Erzählungen wie diese setzten sich fest. Dass wir aber, was wir sind und was aus uns geworden ist, nur mithilfe der Technikgeschichte, der Geschichte der Werkzeuge, verstehen können – das habe ich von Günther Anders gelernt; über ihn bin ich zu Simmel und Marx gekommen. Und weiter zu Max Weber, der ein Ende des Kapitalismus erst kommen sah, wenn "die letzte Tonne fossilen Brennstoffs verglüht sein wird", und zu dem Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald, der vor einem Jahrhundert seinen "energetischen Imperativ" formulierte. Eine "dauerhafte Wirtschaft", so schrieb er, könne nur "auf die regelmäßige Energiezufuhr der Sonnenstrahlung gegründet werden".

"Lehrer", sagte Anders auf die Frage, was sein Beruf sei, als ich ihn 1977 in Wien besuchte. Mit fast kindlichem Stolz erzählte er, wie er den Studenten in Berlin seine "Thesen zum Atomzeitalter" ins Kollegheft diktiert habe, Anfang der Sechziger. "Habe keine Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst. Auch den Mut, Angst zu machen. Ängstige deinen Nachbarn wie dich selbst." Aber Student hätte ich bei ihm nicht sein mögen. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs hatte er mich spitz belehrt. "Die Frage hat nicht zu lauten: Wie wird man zum Moralisten? Vielmehr hat sie zu lauten: Wie kann es einem passieren, dies nicht zu werden?"

Das Urerlebnis des Philosophen Günther Anders waren die "halben Menschen" gewesen: die beinamputierten Soldaten, die man zum Abtransport an den Bahnhofszaun gelehnt hatte, in Frankreich 1916, wohin der 14-jährige Breslauer zum Ernteeinsatz geschickt worden war. Nachts hatte er mit einem jungen Franzosen beim Kerzenschein "den ersten Völkerbund gegründet. Seitdem habe ich mich nicht sehr verändert."

Gelernt hatte er bei Heidegger, Husserl und Brecht, das erklärt die Verbindung von Phänomenologie, Fundamentalismus und Pointenlust. Seine Erfahrungen sammelte er nach 1933 im kalifornischen Exil. 1945 kam Hiroshima, das bestimmte sein Leben. "Wochenlang saß ich da und konnte keine Zeile zu Papier bringen." Und dann entstand, in kürzester Zeit, die Ontologie der Bombe, eines "metaphysischen Monstrums", das nicht nur unsere Psychologie überfordert. Denn wir können uns nicht mehr vorstellen, was wir herstellen, müssen unsere Fantasie und unsere Gefühle "dehnen", um begreifen und moralisch handeln zu können. Die Bombe sprengt, das ist Anders’ Entdeckung, die Kategorien, in denen wir die Welt zu ordnen gelernt haben. Die Bombe ist kein Mittel, denn sie überschreitet den Zweck; sie erschüttert die Gewissheiten von Raum und Zeit, Endlichkeit und Unendlichem, in denen wir zu denken, leben, uns zu bewegen gelernt haben.

1977, als ich ihn besuchte, fanden gerade die großen Demonstrationen gegen das AKW in Brokdorf statt. Es war die Woche von Anders’ 75.Geburtstag. Schon an der Tür krähte er, nicht ganz ohne kokette Eitelkeit, wer ihm diesmal alles nicht gratuliert habe: Herbert Wehner und Willy Brandt zum Beispiel, die Führer jener Partei, die der "Kampf dem Atomtod"-Bewegung den Geldhahn abgedreht habe. Mit Kassenbrille, Wollsocken in den Schnürstiefeln und halb rasiert ähnelte Anders eher einem Arbeiterveteranen. Seine Finger waren arthritisch verkrümmt; wenn er seine Texte und Briefe tippte, klemmte er sich einen Bleistift dazwischen, um die Tasten zu drücken. Der Schreibtisch, auf den er den Tee stellte, war ein altes Küchenmöbel, von den gedrechselten Beinen blätterte die Farbe.

