"Wir sind vom Konsumismus infiziert" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Petrini, sind Emstäler Knorpelkirschen, Frankenziegen oder die Grünkohlsorte Lerchenzunge wirklich wichtig?

Carlo Petrini: Aber sicher! Wir brauchen biologische Vielfalt. Außerdem ist die Identität einer Region in deren Lebensmitteln am tiefsten verwurzelt. Noch tiefer als in der Sprache.

DIE ZEIT: Dabei ist "Region" ein ganz schön schwammiges Konzept. Am selben Ort kann man sich als Spreewälder, Lausitzer, Brandenburger oder Ostdeutscher definieren. Was taugt der Begriff überhaupt?

Petrini: Es geht vor allem um ein kulturelles und historisch gewachsenes Gemeinschaftsgefühl. Geografie ist ein Faktor, doch entscheidend ist, dass die Menschen Dinge ähnlich wahrnehmen. Dass ihnen etwa das Gleiche schmeckt.

DIE ZEIT: Regionalkultur hat meist einen konservativen Touch. Diese zu betonen – bedeutet das nicht Stillstand oder sogar einen Rückschritt?

Petrini: Keineswegs! Regionale Traditionen und Esskulturen leben wie die Sprache von Bewegung und unterliegen einem ständigen Wandel. Man muss nur größere Zeiträume in den Blick nehmen. In Vicenza in Norditalien zum Beispiel isst man traditionell Stockfisch mit Polenta. Aber der kommt ursprünglich aus Norwegen. Von dort importierten Handelsflotten den Kabeljau und die Technik, ihn zu trocknen. In Genua oder Venedig bereitet man ihn wieder anders zu. Ganz ähnlich hat in Deutschland jede Region ihr typisches Kartoffelgericht, ob Thüringer Klöße oder Bamberger Hörnle. Dabei kam die Kartoffel erst im 16. Jahrhundert aus Südamerika nach Europa. Ich bin gespannt, wann auch türkische Spezialitäten ganz selbstverständlich zur deutschen Küche gehören.

DIE ZEIT: Trotzdem wirkt die Konjunktur des Regionalen, die wir gerade beobachten, wie ein Rückzug aus der komplizierten Welt ins kuschelige Überschaubare.

Petrini: Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Sich ins Lokale zurückzuziehen ist für das Zusammenleben der Menschen so schädlich wie die aggressive Form der Globalisierung, die wir erlebt haben. Die Kraft der Regionen besteht darin, dass man mit beiden Füßen auf der Erde steht und in starken Gemeinschaften verwurzelt ist. Aber ebenso wichtig ist es, sich im weltweiten Austausch weiterzuentwickeln.

DIE ZEIT: Mit Ihrem Verein Slow Food organisieren Sie alle zwei Jahre ein Forum dafür, die Konferenz Terra Madre, zu der Tausende von Landwirten nach Turin kommen. Aber haben sich ein subventionierter Niedersachse und ein Kleinbauer aus der Mongolei oder dem Senegal etwas zu sagen?

Petrini: Was sie eint, ist ihre Vielfalt. Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Statt Unterschiede auszulöschen, müssen wir sie stärken, weil sie uns reicher machen. Zugleich leben wir alle auf einem Planeten. In sämtlichen Mythen der Weltentstehung ist die Erde die Mutter. Terra Madre pflegt die Brüderlichkeit, die im Vergleich zur Freiheit und Gleichheit seit der Französischen Revolution immer vernachlässigt wurde.

DIE ZEIT: Aber stehen die Erzeuger nicht tatsächlich in einem knallharten globalen Wettbewerb? Wenn Europäer nur noch regionales Obst und Gemüse kaufen, dann haben doch afrikanische Bauern das Nachsehen!

Petrini: Da möchte ich etwas prinzipiell klarstellen: Die armen Länder, aber auch Europa sollten erst einmal die eigenen Bürger satt machen und dann über Ausfuhren nachdenken! Nur das ist gerecht. Heute ist es umgekehrt: Qualitätsprodukte werden selbst aus Gegenden exportiert, in denen es Hunger und Unterernährung gibt. Zugleich verdrängen multinationale Unternehmen wie Danone und Nestlé mit ihren billigen Erzeugnissen die lokalen Produzenten vom Markt.

