Wofür ist er bereit zu sterben, wofür bereit zu töten? Stefan E. war in Somalia, er war im Kongo, er hat drei Afghanistaneinsätze hinter sich, einen vierten vor sich. Er weiß, dass er am Hindukusch sterben kann, er weiß, dass er gegebenenfalls töten muss. Stefan E. ist Profi, ein Leitbild für den Umbau der Bundeswehr. Wie er ist, sollen deutsche Soldaten jetzt werden. Die Antwort auf das Wofür kommt schnell wie ein Reflex: "Für meine Familie und meine Kameraden."

Der Frage nach dem Wofür kann sich schon seit geraumer Zeit niemand mehr entziehen, der Soldat werden will. Mit dem Großumbau von der Wehrpflicht- zur Berufsarmee wird der Soldat der Bundeswehr auch ein neues Image, ein neues Außenbild erhalten. Der Brunnenbauer legt die Schippe aus der Hand und greift als Kämpfer zum Gewehr. Eine Zumutung für ein Land, das sich aus guten Gründen eine Skepsis gegenüber allem Militärischen bewahrt hat? Oder machen sich die Deutschen nun ehrlich?

Die Reform markiert eine Zäsur. Zwar betont Verteidigungsminister Thomas de Maizière die Bedeutung der klassischen Landesverteidigung, doch die Fähigkeit zum Auslandseinsatz wird gestärkt. Die Sollstärke der Truppe reduziert de Maizière, die Zahl der Soldaten, die dauerhaft an Auslandseinsätzen teilnehmen können, erhöht er aber von 7000 auf 10.000, das sind so viele wie noch nie.

Was sagen eigentlich die Konstrukteure des Umbaus zum Thema, wofür deutsche Soldaten künftig sterben , wofür sie künftig töten sollen? Wozu soll Deutschland seine Soldaten in welche Länder schicken? Die Antworten auf diese Fragen sind nicht Sache der Militärs, sie sind die Sache der Politik. Aber hören würden die Soldaten diese Antworten schon ganz gern.

Stefan E., 39 Jahre alt, zweifacher Familienvater, die Haare raspelkurz geschoren, der Bart zu den Wangenknochen hin spitz zulaufend, gehört zur Luftlandebrigade 26, der sogenannten Saarlandbrigade. Mit seinem Fallschirmbataillon 263 ist Hauptfeldwebel E. im pfälzischen Zweibrücken stationiert, dem einzigen von vier Brigadestandorten außerhalb des Saarlandes. "Einsatzbereit – jederzeit – weltweit", lautet ihr Motto. Ihre Soldaten waren an allen wesentlichen Auslandseinsätzen der Bundeswehr beteiligt, von Unamic 1992 in Kambodscha bis Eufor 2006 im Kongo. 600 ihrer insgesamt 3500 Männer und Frauen kommen Ende des Monats aus Masar-i-Scharif und Kundus zurück, nach einem halben Jahr Einsatz. Die Saarlandbrigade sieht sich als Elite.

Kein Nachname, kein Wohnort, keine Aufnahme von vorn. Das sind die Bedingungen. Vier von Stephan E.s Kameraden bekamen vor zwei Jahren das "Ehrenkreuz für Tapferkeit" verliehen, weil sie unter heftigem Beschuss in der Nähe von Kundus Verletzte gerettet hatten. Anderswo nennt man so etwas eine Heldentat. In Deutschland kamen nach den Medaillen Hass-Mails und Drohanrufe. Das will Stefan E. nicht erleben.

Stefan E. ist ein Forward Air Controller, ein Flugleitoffizier oder, wie es unter Soldaten auch heißt, ein "Draußi". In der zementierten Zweiklassengesellschaft der Einsatzsoldaten sind die Draußis die Oberschicht, die Drinnis das Fußvolk, die Ersten erobern und sichern, die Zweiten reparieren und stapeln, die einen kämpfen gegen Taliban, die anderen gegen den Lagerkoller. Stefan E. unterscheidet zwei Kategorien von Drinnis. "Die einen verstehen, was draußen passiert, die anderen nicht."