Je mehr man sich dem Zustand der Vollkommenheit annähert, umso schwerwiegender wird jede noch so kleine Störung empfunden: Da sitzt der Dichter auf der Terrasse seines Hauses in der Toscana, lauscht den Vögeln und blickt den Eidechsen nach, streichelt die Katze und überlegt, das erste Glas Wein des Tages zu trinken. Plötzlich macht sich in der Ferne ein Dröhnen bemerkbar. Motorengeräusch durchbricht die elysische Stille. Eine Motocross-Maschine! Oder war es ein Fluggerät?

Mal das eine, mal das andere, lautet die Antwort. In den fast dreißig Jahren, die der Dichter, Zeichner und Witzeschreiber Robert Gernhardt regelmäßig den Sommer in der Toscana verbringt, sind es, so unübertrefflich sich sonst die Landschaft präsentiert, vor allem akustische Belästigungen, die ihm die Stimmung verhageln. Andersherum vermag der lärmempfindliche Sommerfrischler, bei der Beobachtung von Wiedehopf und Grünspecht, auch klanglichen Mangel zu empfinden: "Was definitiv fehlt: Die Nachtigall".

Nachzulesen sind diese Mäkeleien in Toscana Mia, einer aus dem Nachlass des 2006 Verstorbenen herausgegebenen Sammlung von Tagebuchnotizen und Bleistiftskizzen. Extrahiert wurden sie aus den 675 Heften der Firma Brunnen, den sogenannten Brunnenheften, die der Dichter hinterlassen hat. Angesichts dieser Menge an beschriebenem und bemaltem Papier kann man sich vorstellen, dass noch so manches davon seinen Weg zwischen zwei Buchdeckel finden wird. Im Fall der fast 350 Seiten von Toscana Mia aber stellt sich die Frage, ob all die Transkriptionsarbeit überhaupt der Mühe wert ist. Mehr noch: Bei der Lektüre dieses Auswahlbandes macht sich irgendwann Zweifel breit, ob es sich bei Gernhardt tatsächlich um einen der posthumen Nachbereitung würdigen Autor handelt.

Der Grund dafür ist weniger des Dichters empfindsames Ohr, ja das mag sogar Voraussetzung für den Beruf des Verseschmieds sein. Nein, Hauptgrund dafür, an der Bedeutung dieses seit vielen Jahren so erstaunlich einhellig umjubelten Autors zu zweifeln, ist die intellektuelle und emotionale Disposition, in der wir ihn auf der Terrasse seines Hauses sitzend vorfinden: Mag Gernhardt zeitweilig auch Motorenlärm stören oder die "Toscanisierung der Toscana" bedenklich stimmen, im Grunde ist er mit sich und der Welt im Reinen. Derart im Reinen, dass ihm, benebelt vom süßen Duft Italiens, häufig nur noch Phrasen und Wortschablonen einfallen: "Traumhaft schön" findet er sein Leben im Süden, sieht "schiere Schönheit" um sich, "makellose Septembertage". Gerne auch stellt er ein "unbeschreibliches Wohlgefühl" an sich fest. "Unbeschreiblich" aber ist die Kapitulationserklärung der Dichtung vor der Welt. Als Leser möchte man die Dinge schon beschrieben haben.

Freilich war der Tagebuchschreiber Gernhardt bei allem "Unbeschreiblichen" ja durchaus fleißig: Seiten über Seiten berichtet er von seinen Katzen, lang und breit wird von der Olivenernte erzählt oder davon, wie der Dichter und seine Frau einmal einem Hund das Leben retten. Das Wetter ist selbstverständlich auch ein großes Thema. Genauso das Essen und der Wein. Nur ist all das eben himmelschreiend harmlos und häufig so langweilig, dass einem im Liegen das Buch auf die Nase fällt.

Dass Toscana mia so banal ist, liegt dabei nicht unbedingt an den banalen Gegenständen, denen sich Gernhardt widmet. Peter Handke zum Beispiel zeigt in seinen Reisenotizen, dass ein Spatz schon genügt, um große Literatur zu schaffen. Eine Nachtigall braucht es da gar nicht. Nur muss man die Sprache unter Druck setzen, sie zu etwas so nie Gehörtem machen – wodurch sie dann bei der Lektüre auch die Welt zu etwas so nie Gesehenem werden lässt. Das gelingt Gernhardt, bei aller taschenspielerhaften Virtuosität, die ihm im Umgang mit Reimen und Metren eigen ist, nicht im Ansatz.

So ist sein seitenlanges Lamento über die akustischen Störungen der Zivilisation zwar durchaus nachvollziehbar, schließlich wollen wir alle ja gerade im Urlaub von der Welt möglichst in Ruhe gelassen werden. Nur möge man uns bitte auch mit Nachrichten aus diesem gänzlich spannungsfreien Schonraum verschonen.