Radikale Analysen und tiefe Gefühlserschütterung sind vielleicht nur möglich am Anfang einer Epoche, wenn die Gewöhnung noch nicht eingesetzt hat: an die Bombe, die Automaten, das Fernsehen. Die Antiquiertheit des Menschen, Anders’ Hauptwerk von 1956, enthält eine negative Anthropologie. Darin stecken eine Medientheorie über die "Programmierung" unserer Erfahrungen, die "Züchtung von Ereignissen", die "Verbiederung der Welt", und eine Waren-Ontologie, der wir die Begriffe "Konsumzwang", "Verwertungsimperativ", "Warenhunger" verdanken. Es zeigt den Homo faber als humanen Schmierstoff der Apparate. Und es entwirft schließlich eine Philosophie der Bombe.

Anders’ Reflexionen gehen von Alltagswahrnehmungen aus und analysieren sie mit dem Werkzeug der europäischen Philosophie. "Statt der Klassiker habe ich halt Zeitungen gelesen. Wenn atomare Sprengkörper lagern, kann man sich nicht damit aufhalten, die Nikomachische Ethik zu deuten. Die Komik von 90 Prozent der heutigen Philosophie ist unüberbietbar: Bäcker, die für Bäcker Brötchen backen."

Professor wird man so nicht, er wollte es wohl auch nicht. Auf den Abrüstungskongressen im Osten war er (nachdem er in Warschau zum universellen Streik der Rüstungsarbeiter aufgerufen hatte) ebenso Persona non grata geworden wie in den USA, wo sein Buch über den Hiroshima-Piloten Claude Eatherly die CIA zur Gegenpropaganda nötigte. Mit Theodor W. Adorno hatte er sich verkracht, weil er Adornos Gast Arnold Gehlen, dessen Schrift Die Seele im technischen Zeitalter seinen Analysen nahesteht, aus politischen Gründen nicht die Hand geben wollte und weil Adorno nicht "hinter der Fahne" der Atomkriegsgegner marschieren wollte. "›Dann laufen Sie doch vor der Fahne‹, entgegnete ich. Da hat er aufgelegt."

Zwei Monate nach meinem Besuch bei Anders diskutierten drei Dutzend Physiker, Sozialwissenschaftler, Politiker, Intellektuelle in Hamburg, im "Bergedorfer Gesprächskreis", vor dem Hintergrund heftiger Demonstrationen um Brokdorf und Gorleben die Zukunft der Nuklearindustrie. Der "Brüterpapst" Wolf Häfele rechnete vor: Um im Jahr 2000 Wachstum und Arbeitsplätze zu sichern, werde das Exportland Bundesrepublik 150 Atomreaktoren bauen müssen. Im Übrigen gehe es "nicht darum, die Wirklichkeit an die sozialen Verhältnisse, sondern die sozialen Verhältnisse an die Wirklichkeit anzupassen".

In der Frage, ob AKWs sicher sind, herrschte unter den Experten keine Einigkeit, eher schon in der Sorge um Wachstum und Arbeitsplätze; diese Sorge sei ebenso "moralisch" wie die der Atom-Kritiker. Das Arbeitsplatz-Argument, gab Carl-Friedrich von Weizsäcker milde zu bedenken, werde siegen bei der anstehenden politischen Entscheidung, "obwohl es nicht stimmt". Die Kritiker würden nachgeben müssen. Der Wunsch nach einem Kulturwandel sei vernünftig, aber unrealistisch. "Wir wollen unglücklich sein", fügte er ironisch hinzu. Die Forderung nach einem Moratorium, einem Baustopp, um die Alternativen zu erforschen, wurde von zwei Sozialdemokraten vorgetragen, fand aber keine Resonanz. Die Investitionen waren getätigt. Auch eine Enquetekommission des Bundestages, die zwei Jahre später Alternativen zur Atomenergie aufzeigte, sah sich ignoriert.