welt heute großen Zweifel hegt.

Genscher: Als er sein Amt antrat, war ich voller Hoffnung. Ich traf ihn unmittelbar nach dem Attentat auf Sadat in Kairo. Seine Hand war noch verbunden, Mubarak hatte versucht, den Präsidenten hinter eine Mauer zu ziehen. Dabei hatten die Attentäter seine Hand zerschossen. Wenn ich heute sehe, wie man über ihn denkt – nicht ohne Grund –, dann schmerzt das.

ZEITmagazin: Sie haben mit vielen Despoten verhandelt, mit Leuten, die die Menschenrechte mit Füßen traten. Fiel Ihnen die Diplomatie in solchen Augenblicken schwer?

Genscher: Manchmal ballte sich die Hand in der Hosentasche zur Faust. Dennoch, zu einem immer neuen Gespräch gibt es keine Alternative. Ich war aktiv beteiligt an der KSZE-Konferenz, der wohl größten Menschenrechtsinitiative der Geschichte. Auch die kam nur zustande mit den Unterschriften von Leonid Breschnew und Erich Honecker.

ZEITmagazin: Ihr Amtskollege Andrej Gromyko war noch ein Vertreter des alten Russlands, ein meist finster dreinblickender Zeitgenosse. War sein Wesen auch ziemlich finster?

Genscher: Oh nein. Gromyko war ein Familienmensch. Man konnte ihm keine größere Freude machen, als sich nach seinen Enkeln zu erkundigen. Dann fühlte er sich veranlasst, über ihren "Dienstgrad" Auskunft zu geben. Man muss dazu wissen, dass die Gromykos eine Datscha auf der Krim hatten. Dort hatten sie auch ein Boot. Irgendwann wurde der eine Enkel zum Bootsmann und der andere zum Vollmatrosen "befördert". Davon berichtete er gern. Das hob auch seine eigene Stimmung.

ZEITmagazin: Aber eingewickelt hat er Sie nie?

Genscher: Nein. Gromyko war jemand, der die politischen Systeme mehr als andere durchschaute. Er hatte großen Respekt vor den Amerikanern. Washington war sein erster Botschafter-Posten. Er wusste, wie die Lage in seiner Heimat war, als die Sowjetunion den Zweiten Weltkrieg führte. Und er hat es miterlebt, als die Amerikaner diesen Krieg führten: in Südostasien und in Europa. In den USA spürte man kaum etwas. Im Lande brannten die Lichter, und es fehlte an kaum etwas. Gromyko hatte ein Gefühl für die unglaubliche Vitalität und Stärke der USA.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielte Wodka bei diesen Gesprächen?

Genscher: Er spielte keine Rolle – im Gegenteil. Ich habe Gromyko in Moskau einmal zugeprostet. Sofort kam seine Frau auf mich zu und bat mich, dies zu unterlassen. Der Arzt habe ihrem Mann Wodka verboten. Aber er könne natürlich auch nicht zeigen, dass er es nicht dürfe.

"Meine schwächste Zeit machte mich stark"

ZEITmagazin: Sie haben fast Ihr ganzes Leben der Politik verschrieben. Sie haben damals beim Attentat während der Olympischen Spiele 1972 in München mit den Terroristen verhandelt, über lange Jahre Deutschland in der Welt vertreten und schließlich auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag offene Grenzen zwischen Ost und West in Aussicht gestellt. Woher haben Sie all die Kraft genommen?

Genscher: Ich bekam mit 19 Jahren eine schwere Lungentuberkulose. Das konnte damals das Ende bedeuten. Es war die große Zäsur meines Lebens. Im Laufe der vierziger und fünfziger Jahre lag ich über Jahre in Krankenhäusern und Heilanstalten, ich war wirklich schwach. Aber ich wollte es wissen.

ZEITmagazin: Was hat Sie gerettet?

