DIE ZEIT: Frau Schäferkordt, ein Kollege hat Sie neulich in einem Porträt als »wonder woman« der deutschen Medienlandschaft angehimmelt. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde, oder?

Anke Schäferkordt: Ich bin kein großer Freund von Artikeln über mich persönlich. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Homestory gemacht, obwohl es ständig Anfragen dafür gibt. Einmal fiel dabei der schöne Satz: »Frau Schäferkordt, unser Leser hat ein Recht darauf zu erfahren, wie Sie leben.« Ich dachte erst, der Journalist veräppelt mich, aber er meinte es ernst.

ZEIT: Dann lassen Sie uns über Ihr Geschäft reden: RTL ist klarer Marktführer , im Januar hatten Sie bei den jungen Zuschauern einen Marktanteil von 21 Prozent, auch beim Gesamtpublikum liegen Sie deutlich vor ARD und ZDF. Wie machen Sie das?

Schäferkordt: Wir interessieren uns für unsere Zuschauer und nehmen sie ernst. Mit ihrem Informationsinteresse genauso wie mit ihrem Wunsch, mal loslassen zu wollen vom Alltag, sich mal nur gut unterhalten zu fühlen, Spaß haben zu wollen.

ZEIT: Wie finden Sie heraus, was die Leute wollen? Reden Sie mit Ihrem Taxifahrer?

Schäferkordt: Es ist jetzt nicht unser Hauptforschungsgebiet, aber Sie werden lachen: Das mache ich gerne. Nach einer großen Show ist es auch spannend, Bahn zu fahren und zu hören, was die Menschen reden.

ZEIT: Und?

Schäferkordt: Montags morgens war DSDS, Deutschland sucht den Superstar, in den letzten Monaten durchaus im Gespräch. Wir kriegen auch viel Zuschauerfeedback, Zuschriften, Anrufe. Zudem bekommen wir über tägliche Magazine wie Punkt 12 ein Feedback, bei dem wir an den Quotenverläufen genau sehen, welches Thema interessiert.

ZEIT: Mitten in der Finanzkrise haben Sie gesagt, die Leute wollen sich jetzt lieber entspannen und nicht so viel Konflikt im Programm. Nun gibt es einen Atom-GAU und Krieg in Libyen . Muss Ihr Programm jetzt noch seichter werden?

Schäferkordt: Da muss man in die einzelnen Genres schauen, dort sehen wir schon eine Veränderung. Unsere Zuschauer haben zunächst sehr viel Nachrichten geguckt. N-tv hatte den erfolgreichsten Monat seiner Geschichte und den Marktanteil verdoppelt. Damit geht aber Hand in Hand, dass der Zuschauer auch loslassen will, mit einer Show oder mit einer eher leichten Serie. Im Moment sucht der Zuschauer diesen Ausgleich verstärkt, auf einem ähnlichen Niveau wie während der Krise 2009.

ZEIT: Haben die Ereignisse direkten Einfluss auf fiktionale Formate? Gibt es bald bei Gute Zeiten Schlechte Zeiten einen notorischen Grünen-Wähler , der sich im Garten einen Atombunker baut?

Schäferkordt: Natürlich finden Sie vor allem in den Soaps wieder, was gerade in der Realität meist jüngerer Menschen relevant ist. Ob sich da gleich einer einen Atombunker baut? Das wäre am Vorabend wohl zu teuer... Bei großen Primetime-Serien dagegen sind die Produktionsvorläufe deutlich länger. Da ganz kurzfristig auf politische Ereignisse zu setzen, halte ich für einen Fehler.

 

ZEIT: Schaffen Sie nicht manchmal auch Bedürfnisse? Die Zuschauer des Dschungelcamps haben vielleicht gar nicht gewusst, was man alles an niederen Instinkten bei ihnen entsichern kann...

Schäferkordt: Bitte! Sie glauben doch nicht, dass ein Format in Menschen Instinkte produzieren kann, die vorher noch nicht da waren! Ich würde uns zwar immer gern als einflussreich sehen, aber das glaub’ ich beim besten Willen nicht. Die Instinkte des Menschen können wir im Fernsehen so wenig beeinflussen wie Sie im Zeitungsbereich.

