Das letzte Konzert seines Lebens dirigierte er am 21. Februar 1911 in der New Yorker Carnegie Hall. Nach einem hässlichen Streit mit dem Damenkomitee der Philharmonic Society, die seine fürstlichen Gagen finanzierte, war der Tonkünstler Gustav Mahler mit Schüttelfrost in sein Hotel am Central Park zurückgekehrt. In Wolldecken gehüllt, bis ins Mark frierend, fuhr der Fieberkranke in die Konzerthalle. In der Pause ruhte er ermattet auf einem Diwan. Nach dem Schlussapplaus kroch er mit Aspirin in sein Hotelbett. Alle Dirigate der kommenden Abende musste er absagen.

In den nächsten Tagen verfinsterte sich der Gesundheitszustand weiter. Sein Hausarzt Joseph Fraenkel stellte seinem herzkranken Patienten bald eine Diagnose, die in den Tagen, in denen noch keine Antibiotika zur Verfügung standen, einem Todesurteil gleichkam: Endocarditis, bakterielle Herzinnenhautentzündung.

Vergeblich konsultierte Mahler am Pasteur-Institut in Paris noch einen der berühmtesten Bakteriologen seiner Zeit. Zum Sterben aber kehrt er in die Stadt zurück, deren Musikleben er zehn Jahre lang geprägt, dem er vielleicht erst jenen überragenden Stellenwert verliehen hatte, über den es noch heute verfügt. Am 12. Mai trifft der Todgeweihte im Schlafwagen in Wien ein. Vier Tage später fällt er im Sanatorium Löw in ein Koma. Man verabreicht ihm eine große Dosis Morphium. Am 18. Mai peitschen orkanartige Böen über die Stadt. Kurz vor Mitternacht ist Mahler erlöst. Als der Sarg von der Klinik in die Friedhofskirche von Grinzing überführt wird, "tobt der Sturm, stürzen Regengüsse hernieder, so dass man kaum vorwärts kommt", erinnerte sich sein Freund, der Dirigent Bruno Walter, an Mahlers letzten Weg.

Hundert Jahre später ist der Todestag eines der bedeutendsten Musikers, den Wien je beherbergt hatte, der Stadt jedoch kaum einer Reverenz wert. Wo sonst die kommunalen Spektakelarrangeure jeden Anlass an den Haaren herbeiziehen, um vollmundige Jubiläen und Feiern zu inszenieren, haben sie den Titanen Mahler schlicht vergessen – eine Verbeugung wird in den Konzertbetrieb abgeschoben.

Mahlers Sterbehaus, das ehemalige Sanatorium Löw in der Mariannengasse im 9. Bezirk, rottet derweil vor sich hin (die Immobilie befindet sich heute im Besitz der ÖBB); lediglich eine eher unscheinbare Marmortafel an dem Gebäude weist auf den Genius Loci hin. Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen, Kulturauftrag hin oder her, verbannt seine Pflichtübung in ein Programmfenster spät nach Mitternacht, wo es hoffentlich niemanden stört. An Gustav Mahler scheint in der Musikstadt Wien, seiner wichtigsten Wirkungsstätte, kein Interesse zu bestehen. Als Peter Marboe, der Intendant des über zehn Millionen Euro teuren Mozart-Jahres 2006, nach dem erfolgreichen Abschluss seines Veranstaltungsreigens, eine ähnliche Kraftanstrengung auch für die beiden Mahler-Jahre 2010 (150. Geburtstag) und 2011 vorschlug, zuckten die Stadtverantwortlichen lediglich mit der Schulter. Wer braucht schon den Extraaufwand für diesen weltweit verehrten Komponisten?

Das Verhältnis zwischen Mahler und der Stadt, in der er seine ganze Tatkraft entfaltet hatte, war stets getrübt. Als er im Mai 1897, noch bevor er nach gefeierten Jahren in Leipzig, Budapest und Hamburg seine Berufung zum Hofoperndirektor antrat, sein Debüt als Dirigent im Haus am Wiener Ring gab, schwärmte der junge Korrespondent der Breslauer Zeitung, ein gewisser Karl Kraus: Mit "Siegfriedallüren" werde der Neue in den Musentempel einziehen und dort den Kampf mit den "unbotmäßigen Theaterungeheuern" aufnehmen. Der spätere Gründer der Fackel zählte zehn Jahre lang zu dem verschworenen Kreis der Mahler-Jünger, die den Neuerer und Reformer vor allen Anfeindungen in Schutz nahmen.

