Babylon ist woanders. Das merkt man schon, wenn man vom Hauptbahnhof mit der Tram durch die auffallend sauberen, wohlgeordneten Straßen fährt. Die ehemalige Residenz- und Beamtenstadt wirkt noch immer so bemerkenswert brav, dass man darin schon fast einen exotischen Nervenkitzel entdecken könnte. Kein Wunder also, dass ausgerechnet im bourgeoisen Karlsruhe die schrille und schräge "Lissy" eine Berühmtheit ist, fast so etwas wie eine Ikone. Eine Ikone der tatsächlichen und irgendwie auch der nur ersehnten Geschichte.

Der famose Karl Hubbuch hat die gespenstisch flackernde Dame aus dem Altstadtviertel Karlsruhes um 1930 als eine jener verruchten Kaffeehaus-Existenzen gemalt, in denen wir bis heute die Galionsfiguren des Großstadtlebens in der Weimarer Republik erkennen. Das ungenierte Amüsieren und Animieren gehörte ja ebenso dazu wie überhaupt das solitäre Auftreten der Frau im öffentlichen Raum. Dafür steht Lissy. Aber eben auch für die Gefahren, die in der freien Wildbahn von Metropolis lauern. Die aufgepulverte bohémienne, man sieht es ihren bleich geschminkten Zügen an, wird sich bald restlos verpulvert haben. Ob sie deswegen hier so beliebt sein mag? Wegen der unterschwelligen Vanitas-Mahnung?

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Karl Hubbuchs Lissy gehört zu den kapitalen Schaustücken der Städtischen Galerie von Karlsruhe, die um die deutsche Kunst zwischen Romantik und Gegenwart kreist. Sie erinnert an eine kurze, aber intensive Glanzzeit des hiesigen Kunstlebens. Neben dem babylonischen Berlin, neben Köln und Dresden, avancierte ausgerechnet Karlsruhe zu einem wichtigen Schauplatz der neusachlichen und veristischen Malerei. Der flotte Karl Hubbuch und der köstlich böse, von klassenkämpferischem Furor beflügelte Georg Scholz vor allem, aber auch der deutlich kühlere Wilhelm Schnarrenberger und der schon früh in die Hauptstadt gewechselte Rudolf Schlichter sorgten dafür, dass sich in der Provinzstadt plötzlich Berliner Luft verbreitete. Fast alle der neusachlichen Maler Karlsruhes hatten an der Kunstakademie studiert und später dort ein Lehramt übernommen. Die ehemalige Badische Kunstschule gerierte sich für ein paar Jahre sozusagen als Kaderschmiede der Neuen Sachlichkeit. Die Werke dieser Maler formen deshalb nicht zufällig den heute vielleicht reizvollsten Komplex der Städtischen Galerie, die zwar schon vor über einem Jahrhundert entstand – aufgrund einer bürgerlichen Schenkung –, aber erst seit rund zwanzig Jahren als Sammlung sichtbar ist. Erst 1981 konnte sie ihr Schattendasein im Depot aufgeben. 1997 zog sie in den denkmalgeschützten Hallenbau Lichthof 10 um, wo sie sich mit der spektakulären Fabrikarchitektur und mit der schillernden Nachbarschaft des ZKM arrangieren muss.

Rund 15000 Objekte umfasst die Sammlung, von Wilhelm Schirmers Italiensehnsucht bis zur trotzig der Moderne entgegengestellten "Heimatkunst" des übermächtigen Hans Thoma, von der feinnervigen impressionistischen Grandezza Wilhelm Trübners bis zum endgültigen Eintauchen in die Hauptströme der Nachkriegsmoderne. Seit dieser Zeit weitete die städtische Erwerbungspolitik ihr Augenmerk auf die deutsche Kunst der Gegenwart. Einerseits kamen so schon damals bemerkenswert hochkarätige Werke von Günther Uecker oder Heinz Mack, von Gerhard Richter oder Otto Hajek in die Sammlung. Andererseits aber wurde die Kluft zum historischen Bestand zunehmend breiter. Vor allem schließlich durch die Integration der überaus umfangreichen, aber in ihrer Vorhersehbarkeit auch langweiligen Sammlung Garnatz, die mit ihren Werk-Suiten von Baselitz und Lüpertz, von Polke und Penck als langfristige Leihgabe hinzukam. Die Städtische Galerie hat so wohl an Bedeutung gewonnen. Nicht jedoch an Flair.

Mit weit größerer Neugier, ja mit Vergnügen wird man hier dagegen die kaum noch bekannten Maler der Karlsruher Akademie entdecken, die in wechselnder Zusammenstellung den Parcours der Dauerausstellung bereichern. Dort kann man den impressionistischen Lichtspielen Friedrich Kallmorgens begegnen, den wie Spielkarten flachen Landschaften Gustav Kampmanns oder den zugleich abgründig und altfränkisch anmutenden Stillleben Willi Müller-Hufschmids, die überaus reizend sind, auch wenn sie keine Sensationen bieten. Karlsruhe liegt eben nicht am Nabel der Welt. Nur einmal konnte man sich hier fast wie in einem Vorort Babylons fühlen: in der Ära der verwegenen Lissy, die ihr heiseres Lachen nur unterbrach, um tief an der Zigarette zu ziehen.