Es gibt Jobs, in denen verdient man keinen Euro mehr als am Tag bevor man sie antrat, aber sie verändern den Alltag dramatisch. Auf einmal steht ein BKA-Kommando im Haus, und es heißt: Das Fenster hier muss raus, ins Schlafzimmer kommt eine Stahltür, und übers Bett sollte ein Knopf. Damit Sie die Polizei rufen können.

Gerhart Baum hatte so einen Job. Wenn er im Auto saß, fuhr hinter ihm ein gepanzerter Wagen mit Sicherheitsleuten, vor ihm einer und daneben drei Motorräder. Wenn nachts ein Hase durch den Vorgarten hoppelte, wurde es taghell wegen der Lichtschranken. "Ich bin viereinhalb Jahre nicht alleine aufs Klo gegangen", sagt Baum. Der FDP-Politiker war Innenminister unter Helmut Schmidt, am Ende seiner Dienstzeit war der rechte Arm vom Öffnen der schweren Auto-Panzertür lädiert. Baum, Vater von drei Kindern, in zweiter Ehe verheiratet, kann etwas erzählen über die Zumutungen der Politik.

Was denkt einer, der für die Politik härteste Einschränkungen in Kauf genommen hat, wenn er hört, dass der neue Parteichef Philipp Rösler seine Frau fragt, ob er sein Amt antreten soll, und sagt: "Mit 45 höre ich wieder auf"? Beneidet der 78-Jährige den 38-Jährigen, oder denkt er: Alles Memmen heutzutage? "Ich finde diesen Satz sehr sympathisch", sagt Baum. Weil er zum Nachdenken anrege über die Frage: Was ist die Rolle eines Politikers?

Röslers Satz ist der Versuch eines Spitzenpolitikers, sich vor der Politik in Sicherheit zu bringen, einen Cordon sanitaire zu schaffen zwischen der Macht und dem Menschen. Es ist ein ungewöhnlicher Satz, weil Rösler sich damit angreifbar macht, er stattet sich selbst mit einem Verfallsdatum aus. Der Satz ist auch zwiespältig, weil er das Klischee nährt, das Rösler bekämpfen will: dass die Politik etwas Schmutziges ist, an dem man sich infizieren kann, vor dem man sich in Acht nehmen muss.

Es gibt nicht viele wie Rösler in der Politik, aber es gibt immer mehr, die so denken. "Ich werde alles daransetzen, zu beweisen, dass man auch als Politiker ein normales Privatleben haben kann und sich nicht verbiegen muss", sagt Rösler. Politiker müssten auch Vorbild sein. Der Berliner Volker Ratzmann zog 2008 seine Kandidatur für den Bundesvorsitz der Grünen zurück, weil seine Frau ein Kind erwartete und sich im Jahr darauf wieder für den Bundestag bewerben wollte. Katja Kipping von der Linken erklärte kürzlich, sie könne sich vorstellen, irgendwann mal ihre Partei anzuführen, aber mit Mitte 35 stehe für sie "die Familienplanung im Vordergrund". Und als ein Nachfolger für Karl-Theodor zu Guttenberg gesucht wurde, winkten mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer und dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann gleich zwei konservative Politiker mit dem Hinweis ab, so einen Posten, Sicherheitsstufe 1, wollten sie sich und ihrer Familie nicht antun. Worauf der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer schließlich erbost verbot, dass irgendjemand noch irgendetwas erst mit seiner Frau besprechen dürfe.

Das Thema Work-Life-Balance hat die Politik erreicht. Immer mehr Politiker wollen nicht nur ein Leben nach der Politik, sondern ein Leben während der Politik. Vätermonate, politikfreie Wochenenden, berufstätige Ehefrauen – was bei Grünen und Sozialdemokraten noch programmatischen Charakter hatte, ist längst auch bei bürgerlich-konservativen Politikern normal. Begriffe wie "in den Sielen sterben", wie eine Metapher aus der Welt der Zugtiere lautet, sind out; wer sich für die Partei aufopfert, wird nicht mehr bewundert, sondern beäugt. Aber das Familienleben mit dem Beruf zu vereinen, kann dieser Wunsch in der Politik Wirklichkeit werden? Das ist die eine Frage. Die andere Frage lautet, was es mit der Politik macht, wenn immer mehr Politiker ihren Posten als Teilzeitjob statt als Lebensinhalt begreifen.

Inzwischen lässt sich die Schwangerschaft nicht mehr verbergen . Kristina Schröder sitzt in einem Besprechungsraum in ihrem Ministerium, eine Hand auf dem Bauch, zwischen den Antworten atmet sie ein bisschen schwerer als sonst. Schröder wollte Privatleben und Politik immer trennen. Bei ihrer Hochzeit hat sie die Kirche gewechselt, um die Paparazzi irrezuführen. Nun ist die Familienministerin in einer Situation, in der sie, wie sie selbst sagt, "offenkundig Privatleben und Beruf vereinbaren muss". Sie hat sich vorgenommen, das offensiv zu tun, "nicht verdruckst zu sagen: Ich habe einen anderen Termin, sondern: Nein, dieses Wochenende ist für die Familie reserviert." Wo so viele nicht zu ihren familiären Verpflichtungen stehen, sehe sie für sich als Ministerin "eine Bringschuld".