DIE ZEIT: Liegt das nicht einfach daran, dass man viele Produkte in einigen Regionen billiger herstellen kann als in anderen?

 "Jedes Land braucht seine eigene Landwirtschaft"

Petrini: Jedes Land braucht seine eigene Landwirtschaft. Das ist existenziell für Ökosysteme, Geschichte, Landschaft und vor allem für die Ernährungssicherheit.

DIE ZEIT: Globaler Handel soll aber auch Engpässe ausgleichen – und die könnten sich zukünftig noch verschlimmern, etwa durch den Klimawandel.

Petrini: Die meisten Äcker werden doch bebaut, um Tiere zu füttern; so entstehen riesige Mais- und Sojawüsten. Dass jeder Deutsche im Jahr durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch verzehrt und jeder Amerikaner 125 Kilo, ist weder nachhaltig noch gesund. Außerdem landen täglich Abertausende Tonnen von Lebensmitteln einfach im Müll, obwohl man sie noch essen kann. Wo die Nahrung vor allem billig sein soll, gibt es offenbar keine Wertschätzung mehr. Mein Opa hat, ehe er vom Tisch aufstand, noch den letzten Krümel vom Teller gekratzt. Heute sind wir alle vom Virus des Konsumismus infiziert. Wir müssen von passiven Konsumenten zu Co-Produzenten werden!

DIE ZEIT: Was soll man sich darunter vorstellen?

Petrini: Esser, die sich eine umfassende Kenntnis über Ursprung, Verarbeitung und Qualität der Lebensmittel aneignen; die einen Teil der Verantwortung für sich, ihre Region und den Rest der Welt übernehmen. Am besten in regionalen Lebensmittelbündnissen. Da werden Produkte direkt vermarktet, Tier- und Pflanzensorten aus der Umgebung kultiviert, alte und neue Spezialitäten gepflegt. Und man isst zusammen.

DIE ZEIT: Klingt wie eine grün-hedonistische Luxusidee!

Petrini: Keineswegs. Auch in Argentinien beliefern Kleinbauern aus dem Dorf die Schulmensa in der benachbarten Kleinstadt mit Biogemüse und bringen Kindern Ackerbau bei. Auch in Benin stellt ein großes Bauernnetzwerk einheimischen Cashewnuss- und Ananassirup her, Néré-Sauce, Yamswurzelmehl, Palmöl und Karité-Butter für Märkte in der Hauptstadt Cotonou. Von Ghana bis Gabun gibt es in ganz Afrika eine neue Generation jüngerer Bauern und Städter, die sich für eine solidarische Landwirtschaft einsetzen. Das sind erste Ansätze – wenngleich sie vielleicht noch nicht systematisch genug verfolgt werden.

DIE ZEIT: Wie könnten sie politisch gefördert werden?

Petrini: Es muss Schluss sein damit, dass Großhändler am meisten und Bauern kaum etwas verdienen; dafür werden wir bei der anstehenden Reform der EU-Agrarpolitik streiten. Außerdem müssen Regierungen endlich verstehen, dass Agrarerzeugnisse mehr Dimensionen haben als Stereoanlagen oder Autos. Sie stiften Kultur und Identität. Und die Art des Anbaus bestimmt, wie wir mit wichtigen Gemeingütern umgehen: mit Wasser, Boden, Luft, Wäldern und Seen. Im Moment leben wir auf Kosten künftiger Generationen, diesen ungebremsten Produktivismus müssen wir stoppen. Tatsächlich würde das nicht bedeuten, ärmer zu werden – sondern reicher.

DIE ZEIT: Welche deutsche Spezialität mögen Sie besonders?

Petrini: Wir Italiener haben ja überhaupt keine Ahnung, wie groß bei euch die Vielfalt der Gerichte ist! Zum Glück komme ich oft hierher. Dann esse ich zu gerne Spätzle...

DIE ZEIT: ...na klar, deutsche Pasta!

Petrini: Fantastisch, wie sie die Sauce aufnehmen. Auch für eure regionale Suppenkultur könnte ich sterben. Köstlich auch, wie ihr in Berlin die Leber zubereitet! Mit Zwiebeln und Äpfeln... Davon kann man als Italiener nur träumen.