Orchester ändern sich nicht. Sie wollen bleiben, wie sie immer gewesen sind. Keine Institution des Kulturbetriebs besitzt so viel Beharrungskraft wie ein traditionsstolzes Sinfonieorchester. Da mag die Welt noch so sehr von den Veränderungsstürmen der fortgeschrittenen Moderne durcheinandergewirbelt werden, am Ende des Tages steigen hundert Musiker in Frack und Abendkleid, nehmen im Halbkreis auf einem hölzernen Podium Platz, schlagen ihre Beethoven-Brahms-Bruckner-Noten auf und versuchen zu klingen wie eh und je. Man kann das zum Haareraufen finden und die Orchester als schwerfällig, weltfremd und unbelehrbar kritisieren. Man kann aber auch eine Qualität darin sehen: Erst aus der Beständigkeit erwächst wahre Größe.

Es gibt allerdings bei den Symphonieorchestern auch einen Effekt, der mit den Wanderdünen vergleichbar ist. Man wähnt sie musikalisch am immergleichen Ort, bis man irgendwann verwundert feststellt, dass sie ganz woanders stehen. Sie bewegen sich eben doch! So ergeht es einem seit einiger Zeit, wenn man das Gewandhausorchester Leipzig hört. Quecksilbrig, mit schlankem Ton und geradezu überdrehten Tempi hat es im vergangenen Jahr Bachs Brandenburgische Konzerte und das Weihnachtsoratorium auf CD eingespielt. Sein Rossini hat Schmiss. Seine Mahler-Sinfonien glühen vor Leidenschaft, und seine Gershwin-CD mit dem Jazzpianisten Stefano Bollani hat sogar den Sprung in die italienischen Popcharts geschafft. Das soll noch dasselbe Orchester sein, das bis 1997 mehr als ein Vierteljahrhundert lang von Kurt Masur geleitet worden war? Das unter dem bärtigen Ost-Maestro den breiten Klang gepflegt und es sich am Ende von dessen Ära ein bisschen arg plüschig im Repertoire des 19. Jahrhunderts gemütlich gemacht hatte?

Im erlesenen Kreis der deutschen Spitzenorchester werden die Leipziger gerne übersehen. Die Münchner machen mehr Wind um ihre Stardirigenten Mariss Jansons, Lorin Maazel und Kent Nagano. Auf Simon Rattles Berliner Philharmoniker und Daniel Barenboims Berliner Staatskapelle sind die Aufmerksamkeitsscheinwerfer sowieso ständig gerichtet. Dass sich auch das Gewandhausorchester seit mehr als zehn Jahren ehrgeizig und mit großem Schwung erneuert hat, haben viele noch gar nicht richtig mitgekriegt. Unter ihrem Chef Riccardo Chailly sind die Leipziger wieder in Hochform.

In seiner Tradition ist das Orchester nach wie vor tief verwurzelt. Es gehört zu den ältesten in Deutschland, das Gewandhaus ist ein Gründungsort des bürgerlichen Konzertlebens. Felix Mendelssohn-Bartholdy und Arthur Nikisch waren hier Kapellmeister, Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter, Franz Konwitschny und Kurt Masur. Aber der Stolz darüber platzt den Musikern nicht aus allen Knopflöchern, eher scheint er nach innen zu wirken. Etwas Elegisches hat sich das Orchester im Vergleich zum bulligen Hauptstadtselbstbewusstsein der Berliner Konkurrenz bewahrt, einen sächsischen Feinsinn, über den Chailly sagt: "Die Leipziger können den Text zwischen den Notenzeilen lesen." Der Klang des Orchesters will den Zuhörer nicht mit extrovertiertem Glanz überwältigen, sondern zielt bei aller Kraftentfaltung auf Inständigkeit im Ausdruck. Als übe Mendelssohn mit seinem Sinn für das Stimmungshafte, seiner Gedankenhelle, seinem grazilen Formbewusstsein bis heute einen prägenden Einfluss auf die Musiker aus. Wer einmal mit dem Gewandhausorchester auf Reisen war, spürt solche Dezenz im Auftreten auch jenseits der Konzertsäle. Die Leipziger Musiker haben kein Welteroberer-Gen. Sie sind leiser unterwegs.

Natürlich wird auch am Gewandhaus das Traditionserbe gehütet – der umbrafarbene Streicherton, der sich satt über den Kontrabässen und Celli aufbaut, die Phrasierungsgewohnheiten, die instrumentalen Eigenheiten der Bläser. Bis zum Ende der DDR waren die an den entscheidenden Stellen des Orchesters sitzenden Musiker zugleich Professoren an der Musikhochschule und konnten sich den eigenen Nachwuchs selbst heranziehen. Die Gewandhauswelt war damals sehr überschaubar. Heute sitzen Musiker aus 14 verschiedenen Nationen im Orchester. Vor allem in den letzten zehn Jahren hat es sich radikal verjüngt, mehr als die Hälfte aller Stellen wurde neu besetzt. Und weil es inzwischen keine Kaderschmiede mehr an der Musikhochschule gibt, muss sich der unverwechselbare Gewandhausgeist nun ausschließlich im Orchester selbst formen. Da bewährt es sich sehr, dass das Herzstück des Orchesters seit Jahrhunderten aus einem verantwortungsvoll hervorgehobenen Streichquartett besteht. Aus den Konzertmeistern, die an den ersten Pulten der Streichersektionen rings um den Dirigenten sitzen, wird es gebildet und darf sich hochoffiziell Gewandhaus-Quartett nennen, so will es die Tradition. Die aktuelle Besetzung um den Geigen-Konzertmeister Frank-Michael Erben gehört zu den Besten der Zunft.