In Wien tobte bald wieder einmal einer der beliebten Kulturkämpfe. Vor allem die Antisemiten hetzten gegen den Sohn eines jüdischen Schnapsbrenners aus Iglau, der sich, um den Posten in Wien annehmen zu können, katholisch hatte taufen lassen. Bald erschienen gehässige Karikaturen, etwa eine Schmähzeichnung, die Mahler zur Vogelscheuche entstellte. "Jude Mahler als Vogelschrecker, welcher uns die besten Sänger vertreibt", stand darunter. Je länger er sein Reformwerk vorantrieb und gemeinsam mit dem Bühnenbildner Alfred Roller den Aufführungsstil entschlackte und modernisierte, desto giftiger wurde der Ton.

Zweifelsfrei trat Mahler despotisch und kompromisslos auf. Mit hohepriesterlichem Ernst fühlte er sich berufen, die Weihestätten der Musik von den Unsitten der Zeit zu säubern. Mit seinen Musteraufführungen habe er "die Disziplin der Opern-Regie, wie wir sie heute kennen", begründet, urteilt der New Yorker Kulturhistoriker Alex Ross in seiner Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts (The Rest Is Noise): "Er kodifizierte auch die Etikette des modernen Konzerterlebnisses mit seinem pseudo-religiösen Charakter."

Mahler vertrieb die bezahlten Claqueure von den Rängen, und er verordnete, dass Zuspätkommenden, wie noch heute üblich, nach Vorstellungsbeginn nicht mehr Einlass zu gewähren sei. Als sich daraufhin irgendein Erzherzog bei Kaiser Franz Joseph beschwerte, weil er nicht mehr nach Belieben in seiner Loge aus- und eingehen konnte, seufzte der Monarch: "Mein Gott, das Theater ist schließlich zum Vergnügen da, ich verstehe diese Strenge nicht, aber den Anordnungen des Direktors muss Folge geleistet werden."

Am Ende von Mahlers Wiener Phase nahmen die Angriffe der antisemitischen Presse an Schärfe ständig zu, heute würde man von einer Medienkampagne sprechen. Nicht nur der Operndirektor war ins Visier geraten, sondern auch der Tonsetzer. Er komponiere die "Erbsünde", hieß es in einem der Journale. Zusätzlich von der leidenschaftlichen Affäre, die seine Frau Alma mit dem deutschen Architekten Walter Gropius begonnen hatte, gepeinigt, demissionierte schließlich das gesundheitlich bereits angeschlagene Nervenbündel und nahm ein Engagement in New York an. Zum Abschied hatten seine treuesten Verehrer an einem Dezembermorgen des Jahres 1907 den Bahnsteig am Westbahnhof mit Girlanden geschmückt. Der Maler Gustav Klimt soll nur ein einziges Wort hervorgebracht haben: "Vorbei!"

Erst als der todkranke Komponist keine vier Jahre später zurückkehrte, feierten genau jene Zeitungen, die ihn einst vertrieben hatten, die Heimkehr eines verlorenen Sohnes. Korrespondenten erwarteten den Zug aus Paris an jedem längeren Stationsaufenthalt und berichteten ihren Redaktionen vom Fortgang der Reise. "Von dem Augenblick an, da die Presse meldete, Mahler sei schwer krank auf der Heimfahrt begriffen, erfaßte vehemente Trauer die Stadt", notierte die treue Freundin Bertha Zuckerkandl, eine der prominentesten Salondamen von Wien. "Die selben hämischen, jede Mahler-Aufführung bespuckenden Herrschaften wollten jetzt zu dem intimen Kreis von Mahlerianern gehören, und es umstanden das Sanatorium Löw, wo der Sterbende lag, täglich hunderte Menschen."

Sogar das Neue Wiener Journal, das zuvor die Kampagne gegen das unbequeme "Genie" an vorderster Schlagzeilenfront betrieben hatte, vergoss nun patriotische Krokodilstränen: "Österreich hat jetzt die Ehre, dass Mahler sich mit seinen letzten Wünschen wieder dahin sehnte, dass er es betonte, wohin er gehört. Aber wahrlich, es hat nicht alles getan, um diese Ehre zu erlangen."

Auch hundert Jahre später dürfte diese Einsicht noch immer eine gewisse Aktualität besitzen.