Florence Nightingale war nicht nur eine Reformerin des öffentlichen Gesundheitswesens. Die englische Krankenschwester, die im 19. Jahrhundert die moderne Krankenpflege begründete, gehört auch zu den Pionieren der Infografik. Im Jahr 1858 erstellte sie ein sogenanntes polar-area diagram , eine Variante der heute so verbreiteten Tortengrafiken, um ihren Landsleuten zu zeigen, an welchen Ursachen die Soldaten der königlichen Armee starben.

Die meisten erlagen nicht den Wunden, die sie sich im Gefecht zugezogen hatten, sondern vermeidbaren Infektionskrankheiten. Diese Grafiken, sagte Nightingale, seien dazu geeignet, "über die Augen zu bewirken, was wir der Öffentlichkeit über ihre gegen Worte abgedichteten Ohren nicht vermitteln können". Damit brachte sie das Potenzial von Infografik, von Visualisierung auf den Punkt: einen Sinneskanal zu öffnen, über den man Einsicht und Erkenntnis ohne Worte direkt erzeugen kann.

Ein Infografik-Pionier des 21. Jahrhunderts ist Hans Rosling . Die Vorträge des Professors für Public Health am Stockholmer Karolinska-Institut sind legendär, er ist ein gefragter Redner, etwa bei den TED-Konferenzen oder beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Dabei sind seine Mittel schlicht. Mit einem Beamer präsentiert er die von ihm entwickelten "Blasendiagramme" (siehe auch Grafik " Geben macht glücklich! "): Jedes Land ist entsprechend seiner Bevölkerungszahl ein mehr oder weniger großer Kreis, der eine Position in einem x-y-Koordinatensystem hat. Dessen Achsen können zum Beispiel die Kindersterblichkeit und das Bruttosozialprodukt sein.

Dynamik erhalten die Grafiken, indem Rosling noch die Zeit als vierte Dimension hinzufügt und im Zeitraffer die letzten 250 Jahre Revue passieren lässt. Dann beginnen die Blasen zu tanzen, bewegen sich von einer Ecke des Graphen in die andere und zeigen wirtschaftliche oder gesundheitspolitische Welttrends auf. Atemlos wie ein Sportreporter kommentiert Rosling beispielsweise, wie der Riese China den Rückstand zur westlichen Welt aufholt.

Auch Rosling geht es darum, über das Auge Erkenntnisse zu vermitteln, denen sich die Ohren verschlossen haben. Die wichtigste Lehre, die er überbringen will: Es ist schon lange nicht mehr sinnvoll, die Welt einzuteilen in die industrialisierten Länder und die Entwicklungsländer. Sobald ein Land die sozialen und politischen Voraussetzungen erfüllt – und das heißt insbesondere: Gleichstellung der Frauen –, holt es in Windeseile die Entwicklungen nach, die im Westen vor 100 Jahren eingeläutet wurden. "Ich habe meinen Studenten früher riesige Mengen von Unicef-Statistiken über Einkommen, Lebenserwartung und Fruchtbarkeitsziffern kopiert", erzählte Rosling dem Economist, "aber das hat ihre Weltsicht nicht verändert."

Wer einen seiner Zeitraffer-Filme gesehen hat, der versteht die Zusammenhänge nicht nur besser – der Trickfilm brennt sich auf eine Weise ins Gedächtnis ein, wie es eine Sammlung nackter Zahlen niemals könnte. Inzwischen steht Roslings Software jedermann zum Experimentieren offen – die Firma Google hat sie gekauft und bietet nun den Dienst Google Motion Chart an.

Vor zwei Jahren hat sich das Wissen-Ressort der ZEIT entschlossen, jede Woche eine ganze Seite der Infografik zu widmen. Also auf etwa 15.000 Buchstaben zu verzichten und dafür Bilder, Grafiken und Statistiken zu zeigen. Sagen die wirklich mehr als die sprichwörtlichen tausend Worte? Mehr vielleicht nicht, aber sie sagen es auf andere Weise.