Genscher: Es war einer meiner Ärzte. Er redete mir ins Gewissen, nichts, aber auch gar nichts mit der Krankheit zu entschuldigen. Dieser Arzt hat mir meine Lebensphilosophie gegeben. Seinem Rat folgend, habe ich mich bemüht, mein Jurastudium trotz allem schnell zu bewältigen. Ich stellte mein Leben voll und ganz auf die Krankheit ein. Kein Sport, keine Sonnenbestrahlung. Als ich Jahre danach durch eine Operation wieder gesund wurde, habe ich es als ein unfassbares Geschenk empfunden, morgens aufstehen zu können, um zu arbeiten.

ZEITmagazin: Sie hatten zwischendurch das Krankenzimmer zu einer Studierstube umgebaut.

Genscher: Das kann man sagen. Meine Freunde kamen zu mir in die Klinik und brachten mir aus den Vorlesungen Notizen mit.

ZEITmagazin: Müßiggang war tabu?

Genscher: Was Thomas Mann im Zauberberg über Lungenheilstätten schreibt, ist Realität. Man konnte dort lebensuntüchtig werden. Die Lungentuberkulose ist eine Krankheit, die nicht wehtut, der Patient sollte sich nicht bewegen, sollte Liegekuren im Freien machen, mit dem Schlafsack. Frühstück, Liegekur, Mittagessen, Liegekur, Abendessen, Nachtschlaf und am nächsten Tag wieder, und wieder. Ich spielte damals gern Skat. Ich hätte Skat spielen können bis in den Tod. Ich habe mich für die Alternative entschieden.

ZEITmagazin: Am Ende der Leidenszeit sind Sie auf die Überholspur gegangen?

Genscher: Eigentlich schon vorher, erstaunlicherweise, meine schwächste Zeit machte mich stark.

ZEITmagazin: Wenn Sie auf Ihre Zeit als Außenminister zurückblicken, gibt es da etwas, das Sie bereuen? Hat sich ein Sachverhalt im Nachhinein anders dargestellt als von Ihnen zunächst angenommen?

Genscher: Nein, eigentlich nicht. Sie mögen das anmaßend finden, aber es ist so.

ZEITmagazin: Gilt dies auch für den Kosovokrieg? Sie haben damals früh Kroatien anerkannt und damit den Zerfall Jugoslawiens zumindest beschleunigt. Danach eskalierten in Jugoslawien die Gräueltaten über Wochen. Auch der UN-Generalsekretär hat damals die Deutschen heftig kritisiert.

Genscher: Es war umgekehrt. Die Anerkennung von Slowenien und Kroatien brachte Slobodan Milošević dazu, den Krieg gegen diese beiden Staaten zu beenden. Ist das nichts? Für uns – Helmut Kohl und mich – war wichtig, auf keinen Fall Slowenien oder Kroatien im Alleingang anzuerkennen. Die Bundesregierung ist in dieser Frage, auch wenn das immer wieder behauptet wird, keineswegs vorgeprescht, sie hat die Anerkennung gemeinsam mit ihren Partnern aufgrund eines einstimmigen Beschlusses der EG-Außenminister vorgenommen. Milošević war es, der das Jugoslawien Titos zerstört hat. Der Kosovokrieg war später.

ZEITmagazin: Das Jahr 1989 ist für immer mit der Freude über die Wiedervereinigung Deutschlands verbunden. Sie hatten zudem Anlass zur Freude, weil Sie in jenen Monaten einen Herzinfarkt überlebt hatten.

Genscher: Ich habe damals gespürt, dass ich ziemlich müde wurde, also die Batterien ziemlich weit unten waren. Aber, so glaubte ich, sie waren auch wieder aufzuladen.

ZEITmagazin: Wie knapp ist es gewesen?