ZEIT: Wir wollen das ja auch gar nicht.

Schäferkordt: Auch nicht die gehobenen Instinkte? Da bin ich jetzt erstaunt.

ZEIT: Nehmen wir Bild – da sind wir auf halbwegs neutralem Gelände. Die treiben täglich eine Sau durchs Dorf, von der das Publikum oft nicht wusste, dass diese Sau überhaupt existiert.

Schäferkordt: Natürlich sind die Sehbedürfnisse der Zuschauer nicht eindeutig. Ich kann mich nicht auf die Hohe Straße in Köln stellen und fragen: Was willst du sehen, lieber Zuschauer? Und er sagt: Ich fände eine Unterhaltungsshow toll, die komödiantische Aspekte bietet, im australischen Dschungel spielt, und wir schicken Prominente dorthin, die eine Zeit lang auf sich gestellt sind und mit der Kamera beobachtet werden. So einen Zuschauer würden Sie kaum finden.

ZEIT: Den würden Sie sonst wohl einstellen.

Schäferkordt: Zumindest nachdem wir das produziert, getestet und erfolgreich platziert hätten. Aber natürlich kommt überall, wo man ein Mikro aufstellt und die Leute befragt, etwas heraus, das man »gewünschtes Antwortverhalten« nennt: Bitte noch mehr Informationsangebote und Dokumentationen! Oder: Die barocke Oper findet viel zu wenig statt! Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie danach Ihr Programm gestalten und damit die Mehrheit der Zuschauer erreichen, ist ziemlich gering.

ZEIT: Aber durch die hohen Quoten blasen Sie all die Themen auf, verleihen Ihnen eine neue Dimension, vielleicht auch eine politische Brisanz.

Schäferkordt: Wenn ich da kurz widersprechen darf: Es wäre der größte Fehler, den wir machen können – zu glauben, weil wir den Stoff aufgreifen, erreichen wir automatisch vier Millionen Menschen. Das funktioniert so nicht. Wenn wir bei einem Thema danebenliegen oder es auf einem falschen Sendeplatz senden, schalten die Zuschauer um.

ZEIT: Dennoch verhelfen Sie Themen zu einer enormen Sichtbarkeit. Bedeutet das nicht auch eine gewisse politische Macht?

Schäferkordt: Ich kann oder möchte mir nicht vorstellen, dass es erst unserer Sendungen bedarf, damit ein Thema, das virulent ist in der Gesellschaft, in der Politik ankommt. Das wäre vermessen.

ZEIT: Aber Ihr Sender ist nun einmal Marktführer. Sie bestimmen mit über den gesellschaftspolitischen Diskurs in Deutschland. Sie haben eine gesellschaftliche Verantwortung.

Schäferkordt: Natürlich. Jedes Medium hat sie. Als Marktführer haben wir eine besondere Verantwortung, und wir nehmen sie wahr. Aber das war ja nicht Ihre Frage. Sie haben gefragt, ob die Politik Themen erst dadurch wahrnimmt, dass wir sie zum Thema machen, und das würde mich erschrecken.

ZEIT: Wie gehen Sie mit Ihrer Verantwortung um? Wo verläuft die Grenze dessen, was Sie nicht mehr zeigen, obwohl es eine gute Quote verspricht?

Schäferkordt: Das kann man pauschal nicht sagen. Jeden Tag treffen wir Einzelfallentscheidungen, ganz egal, ob es um Nachrichten oder Unterhaltungsformate geht, ob im Genre Real Life oder auch in der fiktionalen Unterhaltung.

 

ZEIT: In der jüngsten Staffel von DSDS gab es »Freddy Fickfrosch« , eine Idee von Dieter Bohlen, der mithilfe dieser Comicfigur die Kandidaten noch mehr durch den Kakao zieht. Muss das sein?

Schäferkordt: Das ist eine Geschmacksfrage, aber keine ethische Diskussion, denn der Frosch war, wie Sie richtig sagen, während der Castings eine Comicfigur. Wir müssen schauen, welche Grenzen wir uns setzen: was zeigen wir, was zeigen wir nicht? Eine Diskussion über persönlichen Geschmack zu führen, weil Sie den Frosch nicht gut finden, halte ich, offen gestanden, für müßig.

