Als sich Norbert Blüm zum Beirat von ForumFinanz gesellte, hat er sich nicht viel dabei gedacht. »Ich wollte mir anschauen, wie Sitzungen ablaufen und was ein solches Gremium bewirkt«, sagt der ehemalige Minister. Eingetreten war er im Herbst 2001, im Mai 2004 trat Blüm aus dem Beirat der Vermögensberater wieder aus, nachdem ihn ein Kunde auf dubiose Geschäftspraktiken aufmerksam gemacht hatte. Das Gastspiel brachte ihm einen Eintrag in die Liste »Verflechtungsbeziehungen der Minister aus der Regierung Kohl« der Wissenschaftlerin Diana Wehlau ein. Beirat Blüm war einige Male nett essen auf dem Bonner Petersberg – im Gegenzug verlieh er seinen Namen. Blüm sollte offenbar ein Verkaufsargument für Vermögensberater sein.

Viele Unternehmen und ihre Interessensverbände halten sich Beiräte. In ihnen tummeln sich Wichtige aus Wirtschaft und Politik. Doch was macht eigentlich ein Beirat? Und warum suchen vor allem Großunternehmen und Verbände die Nähe zur politischen Kaste? Es geht um Außenwirkung, wohl auch um Eitelkeiten. Um Einfluss – und gelegentlich um Geld.

Im Gemeinsamen Beirat der Allianz – dort tagt neben einigen Vorstandsvorsitzenden anderer Dax-Konzerne auch der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel – »versammeln sich Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft zum regelmäßigen Gedankenaustausch«. Der Beirat der Ergo-Versicherer berät den Vorstand »in wichtigen Fragen allgemein wirtschaftlicher Art«. Der Zentrale Beirat der Commerzbank sorgt für »Informations- und Meinungsaustausch« sowie »Begleitung der Bank«. Ziemlich schwammige Vorgaben.

»Die Funktion der Unternehmensbeiräte ist vielfach intransparent. Viele fungieren als Legitimität für Unternehmen, wenn beispielsweise Umweltkritiker in Energiekonzerne geholt werden«, sagt Brigitte Young, Professorin der Internationalen Politischen Ökonomie an der Uni Münster. Selten sind die Aufgaben von Beiräten klar benannt. Der Datenschutzbeirat der Telekom, dem auch CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach und Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger angehören, gilt schon als Positivbeispiel. Er »soll den Austausch mit führenden Datenschutzexperten und Persönlichkeiten aus Politik, Lehre, Wirtschaft und unabhängigen Organisationen über Geschäftmodelle, Prozesse und den Umgang mit Daten im Konzern Deutsche Telekom fördern«. Doch solch spezialisierte Beiräte sind selten. Häufiger sind hingegen Regionalbeiräte, zum Beispiel bei Commerzbank oder Deutscher Bank. Letztere hat unter anderem CDU-Bundesvorstandsmitglied Dagmar Schipanski und den Ex-Ministerpräsidenten Sachsens, Georg Milbradt (CDU), in ihren Reihen.

Beiräte kommen üblicherweise ein bis vier Mal im Jahr zusammen. Die Bezahlung bleibt meistens ein Geheimnis. Die Rede ist dann von »angemessenen Aufwandsentschädigungen«. Der Energieriese RWE überweist Mitgliedern seiner Regionalbeiräte eine Grundvergütung von jährlich 4650 Euro. Für Beiratstreffen fließen dann noch einmal 500 Euro Sitzungsgeld und 100 Euro »Auslagenersatzpauschale«. Für die vielen Landräte und Bürgermeister in diesen RWE-Gremien ist das ein nettes Zubrot, auch wenn man in Aufsichtsräten weitaus besser verdienen kann.

Ohnehin ist der Beirat häufig so etwas wie der kleine Bruder des Aufsichtsrates, hat er doch innerhalb des Unternehmens weniger Einfluss und keine gesetzlich bestimmten Aufgaben. Beiräte scheinen häufig eher als Trophäen von Unternehmen zu dienen. Sie werden gesammelt, wie andere Bilder von Fußballspielern oder Disney-Figuren für die Klebe-Alben von Panini sammeln. Eine Kollektion der Namen. Sie soll Glaubwürdigkeit und Seriosität ausstrahlen. So wie im Fall Blüm.

Neben der Vernetzung der Wirtschaft – so sitzen beispielsweise die Vorstandsvorsitzenden von Lufthansa, Deutscher Bahn und Bayer AG in Beiräten anderer Unternehmen – sind Beiräte längst auch eine Form des institutionalisierten Lobbyismus. »Politiker werden als Beiräte in Konzerne geholt, die durchgehend als Lobbyisten für diese Unternehmen gesehen werden können«, kritisiert die Wissenschaftlerin Brigitte Young. Beiräte können also auch ein Scharnier zwischen Wirtschaft und Politik sein. Young zählt sie deswegen zu den informellen Netzwerken. Einige Beiräte haben sogar Mitglieder, die ihre Politikkarriere längst beendet, nicht aber ihre Kontakte zu Parteien, Parlamentsausschüssen und Ministerien gekappt haben.