Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein.

Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben. Die Gedichte wurden dabei häufig sehr aktuell, einige wurden am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Diesmal handelt eines unserer beiden Gedichte von der Erschießung Osama bin Ladens, während das andere sich mit dem starken Andrang moralischer Anforderungen in letzter Zeit befasst. Bislang sind vierzehn Gedichte erschienen.

Hendrik Rost: Inkarnation

In diesem Gedicht wird kein Fleisch gegessen.
Dieses Gedicht ist nicht animalisch, es besteht
aus Luftgespinst und Liebe, und stirbt es einmal,
wird es, ohne zu stinken, aus dem Buch rieseln.
Dieses Gedicht tötet kein Lebewesen, niemand
soll sagen: Der Täter war ein so freundlicher
Familienmensch! Es emittiert kein CO₂ und leistet
keine Kompensation, es fliegt nicht nach Fuerte
und sagt "Scheiß drauf!", weil irgendwo Koniferen
dafür gepflanzt werden. Ab und zu ritzt es sich
mit Realität, um sich zu spüren. Licht dringt ein.
Es blutet nicht, es lebt vorzüglich von Substanz.
Das Gedicht rettet. Genießen Sie’s. Schlucken Sie
nicht alles. Bitte verschonen Sie Ihre Liebsten.