ZEIT: Wir fragen Sie als Gesamtverantwortliche für das RTL-Programm.

Schäferkordt: Schon klar, nur wie oft und wie differenziert oder eben auch nicht wollen Sie die Diskussion führen? Sie können definitiv fragen, was kann ein DSDS- Kandidat erwarten, wenn er sich für die Show bewirbt. Er kommt in die achte Staffel, die Wahrscheinlichkeit, dass er weiß, was ihn erwartet, ist sehr groß.

ZEIT: Wir haben uns nur gefragt, ob der Fickfrosch des Guten zu viel war.

Schäferkordt: Sein offizieller Name war übrigens Freddy, der Frosch. Er war nicht mein persönlicher Favorit. Aber ich distanziere mich deshalb nicht von unserem Format. Es ist extrem erfolgreich, und die Zielgruppe, für die es gemacht ist, hat es extrem angesprochen.

ZEIT: Warum reicht es nicht zu zeigen, dass die Kandidaten nicht singen können? Muss man sie der Quote zuliebe auch noch demütigen? Wir unterstellen mal, dass auch Sie das grenzwertig finden.

Schäferkordt: Es gibt bestimmt Sachen, die nicht mein persönlicher Geschmack sind, die aber auch nicht nur für mich produziert werden. Genau darum geht es eben nicht. Wenn wir Fernsehen für Sie machen würden, würden wir dem, was wir wollen, nicht mehr gerecht werden. Wir würden Fernsehen für eine kleine, relativ elitäre Gruppe machen. Solche Sender gibt es ja bereits.

ZEIT: Aber wo ist für Sie persönlich die Grenze? Würden Sie Hartz-IV-Empfänger im Rhein um einen Arbeitsplatz um die Wette schwimmen lassen?

Schäferkordt: Nein, das würden wir natürlich nicht tun. Das ist auch zynisch. Wenn Sie mich fragen: Würden wir alles tun für die Quote? Dann ist unsere Antwort: Nein. Es gibt sehr viele Grenzen, die wir ziehen.

ZEIT: Ein konkretes Beispiel, bitte.

Schäferkordt: Es gibt ja einen Grund, warum wir bestimmte Dinge nicht gezeigt haben, und deshalb reden wir darüber auch nicht. Jeden Tag treffen wir in den Redaktionen diese Entscheidungen. Wahrscheinlich gibt es auch Fälle, bei denen ich, wäre ich der leitende Redakteur, anders entschieden hätte. Aber wenn Ihre Frage dahin zielt, ob ein Format wie DSDS Grenzen bewusst überschreitet, dann antworte ich: Nein, das ist nicht so.

ZEIT: Für eine Folge der Super Nanny hat RTL gerade einen Bußgeldbescheid über 30.000 Euro erhalten. Die Kommission für Jugendmedienschutz findet, einige Szenen verstießen gegen die Menschenwürde. Da haben Sie Grenzen überschritten.

Schäferkordt: Wir haben den Bescheid nicht akzeptiert und Einspruch erhoben, um genau das zu klären: Verletzt auch derjenige die Menschenwürde, der Menschenunwürdiges zeigt und dokumentiert? Auch wir haben die Szene intern lange diskutiert. Zudem kann man fragen, ob es richtig ist, bewusst auszublenden, was täglich vermutlich tausendfach in deutschen Familien passiert. Aber auch formal geht es für uns um die nicht unwesentliche Frage, wann und mit welchem Grund in unser Programm eingegriffen wird. Wir wollen das klären, auch im Gespräch mit der Kommission.

 

ZEIT: Sie haben sich mal über eine Aufführung im Kölner Theater aufgeregt, bei der auf der Bühne gepinkelt wurde.

Schäferkordt: In einen Stahlhelm, aber das müssen wir nicht ausführen.

ZEIT: Dass in Ihrem Programm Känguru-Hoden runtergewürgt werden, ist aber okay?