Genscher: Am Mittag des 20. Juli 1989 saß ich noch gegen halb eins beim Bundeshaus-Frisör in Bonn, als ich plötzlich einen starken Schmerz im Unterkiefer verspürte. "Vernichtungsschmerz" nennen das die Ärzte. Normalerweise denkt man ja, ein Herzinfarkt kündigt sich im Oberarm oder Brustraum an, aber ich wusste es besser. Meine Frau ist Schirmherrin der Deutschen Herzstiftung. Sie hatte mir zwei Wochen vorher einen Flyer zum Thema "Plötzlicher Herzinfarkt" gezeigt. Sie wollte wissen, wie ich ihn fand. Also wusste ich Bescheid. Wir sind sofort ins Auto gestiegen und zum Krankenhaus gefahren. Dort habe ich sofort eine Lösungsspritze bekommen. Ich habe Glück gehabt, dass ich damals in der Nähe einer Klinik und nicht irgendwo in Afrika unterwegs war.

ZEITmagazin: Wenig später, so stand zu lesen, sind Sie zu einer Rede vor den UN nach New York geflogen, in Begleitung zweier Kardiologen. Hatten Sie keine Angst?

Genscher: Nein, meine Gedanken waren bei den DDR-Flüchtlingen in Prag.

ZEITmagazin: Es war ja auch ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für einen Ausstieg, die Grenzen nach Osteuropa begannen sich zu öffnen.

Genscher: Sie haben recht, ich hätte es nicht ertragen, plötzlich nicht mehr dabei zu sein. Wahrscheinlich hätte ich es auch nicht überlebt. Wir standen in ständigen Gesprächen mit den Ungarn. Ich fragte mich, wie wird die DDR-Führung angesichts der Flüchtlinge in unserer Prager Botschaft reagieren? Ließe man sie tatsächlich ausreisen? Unglaublich: In jenen Tagen zwischen dem 10. und dem 30.September 1989 fand eine Umkehr der gesamten DDR-Ausreisepolitik statt.

ZEITmagazin: Und dann standen Sie auf diesem Balkon der deutschen Botschaft in Prag. Sie ahnten, was kommen würde.

Genscher: Ja.

ZEITmagazin: Erzählen Sie.

Genscher: Ich war erregt. Mir wurde wieder und wieder kurz schwindelig. Gut, dass der Balkon unserer Botschaft in Prag von einer Steinmauer umgeben ist – ich konnte mich anlehnen und festhalten.

ZEITmagazin: Hatten Sie sich eine ganz besondere Rede zurechtgelegt?

Genscher: Auf dem Hinflug habe ich darüber nachgedacht, was ich sage. Ich habe Notizen gemacht und sie wieder verworfen. In solchen Augenblicken muss man vor die Menschen treten und aus dem Herzen sprechen. In unserem Botschaftsgebäude gibt es einen großen Torbogen, durch den früher die Gespanne hineinfuhren. In diesem Tor ist eine kleine Pforte. Da ging ich hindurch. Rechts und links standen Betten, jeweils drei übereinander. In dem Torbogen allein schliefen etwa 150 Menschen. Wie lange werden wir das aushalten? Es war der 30. September, der Oktober stand bevor. Was machen wir, wenn der Winter kommt? Als ich dann die breiten Steinstufen in der Botschaft hinaufstieg, dachte ich an die 4500 Menschen auf dem Botschaftsgelände; fast eine Kleinstadt. Mir fiel auf, dass viele gar nicht registrierten, dass da ein westdeutscher Minister plötzlich unter ihnen war.

"Jedes Menschenleben ist gleich wertvoll"

ZEITmagazin: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." Mehr konnten Sie damals nicht sagen, der Rest ging im Jubel unter. Nun wusste jeder, wer Sie waren.

Genscher: Ja.

ZEITmagazin: Sie waren besorgt bis zum Schluss, dass etwas schiefgehen könnte?

Genscher: Dass alles doch noch kippt, dass in Ost-Berlin irgendeiner sagt: Nein, wir machen da nicht mit.

ZEITmagazin: Was ist Ihnen als ein Beispiel für gute Außenpolitik in Erinnerung?

