Zarte Ansätze von Komplexität sind womöglich in den deutschen Beitrag der Vorjahressiegerin Lena hineinzuinterpretieren. Taken By A Stranger ist ein Liebeslied der Kategorie "Bleib hier". Ein Mann und eine Frau sind sich nähergekommen, er würde das gern fortführen, sie geht. Der mysteriöse Refrain fasst den Stand der Dinge zusammen:

Taken by a stranger
Stranger things are starting to begin
Lured into the danger
Trip me up and spin me round again

Auf Deutsch hieße die letzte Zeile wohl: "Führ mich aufs Eis, und dreh mich im Kreis."


Der Fairness halber muss man sagen: Übersetzung hat noch keinem Song gutgetan. Der von den Briten immerhin zum besten Lied der vergangenen 25 Jahre gewählte Robbie-Williams-Song Angels verliert an Kraft, wenn "my pain walks down a one-way street" zu "mein Schmerz geht eine Einbahnstraße hinunter" wird.

Für Lenas Quasi-Sado-Hymne Taken By A Stranger bediente sich ihr Komponist, der Amerikaner Gus Seyffert, bewährter Stilmittel. Im Refrain treffen die beiden betonten Schläge des Viervierteltakts mit den metrisch betonten Wortsilben zusammen – der Refrain wird dem Hörer ins Ohr gehämmert. Am Ende jeder Zeile endet auch der Satz. Vier Verse, vier Einheiten, der Kreuzreim tut ein Übriges: reimt sich rhythmisch.

Masen Abou-Dakn, Dozent an der Mannheimer Popakademie, erklärt uns auf Anfrage, dass Taken By A Stranger doch ein ganz guter "Hook" sei, ein Haken, an dem der Hörer hängen bleibe. Abou-Dakn hört im Refrain eine sexuelle Fantasie anklingen, die dann in den Strophen, in denen von Augenbinden und Stühlen die Rede ist, präzisiert werde. "Aber die Strophen interessieren sowieso keinen mehr." Für den Song Contest zu komponieren sei so ähnlich, wie für Bild Schlagzeilen zu machen. Der Impuls zählt, der Verstand weniger.

Einen eingängigen Haken hat auch die Weißrussin Anastasia Vinnikova : "I love Belarus!" Ihre Liebe gilt dem Vaterland. Ursprünglich hatte sie einen Song namens Born in Belorussia eingereicht, der den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko mutmaßlich entzückte:

Als ich einen Stern trug
Damals in der UdSSR
War ich so gut wie Mama
Fühl meine Leidenschaft
Wenn alles vorbei ist
Wird dein Name wie die Sonne strahlen
Du bleibst immer noch das Beste
Schön altmodisch

Im März musste das Lied zurückgezogen werden, nicht etwa, weil Propaganda in Weißrussland verboten worden wäre, sondern weil es regelwidrig bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht worden war. Der Lieddichter ließ sich nicht entmutigen und hatte flugs ein paar neue patriotische Zeilen auf Lager. Ich liebe Weißrussland heißt also das Stellvertreterlied, und es fällt insofern etwas tauwettrig aus, als es nicht mehr von Bedrohungen durch den Westen spricht, an dessen Wettbewerb es ja gerade teilnimmt.

In den Foren des Internets gehen die Meinungen dazu auseinander. "Schön, endlich ein bisschen Patriotismus zu hören, es ist eine Schande, dass sie nicht in ihrer Muttersprache singt!", heißt es hier, aber da: "Wäre es der Eurovision Propaganda Contest, würde Weißrussland einen Kantersieg hinlegen. Das Ganze ist grauenhaft und eine Schande für den Wettbewerb."