Schäferkordt: Das ist in vielen Ländern eine Delikatesse! Es ist einfach, Dinge zu skandalisieren, die gar nicht so skandalträchtig sind. Ich habe mich damals im Theater nur aufgeregt, dass ich Geld dafür bezahlt habe, dieses Stück zu sehen. Beim »Dschungelcamp« es tut mir leid, wenn ich Sie an der Stelle enttäuschen muss – habe ich mich einfach köstlich amüsiert, als Zuschauer. Übrigens hat das auch die Hälfte aller Menschen getan, die an diesen Abenden in Deutschland Fernsehen geschaut hat, quer durch alle Bildungsschichten.

ZEIT: Ist die Inszenierung beim »Dschungelcamp« nicht ein Sinnbild für die gesamte Haltung von RTL? Die Moderatoren stehen oben auf der Brücke, schauen hinab auf die armen Würste unten im Dschungel und machen sich darüber lustig.

Schäferkordt: Nein, es ist das Konzept dieses Formats. Wir nehmen alle ernst, die in den Dschungel gehen, auch wenn wir den einen oder anderen Witz über die Kandidaten machen! Vor allem nehmen wir uns selbst mal richtig auf die Schippe.

ZEIT: Solange es so gut läuft und gutes Geld verdient, haben Sie leicht lachen.

Schäferkordt: Ganz offen: Wenn das mein einziger Beweggrund zum Lachen wäre, hätte ich an der Stelle nichts zu lachen gehabt. Das Format ist relativ teuer und der Januar nicht der werbeintensivste Monat. Wirtschaftlich ist es kein großer Erfolg.

ZEIT: Die Frage, ob Sie selber ins Camp gehen würden, stellt sich wahrscheinlich nicht.

Schäferkordt: Die stellt sich definitiv nicht. Auf keinen Fall. Ich würde auch nicht in einer Castingshow auftreten. Ich habe angemessenes Feedback, das besagt, dass ich nicht singen kann.

ZEIT: Sie könnten es ja als Undercover Boss versuchen, in Ihrem neuen Erfolgsformat.

Schäferkordt: Das dürfte eher schwierig werden, weil ich hier im Haus dann doch zu bekannt bin. Interessant wäre es sicher. Aber ich kann mir ja schlecht – wie die Chefs in der Sendung – einen Bart wachsen lassen. Nur würde ich mich dabei von einer Kamera begleiten lassen? Nein. Mich drängt es nicht auf den Bildschirm. Auch wenn ich hoch verschuldet wäre, was ich zum Glück nicht bin, würde ich vielleicht einen Schuldenberater aufsuchen, aber sicher keinen vor der Kamera.

ZEIT: Sonst müssten Sie sich hinterher womöglich noch wie die »Dschungelcamp« - Bewohner beschweren, dass man Ihnen übel mitgespielt habe.

Schäferkordt: Dass Kandidaten hinterher manchmal sagen, das Ergebnis fanden wir aber nicht so gut, kommt vor. Mit öffentlicher Kritik bekommen sie noch einmal hohe Aufmerksamkeit.

ZEIT: Aber was wir vom Camp sehen, ist genauso eine Fiktion wie die »Scripted Reality« im Nachmittagsprogramm, wo die Realität sich einem Drehbuch fügt.

Schäferkordt: Das sind komplett verschiedene Sendungen!

 

ZEIT: Können die Zuschauer unterscheiden zwischen »echten« Fällen und den erfundenen?

Schäferkordt: Ja, das können sie sehr gut. Die Frage kommt immer wieder, weil es so schön einfach ist, den Zuschauer permanent zu unterschätzen. Es steht im Vorspann und im Abspann, dass die Geschichten gescriptet, also geschrieben sind. Ein Großteil der Zuschauer hat das wahrgenommen. Das wirklich Interessante ist, dass es den meisten Zuschauern völlig egal ist. Sie fragen nur: Ist das eine Geschichte, die mich fesselt und unterhält?

ZEIT: Aber es ist doch ein kategorialer Unterschied, ob ich von etwas Erfundenem gut unterhalten werde oder von etwas, dass sich für die Realität ausgibt, in Wirklichkeit aber nur entlang von Klischees über die Wirklichkeit erfunden wurde.