Genscher: Da fällt mir der Name Henry Kissinger ein. Mir hat imponiert, wie kraftvoll er Politik betrieben hat. Ich erinnere mich an eine Situation im Jahre 1974, als wir auf ein Gespräch mit Richard Nixon in St. Clemente warteten. Kissinger und ich saßen in einer Sesselgruppe mit Blick auf den Pazifik. In dieser Situation kommt die Nachricht, dass die Ampeln auf der Autobahn zwischen Berlin und Westdeutschland auf Rot geschaltet worden waren. Grund dafür war die Entscheidung, das Umweltbundesamt nach Berlin zu verlegen. Kissinger reagierte unmissverständlich. Auf der Stelle ließ er den damaligen sowjetischen Botschafter einbestellen, um ihm sagen zu lassen, dies sei keine Angelegenheit der Bundesrepublik und der DDR, sondern eine Angelegenheit der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Als ein Mitarbeiter Kissingers darauf hinwies, es sei eine Delegation der DDR in Washington, um über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu sprechen, beschied er: Sie könnten abreisen und wiederkommen, wenn die Ampeln auf Grün stünden. So ist es auch gekommen.

ZEITmagazin: Herr Genscher, auf manchen Ihrer Reisen als Minister wurden Sie von Ihrer Mutter begleitet. Können Sie dieses Mutter-Sohn-Verhältnis beschreiben?

Genscher: Das geschah nur einmal. Wir hatten ein sehr enges Verhältnis zueinander. Als mein Vater starb, war ich neun Jahre alt. Ich war das einzige Kind. Meine Mutter hatte als Bezugspunkt mich – und ich meine Mutter und meinen Großvater mütterlicherseits. Sie ist der Mensch, mit dem ich am längsten zusammengelebt habe. Als sie im Oktober 1988 starb, war sie 87.

ZEITmagazin: Sie hat immer ein Auge auf Sie gehabt?

Genscher: Kann man so sagen. Ich erinnere mich an eine Geburtstagsfeier, eine große Party mit vielen Gästen. Kellner gingen durch den Raum und boten Bier an. Ich meldete mich, um eins zu bekommen. Meine Mutter sah das und rief: "Mein Sohn dankt!"

ZEITmagazin: Sie meinte, Sie hätten genug?

Genscher: Ja.

Die Fenster seines Hauses sind aus schussfestem Glas, ein jedes mehrere Zentner schwer. Nicht im Traum wäre Hans-Dietrich Genscher darauf gekommen, dass es Einbrecher in sein Wohnzimmer schaffen könnten. Und dann, Mitte März, passiert es doch. Drei Männer, nimmt die Spurensicherung an, die womöglich gar nicht wussten, wo sie da den Kuhfuß ansetzten. Sie erbeuten eine Münzsammlung, auch zwei Füllfederhalter nehmen sie mit. Weil der Hausherr von einem Abendessen früher als erwartet zurückkehrt, ergreifen die Täter eilig die Flucht. Das ganze Haus durchwühlt, ein Lichtblick immerhin: Der historisch wichtige, unersetzliche Füller blieb an seinem Platz, jener, mit dem Hans-Dietrich Genscher 1990 den Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnete. All das erzählt er mit stoisch anmutender Gelassenheit. Allerdings, um vollends sicherzugehen, hat er inzwischen schwere schwarze Schlösser an den Fensterrahmen anbringen lassen. Jedes mit einem eigenen Schlüssel.

ZEITmagazin: War Ihnen Geld wichtig im Leben?

Genscher: Nein, denn dann hätte ich in meiner Rechtsanwaltskanzlei bleiben müssen. Natürlich macht man sich Gedanken, was man denen hinterlässt, die nachkommen. Aber wäre dies mein erster Gedanke gewesen, dann hätte ich nicht in die Politik gehen dürfen.

ZEITmagazin: Ihr Vater war Rechtsanwalt?

