Auf dem Bett: langweilig. Beim Einkaufen: deprimierend. Ich habe überall versucht, den neuen Songs von Lady Gaga näherzukommen, auch im Badezimmer. Wo hört man noch mal Musik? Ich habe Born this Way auf dem Fahrrad gehört, und es war wieder eine Katastrophe. Born this Way. Eine Zumutung. Isolierender, einsam machender Ostblocksound. Ein Gefühl stellt sich ein, als quetsche man den Körper in einen engen, nur an schwierigen Stellen dehnbaren Overall im Leopardenmuster. Während sich die Disko-Mischung in den Kopf rammt, wird der Hörer ganz und gar von seiner Umwelt getrennt. Born this Way auf den Ohren und garantiert betäubt für den Rest des Weges.

Born this Way. Was soll das überhaupt heißen? So bin ich halt. Du darfst. Katjes, Yes, yes, yes. Dabei waren wir doch eher die Miracel-Whip-Haltung dieser sagenhaften Monstererscheinung des beginnenden 21. Jahrhunderts gewohnt: das Leichte schwer gerührt. In ihrem umwerfenden Video Telephone spielte Miracel Whip sogar eine besonders schwergewichtige Rolle. Auch wenn sich das der Hersteller ein paar Milliönchen hat kosten lassen müssen. Drei Single-Auskopplungen hat Lady Gaga seit Jahresbeginn veröffentlicht, Born this Way, Judas, die dritte habe ich schon wieder vergessen. Die Songs hat sie uns ausgestreut wie Brotkrumen, die Hänsel und Gretel den Weg aus einem finsteren Wald zeigen sollen. Sehr viel heller ist es noch nicht geworden.

Am 23. Mai soll das Album Born this Way erscheinen. Das Cover schwarz-weiß, Lady Gaga blass, im Hintergrund sehen wir eine sicher sehr tief brummende Harley. Sie glitzert. Zusammengenommen so sexy wie eine Bierwerbung. Aber natürlich: Bei allem, was Lady Gaga tut, veröffentlicht, filmt, sagt, muss man befürchten, eine Message überhört zu haben. Man hinkt ihr stets auf der Suche nach einem verborgenen Schatz hinterher, der sich zumindest – nur darauf kann man sich bei ihr verlassen – in der Nähe von Warhol, Madonna oder den Illuminaten befindet. Weniger wäre weniger. Ihr zu folgen setzt ein enigmatisches Grabräuberverständnis voraus. Oder Wikipedia. Insofern wird auch hinter der Harley etwas stecken, das ich hier, jetzt, heute noch nicht verstanden habe.

Aber: Da ist zum Beispiel der 23. Mai. Da war doch etwas? Richtig. Es ist natürlich auch der Tag der Gründung der BRD. Aber vor allem sind 23 und 5, so peinlich es ist (ich führe nur einen Befehl aus), die Zahlen der Illuminaten. Ohne diesen gigantischen Symbolismus ist Lady Gaga nicht mehr zu haben.

Denn sie selbst gibt kaum ein Rätsel auf. Nur eines, und das ist keines: ihre Nase. Konsterniert musste auch ihre Biografin Mareen Callahan zugeben: "Sie ist echt." Im Leben Lady Gagas etwas aufdecken zu wollen heißt, debil zu werden. So auch Callahan, die in den Haarwurzeln Lady Gagas nach Geheimnissen pulte und Gagas persönliche Assistentin Angela Ciemny folgendermaßen zitierte: "Bereits um sechs Uhr morgens saß sie in einem Friseursalon, um die alten Haarverlängerungen zu entfernen, ihr Haar blond zu färben und Verlängerungen anbringen zu lassen." Eines Morgens wurde die Assistentin von dem Umstand "überrascht", dass der Star diesmal auf die Haarverlängerung verzichtet hatte. Zwiespältige Erleichterung: "Wir fingen alle an zu weinen. Die Verlängerungen waren für uns alle solch eine Belastung." Auch über die Sonnenbrille gibt die Biografin Aufschluss: "Sie nimmt sie ab, wenn sie Intimität herstellen will."

Haarverlängerungen, Sonnenbrillen, Leopardenmuster – das ist wohl, wovon Born this Way handelt. Und wo es in Wahrheit kein Geheimnis gibt, aber die Symbole immer heftiger werden, muss welcher Song zu Ostern veröffentlicht werden? Richtig: Judas. Und worum wird es wohl gehen? Es geht darum, Judas doch irgendwie zu mögen. Er ist ein Verbrecher, aber sie liebt ihn nun einmal. I'm just a holy fool, oh baby he’s so cruel / But I’m still in love with Judas, baby.

Und das trifft dann doch mitten in unsere Gegenwart. Jesus, so hat das mal die Schriftstellerin Katja Lange-Müller gesagt, wäre heute das unliebsame, quengelnde SPD-Mitglied. "Hält der schon wieder seine Predigten", würden die Genossen gähnen. Judas dagegen ist das Böse. Er ist reizvoll. Er ist Mick Jagger. Er hat das Zeug zum Rockstar. Wir verehren, was böse ist. Es moralisiert nicht, es ist auch nicht im Recht, aber es verspricht ein wildes, heftiges, lautes Leben. War die Harley auf dem Albumcover nicht auch die Verheißung einer Freiheit, Unverbindlichkeit, Schnelligkeit? Na, jedenfalls ist es das Killerheilmittel gegen die Langeweile. Gute trinken Volvic, die Bösen Champagner. Und Lady Gaga, Liebhaberin des Judas, unsere heilige Hure, ist eine der Letzten, die uns einen Spiegel vorhält. Judas, Rockstar seit dem 20. Jahrhundert. Da passt auch der üble Ostblocksound.