Schäferkordt: Sie unterstellen wieder, wir gaukelten etwas vor. Das ist nicht so. Wir zeigen Geschichten aus dem Alltag, die so oder so ähnlich stattgefunden haben oder stattfinden könnten. Natürlich ist die Erzählweise dabei verdichtet, aber wir kennzeichnen das auch entsprechend.

ZEIT: Aber das Bild, das man dort zum Beispiel von Arbeitslosen vermittelt bekommt, ist doch mitunter fragwürdig. Wenn die Spaghetti Bolognese beim Hartzler zu Hause unbedingt vom Bauch der Freundin gegessen werden müssen...

Schäferkordt: So einfach funktioniert es ja nicht. Wenn Sie eine solche Geschichte zeigen, heißt das doch nicht: So ist es in jedem Haushalt. Das Bild von der Gesellschaft formt sich aus der Gesamtheit der Informationen, die wir den ganzen Tag über beziehen. Dazu gehört, was wir den Zuschauern zeigen, und das ist quer durch die Genres schon sehr vielfältig. Dazu kommen andere Medien wie die Tageszeitung, Radio, Eindrücke aus der eigenen Lebensrealität – daraus formt sich ein Weltbild. So, wie Sie das jetzt darstellen, ist es mir, ehrlich gesagt, ein bisschen verkürzt.

ZEIT: Lesen Sie eigentlich Fernsehkritiken? Manchmal hat man das Gefühl, Sie lesen sie, dann machen Sie alles genau entgegen dem Kritikerwunsch – und sind erfolgreich.

Schäferkordt: Das hängt vom Kritiker ab. Es gibt den einen oder anderen, bei dem ich sagen würde: Wir könnten ihn einstellen und das Gegenteil von dem tun, was er empfiehlt. Aber das Schöne ist ja: Das kriegen wir gratis! Im Ernst: Ganz so einfach ist es nicht. Am Ende tun Sie das Gleiche wie wir: Sie erfüllen auch nur die Bedürfnisse Ihrer Zielgruppe, auch wenn Sie das jetzt weit von sich weisen.

ZEIT: Natürlich! Wir vertreten nur die Wahrheit!

Schäferkordt: Entschuldigung, mein Ausdruck war falsch: Ich wollte sagen, Sie erfüllen die Bedürfnisse der Leser, die ein nachhaltiges Interesse an Wahrheitsfindung haben. Wollen wir es so machen?

ZEIT: Ist Ihr momentaner Erfolg auch ein Fluch? Das kapitalistische Mantra lautet ja: Wo viel ist, kann immer noch mehr sein. Können Sie sich überhaupt noch steigern?

Schäferkordt: Nein, wahrscheinlich nicht. Wir liegen zurzeit bei einem Zuschauermarktanteil von über 19 Prozent, es gibt kaum einen Sendeplatz, wo wir nicht Marktführer sind.

ZEIT: Aber ist es nicht ein blödes Gefühl, dass es von nun an nur noch bergab gehen kann?

Schäferkordt: Ach Gott... Es hat immer alles seine Vor- und Nachteile. Wir müssen vor allem realistisch bleiben. Damit die eigene Erwartungshaltung und auch die der Gesellschafter nicht zu hoch ist. Das Managen von Erwartungshaltungen ist im Moment mit das Wichtigste. Wir werden den Vorsprung nicht halten können auf lange Sicht. In Zukunft wird der stärkste Sender nicht mehr einen Marktanteil von 20 Prozent haben. Die Digitalisierung hat die Programmvielfalt unendlich gesteigert. Schauen Sie sich die US-Quoten an: Wenn ein Network in der Primetime elf Prozent erreicht, ist das schon ein Erfolg. Wenn wir ein neues Format mit 16 Prozent Marktanteil starten, heißt es in der Presse: Riesenflop. Angesichts unseres derzeitigen Erfolgs sind wir in einer Verteidigungshaltung. Auch wir werden unsere Baustellen im Programm bekommen und daraus lernen müssen. Darin waren wir immer am besten: aus Fehlern zu lernen. Das wird alles wiederkommen, da mache ich mir überhaupt keine Illusionen.