Genscher: Als Kind hatte ich keine Vorstellung davon, was das war. Es blieb so ein Bild meines Vaters zurück. Aber er war nicht Rechtsanwalt, sondern Syndikus. Anwalt, das wollte ich werden. In meiner Generation gab es nach dem Krieg eine unglaubliche Aufbruchstimmung. Deshalb auch mein frühes politisches Engagement – auch gegen Unrecht. Etwas dafür zu tun, dass Nazidiktatur und Krieg nicht wieder geschehen, dafür zu sorgen, dass das Land wieder zusammenkommt, das waren meine Motive.

ZEITmagazin: Sie sind frei von Neid?

Genscher: Total. Neid wäre mir auch schnell ausgetrieben worden. Warum bekomme ich Tuberkulose? Warum kann ich keinen Sport treiben? Warum habe ich meinen Vater früh verloren? Tausend Dinge könnte man nennen. Alles Lebensversagens-Entschuldigungslügen. Verstehen Sie? Nein, kein Neidgefühl.

ZEITmagazin: Während der Olympischen Spiele in München, damals waren Sie Innenminister, haben Sie sich im Austausch als Geisel angeboten. Verblasst die Erinnerung an diese Augenblicke jemals?

Genscher: Nein. Ich sage Ihnen, was mir damals wieder und wieder durch den Kopf ging: Jedes Menschenleben ist gleich wertvoll. Aber dass Juden wieder in Deutschland umgebracht werden sollten, das war für mich undenkbar. Das habe ich damals dem Anführer der Palästinenser auch klar gesagt.

ZEITmagazin: Sie haben vorgeschlagen: "Nehmen Sie doch mich." Hatten Sie das mit jemandem abgesprochen?

Genscher: Nein. Aber ich habe meine Frau angerufen, die sich in einem Münchner Hotel aufhielt. Ich wollte noch einmal mit ihr sprechen, bevor ich ihr das antue. Aber ich sprach nicht über meine Absicht. Ich habe auch mit meiner Mutter und mit meiner Tochter, die zu Hause waren, am Telefon gesprochen. Meine Tochter war damals elf Jahre alt. Ich wollte die Stimmen meiner Familie noch einmal hören.

"Ich habe nie mit meinem Schicksal gehadert"

ZEITmagazin: Die Palästinenser sind damals nicht auf Ihr Angebot eingegangen. Bei dem Befreiungsversuch gab es dann ein Blutbad. Alle israelischen Geiseln wurden getötet. Haben Sie sich je gefragt, warum das Drama in München einen solchen Verlauf genommen hat?

Genscher: Das bleibt für mich unerklärlich: Warum so und nicht anders?

ZEITmagazin: Waren Sie für einen Moment ungläubig?

Genscher: Nein.

ZEITmagazin: Überhaupt nicht?

Genscher: Nein. Dafür geschieht zu viel.

ZEITmagazin: Sehen Sie einen Teufel am Werk?

Genscher: Nein.

ZEITmagazin: Der Teufel ist keine Kategorie für Sie?

Genscher: Nein.

ZEITmagazin: Sie sind gläubig?

Genscher: Ja, ich bin gläubig aufgewachsen. Ich habe nie mit meinem Schicksal gehadert, was ja auch heißt, nie mit Gott gehadert – ihm aber immer wieder gedankt, er war stets gnädig mit mir.

ZEITmagazin: Sie haben an der Beerdigung von Jürgen Möllemann teilgenommen, der sich im Jahre 2003 mit einem Fallschirmsprung das Leben genommen hat.

Genscher: Ja, denn wir sind einen langen Weg gemeinsam gegangen.

ZEITmagazin: Sie waren sein größter Förderer?

Genscher: Ja – wohl. Später haben wir uns voneinander entfernt. Er hat sich von mir entfernt. Das, was dann geschehen ist, kann man ausblenden, aber nicht, wenn einer für immer davongeht.

