Seit die bekannte lettische Kosmetikkette Kolonna ihre Preise um rund ein Viertel gesenkt hat, ist Schönsein in Lettland so billig zu haben wie lange nicht mehr. Auch das Bier in den Gaststätten der Hauptstadt, die Miete für die Rigaer Wohnung, der Käse auf dem Wochenmarkt: Vieles ist preiswerter als noch vor zwei, drei Jahren. Freuen kann sich jedoch niemand darüber. Sinkende Preise sind ein Krisensymptom.

Während des lettischen Booms, der etwa von der Jahrtausendwende bis 2008 währte, zeigten noch alle Zahlen nach oben: das Wachstum, die Preise, die Löhne. Die Welt sprach bewundernd vom "baltischen Tiger", und die Letten glaubten der Welt sehr gern. Dann aber ging es in die umgekehrte Richtung. Auch im Baltikum schlug die globale Finanz- und Wirtschaftskrise mit unerbittlicher Härte zu: Die Wirtschaft schrumpfte allein 2009 um 18 Prozent, 2010 ging es noch ein bisschen weiter nach unten.

Anders als in Deutschland, wo ein ziemlich starker Staat die Beschäftigten mittels Kurzarbeit und Konjunkturprogrammen einigermaßen vor der Krise schützte, zahlten in Lettland überwiegend Arbeiter und Angestellte die Zeche. Die Arbeitslosenrate schnellte nach oben, auf zuletzt 17,2 Prozent. Die Kosmetiker und Masseure bei Kolonna mussten Lohnkürzungen um bis zu 40 Prozent hinnehmen. Damit ließen sich die Preissenkungen finanzieren. Immerhin: "Am Ende brauchten wir keine einzige unserer 40 Niederlassungen aufgeben", sagt Kolonna-Chefin Ieva Plaude-Röhlinger.

Es war ein kreditfinanzierter Immobilien- und Konsumboom, der die lettische Wirtschaft hatte heißlaufen lassen. "Es war im Prinzip das gleiche Spiel, das man auch in Ländern wie Spanien gesehen hat", erklärt der in Riga lehrende Ökonom Morten Hansen. "Nur war die Blase, relativ zur Größe des Landes, viel gewaltiger."

Als die Blase platzte, nahm die Baltenrepublik eine Entwicklung, die der Griechenlands ähnelt, aber bereits weiter fortgeschritten ist – und die manche Beobachter als Blaupause für Athen betrachten. Ende 2008, Lettland stand kurz vor der Pleite, nahm der Staat Notkredite der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds in Anspruch und beugte sich im Gegenzug dem Spardiktat der Geldgeber. Vom Gipfel des Booms bis zum bisherigen Tiefpunkt der Krise verlor das Land ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung und brach damit so stark ein wie kein anderes europäisches Land. Inzwischen allerdings, nach harten Reformen und Einschnitten, scheint ein neuerlicher Aufschwung möglich. Manchen Wirtschaftsexperten gilt Lettlands Rosskur als beispielhaft.

Mit seiner Hauptstadt Riga, der einzigen Metropole des Baltikums, war das dünn besiedelte Land als Teil der ehemaligen Sowjetunion einst zu einem Industriestandort aufgebaut worden. Der Kollaps des sozialistischen Riesenreichs traf Lettland hart. Er hinterließ Zigtausende arbeitslose Industriearbeiter. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes lag 2009 bei nicht einmal neun Prozent. Sogar im traditionell agrarischen Litauen liegt er weit höher. Lettland lebte dank seiner drei Ostseehäfen Riga, Liepaja (Libau) und Ventspils (Windau) von Transport und Transit, vom Tourismus und – wegen seiner ausgedehnten Wälder – vom Holzexport. Im Boom allerdings blähten sich vor allem der Einzelhandel, das Bauwesen und der Finanzsektor auf. Das Ende kam abrupt und mit Wucht, die Rettung der wankenden Parex-Bank, des einzigen lettischen Kreditinstituts von Bedeutung, das nicht in ausländischen Händen ist, ruinierte die Staatsfinanzen.