DIE ZEIT: Frau Bergmann, seit über einem Jahr lesen Sie Briefe und E-Mails von Menschen, deren zentrale Lebenserfahrung es war, sexuell missbraucht worden zu sein , viele von ihnen haben das nie überwunden. Sie sind Politikerin, keine Therapeutin, wie haben Sie all das Leid ertragen?

Christine Bergmann: Es hat viel Kraft gekostet. Dem Thema nicht ausweichen zu können heißt ja auch, sich immer tiefer da hineinzubegeben. Ich dachte, ich wäre gut gewappnet. Häusliche Gewalt war ein Thema, mit dem ich mich als Politikerin lange beschäftigt habe. Aber ich habe hier von Leidenswegen erfahren, die ich mir in diesem Ausmaß so nicht habe vorstellen können. Das hat mich persönlich sehr mitgenommen, gleichzeitig war es aber wichtig zu erkennen: Missbrauch dauert oft ein ganzes Leben, auch wenn die Taten selbst schon längst vorbei sind. Das Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit bekommen die Betroffenen nicht mehr los. Es dringt ein in ihre Beziehungen, in ihre Familien, es raubt ihnen das Urvertrauen in andere Menschen. Für mich ist das eine zentrale Botschaft für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema.

DIE ZEIT: Sie leiten als "Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs" eine offizielle Anlaufstelle, eingerichtet von der Bundesregierung. Warum vertrauen die Betroffenen, die oft ihr ganzes Leben geschwiegen haben, sich nun ausgerechnet Ihnen an?

Bergmann: Durch die Debatte um die Missbrauchsfälle an katholischen und reformpädagogischen Schulen im vergangenen Jahr war das Thema plötzlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das gesellschaftliche Klima hatte sich verändert. Die Anlaufstelle fügte sich da ein und signalisierte den Betroffenen: Hier muss ich mich nicht groß erklären, hier wird man mir glauben. Das hat Vertrauen geschaffen. Für viele Betroffene war es eine enorme Erleichterung, endlich über ihr Schicksal reden zu können. Denn solange das Schweigen anhält, behalten die Täter und Täterinnen Macht über ihre Opfer.

DIE ZEIT: Welche Menschen haben sich bei Ihnen gemeldet, und wie viele waren es?

Bergmann: Wir sind jetzt fast bei 15.000 Anrufen und Briefen. Knapp 13.000 kamen übers Telefon, dort sitzen Fachkräfte aus den Bereichen Psychologie, Pädagogik, Medizin und Beratung. Ich habe mich um die Briefe und E-Mails gekümmert, das waren rund 2000. Es haben sich vor allem Betroffene gemeldet, deren Missbrauch oft Jahrzehnte zurücklag. Für über die Hälfte der Menschen, die uns kontaktiert haben, war es das erste Mal überhaupt, dass sie über den erlebten Missbrauch gesprochen haben. Die älteste Anruferin war 89 Jahre. Über 60 Prozent der Fälle sind im familiären oder sozialen Umfeld passiert. Bei den Institutionen liegt die katholische Kirche mit 45 Prozent aller Fälle deutlich vorn.

DIE ZEIT: Welche Wünsche, aber auch politischen Erwartungen haben die Menschen mit Ihnen verbunden?

Bergmann: Zum einen ging es den Betroffenen um ein Gegenüber, mit dem sie über das Erlebte reden konnten. Wir haben sie aber auch nach ihren "Botschaften an die Politik" befragt. Auf diesem Weg gelangte man sehr schnell zu all jenen Dingen, die den Betroffenen bisher gefehlt haben. Neben mehr Beratung, Therapie und anderen konkreten Hilfsangeboten war das vor allem die Anerkennung ihres Leids. Sie wünschen sich, dass die Gesellschaft anerkennt, welches Unrecht ihnen widerfahren ist. Sie wollen, dass die Täter ihre Schuld zugeben, Institutionen ihr Versagen eingestehen und Verantwortung übernehmen. Die zweite große Botschaft, die über allem schwebte: Kümmert euch darum, dass das nicht mehr passiert, dass kein anderer erleben muss, was ich erlebt habe. Und vergesst den Missbrauch in der Familie nicht.

DIE ZEIT: Ein fast unlösbarer Auftrag. Am 24. Mai werden Sie als Unabhängige Beauftragte Ihren Abschlussbericht vorstellen und dem Runden Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch" konkrete Handlungsempfehlungen aussprechen. Die Betroffenen werden diesen Tag mit Spannung erwarten. Mit welchen Vorschlägen werden Sie ihnen gegenübertreten?

Bergmann: Meine Aufgabe war es, immaterielle und materielle Empfehlungen auszusprechen. Die Basis dafür bildeten die Berichte der Betroffenen, ihnen möchte ich eine Stimme gegenüber der Politik verschaffen.

DIE ZEIT: Die Opfer werden sich nicht mit Präventionsleitlinien zufriedengeben, viele von ihnen verlangen längst fällige finanzielle Entschädigungen.

Bergmann: Die Entschädigungsfrage gehört zu den kompliziertesten überhaupt – vor allem wenn man eine gerechte Lösung anstrebt. Keine Summe kann wiedergutmachen, was den Betroffenen passiert ist. Und trotzdem müssen wir uns dem Thema stellen. Ich denke, man muss mehrere Hilfspakete schnüren. Wichtig ist, dass die Verantwortung eindeutig bei den Institutionen liegen muss, wo der Missbrauch passiert ist. Andererseits sehe ich aber auch die Regierung ganz klar mit in der Pflicht, gerade wenn es um Hilfe für lange zurückliegende Fälle geht und für Menschen, die in ihren Familien missbraucht wurden. Für die kommt bisher keiner auf. Allein schon aus Gerechtigkeitsgründen muss in diesen Fällen der Bund mit ins Boot. Ich selbst habe da ganz klare Erwartungen an den Runden Tisch und an die Umsetzung durch die Politik. Die Verantwortlichen dürfen sich aus diesem Thema nicht mehr zurückziehen.

DIE ZEIT: Können Sie die Haltung der Odenwaldschule nachvollziehen, die sagt: Wir können uns keine hohen Entschädigungszahlungen leisten, weil wir sonst die Existenz unserer Schule gefährden?

Bergmann: Nein, das kann ich nicht. Denn in diesem Fall liegt die Verantwortung den Betroffenen gegenüber ganz klar bei der Schule. Aufarbeitung sieht für mich anders aus.