ZEITmagazin: Damals machte die FDP als sogenannte Spaß-Partei von sich reden. Möllemann und andere vermittelten den Eindruck, dass die Liberalen mit etwas guter Laune leicht 18 Prozent der Stimmen erreichen könnten. So mancher hat damals ein Machtwort von Hans-Dietrich Genscher vermisst. Hätten Sie eines sprechen müssen?

Genscher: Nein. Meine beiden Großväter waren Bauern. Ich kannte das Problem des Altbauern, der den Hof abgegeben hat und sich oben ans Fenster gesetzt hat, um zu beobachten, ob der junge Bauer beim Anspannen der Pferde alles richtig macht. Das wollte ich nicht.

ZEITmagazin:Woran ist Möllemann gescheitert ?

Genscher: Das ist eine Frage, die ich oft neu stelle, weil ich nicht weiß, was ihn bewogen hat, einen Weg zu gehen, der kein gemeinsamer sein konnte. Da rätsle ich immer wieder.

ZEITmagazin: Haben Sie mit anderen darüber gesprochen? Mit Guido Westerwelle zum Beispiel, der damals eng mit Möllemann zusammengearbeitet hat? Immerhin war er Möllemanns Kanzlerkandidat.

Genscher: Nein.

ZEITmagazin: Kann man Ihr Verhältnis als Vater-Sohn-Verhältnis bezeichnen?

Genscher: Vielleicht. Ich war jemand, der Jürgen Möllemanns Talent erkannt hat, seine unglaubliche Aktivität, seine Vitalität und seine Kreativität und sein Engagement.

ZEITmagazin: Warum hat er sich in seiner Not nicht bei Ihnen gemeldet?

Genscher: Das frage ich mich auch. Ich kann es nicht beantworten. Vielleicht war es ihm unangenehm.

ZEITmagazin: Wolfgang Kubicki, Möllemanns Freund und Anwalt, vermutet, der entscheidende Schlag sei gewesen, dass Hans-Dietrich Genscher den Parteiausschluss nicht verhindert habe.

Genscher: Dass ich da eine klare Position hatte, das hat ihn gewiss getroffen. Das kann ich mir vorstellen.

ZEITmagazin: Haben Sie mit Möllemanns Witwe danach gesprochen?

Genscher: Nein, ich wollte ihr nicht zu nahetreten. Am Grab habe ich nur ein paar Worte mit ihr gewechselt.

ZEITmagazin: In Ihren Memoiren schreiben Sie, einer der schlimmsten Momente Ihres Lebens sei die Ermordung von Gerold von Braunmühl durch die RAF gewesen.

Genscher: Dieses Bild verfolgt mich bis heute. Dieser Mann liegt auf dem Boden, auf dem Gesicht, die Aktentaschen noch in der Hand, mit denen er vermutlich vor den Mördern zu fliehen versuchte. An jenem Tag hatte ich eine schwere Grippe und war schon am frühen Abend nach Hause gefahren, um mich ins Bett zu legen. Gegen halb zehn, glaube ich, klingelte das Telefon. Frau von Braunmühl sagte: Gerold ist tot. Das war ein Schlag. Ich stand auf und fuhr sofort hin.

ZEITmagazin: Schlafen Sie gut?

Genscher: Ich konnte immer gut schlafen. Selbst im Hubschrauber.

ZEITmagazin: Die Vielfliegerei – ein Problem?

Genscher: Ich habe unterwegs keinen Alkohol getrunken, auch keinen Kaffee. An Bord eines Flugzeuges hat alles die doppelte Wirkung.

ZEITmagazin: Frage an den Vielflieger: Gang oder Fenster?

Genscher: Fenster. Ein Blick hinaus, und ich schlafe ein.

ZEITmagazin: Haben Sie nach Ihrem Rücktritt weiter Fernreisen unternommen?

Genscher: Kaum.

ZEITmagazin: Was dann?

Genscher: Timmendorf, der Strand, wir sind Deutschlandurlauber.