DIE ZEIT: Professor Ferguson, Europa debattiert über die drohende Pleite Griechenlands , aber auch die amerikanischen Staatsschulden haben ein Niveau erreicht, das die Finanzmärkte beunruhigt. Unter den Rating-Agenturen macht sich Zweifel über die Kreditwürdigkeit der Amerikaner breit. Kurzum, Amerika hat ein Problem...

Niall Ferguson: Das ist milde ausgedrückt. Amerika hat ein Riesenproblem, denn die Regierungen spielen seit fast zehn Jahren russisches Roulette mit dem Staatshaushalt. Es ist eine ziemlich gefährliche Strategie, wenn die gesamte Haushalts- und Fiskalpolitik darauf basiert, riesige Konjunkturpakete zu schnüren, wenn die Gelddruckmaschine der wichtigsten Leitwährung heiß läuft und wenn sich die USA bei den Chinesen immer mehr verschulden. Die Märkte haben allen Grund, unruhig zu sein.

ZEIT: Amerika stellt nicht nur eine Gefahr für sich dar, sondern auch für den Rest der Welt?

Ferguson: Ganz genau. Die USA sind immer noch die größte Volkswirtschaft, und wenn die ihre Schulden nicht in den Griff kriegt, wird das viel schlimmere Konsequenzen haben , als wenn Griechenland oder Portugal pleitegehen...

ZEIT: Hat die Politik eine Antwort darauf?

Ferguson: Allmählich sehen nicht nur die Politiker ein, dass es so nicht weitergehen kann. Auch die Öffentlichkeit hat langsam begriffen, dass die Schulden ein Problem sind. Dennoch herrscht keine große Eile in Washington, und das liegt vor allem daran, dass die Amerikaner sich an ihren Status als Supermacht zu sehr gewöhnt haben. Seit 1872 sind sie die größte Volkswirtschaft, seit 1945 eine politische Supermacht, und seit 1991 ist diese Vorherrschaft konkurrenzlos. Kaum ein Amerikaner kann sich eine Welt vorstellen, in der das anders wäre. Deswegen wird in Washington auch kein glaubwürdiges Szenario diskutiert, das die Schuldensituation in den nächsten fünf bis zehn Jahren stabilisieren würde. Bitte betrachten Sie das in einem größeren Zusammenhang: Der Aufstieg des Westens, der vor sechshundert Jahren mit den portugiesischen Seefahrern begann, hat seinen Höhepunkt längst überschritten. Wir erleben gerade das Ende der westlichen Vorherrschaft. Indien und China holen auf. Das wirtschaftliche Zentrum der Welt wandert vom Westen in den asiatisch-pazifischen Raum, und dieser Prozess könnte ohne Weiteres beschleunigt werden, wenn Amerika seine Schulden nicht in den Griff bekommt.

ZEIT: Die Tage der Weltmacht Amerika sind also Ihrer Meinung nach gezählt?

Ferguson: Nicht nur die Tage Amerikas sind gezählt. Der Aufstieg des Westens insgesamt geht zu Ende. Ich habe mich in letzter Zeit viel mit Komplexitätstheorie beschäftigt, und ich glaube, wir Historiker müssen uns von den zyklischen Modellen verabschieden, mit denen wir bisher gearbeitet haben.

ZEIT: Was nimmt man stattdessen?

Ferguson: Wir müssen von der Wissenschaft lernen, dass komplexe Systeme nicht unbedingt linearen Gesetzen folgen, sondern sich sehr plötzlich verändern. Zivilisationen sind komplexe Systeme, und die Geschichte zeigt, dass Weltmächte nicht langsam verschwinden, sondern plötzlich in sich zusammenfallen. Das Römische Reich verschwand binnen weniger Generationen. Genau wie das Byzantinische Reich und die Habsburgermonarchie. Bedenken Sie, wie rasant die Sowjetunion kollabierte. Warum sollte der Niedergang Amerikas schrittweise vonstattengehen? Bei einer Analyse der amerikanischen Wirtschaftskrise wird oft ein willkürlicher Zeithorizont gesetzt. 2050 könnten unsere Enkelkinder ein Problem haben, heißt es dann. Aber wenn der Anleihenmarkt die Risikoprämie für US-Staatsanleihen nächste Woche verdoppelt, wird das Problem schon nächste Woche verdammt ernst.