Das fremde Monument

Im Berliner Tiergarten versammelt die Meile zwischen Pariser Platz und Schloss Bellevue nicht allein die Zentren politischer Macht – Parlament, Kanzleramt, Präsidentenschloss–, sie ist auch ein Ort verdichteter deutscher Geschichte. So steht der Reichstag für den langen Weg zur Demokratie, das Brandenburger Tor daneben für Preußens Triumphe und Katastrophen, für deutsche Schicksalsschläge und wunderbare Wendungen – in der Tat ein Denkmal der Einheit, ohne dass es dazu deklariert werden müsste. Und zur Erinnerung an den fundamentalen Zivilisationsbruch in der deutschen Geschichte, den Völkermord an den europäischen Juden, wurde das Holocaust-Mahnmal errichtet. Da mit diesem Stelenfeld nur der Juden gedacht wird, sind im Tiergarten Erinnerungsstätten für andere Opfergruppen hinzugekommen: für die verfolgten Homosexuellen und, kurz vor der Fertigstellung, für die Sinti und Roma.

Dreihundert Meter vom Reichstag wie vom Brandenburger Tor wie vom Holocaust-Mahnmal entfernt, steht an der Straße des 17. Juni, zwanzig Meter hoch und unübersehbar, seit Jahrzehnten ein ganz anderes Denkmal. Granitene Stufen, flankiert von zwei T-34-Panzern und zwei schweren Haubitzen, führen zu einer gebogenen Kolonnade. In deren Mitte trägt ein Postament die sechs Meter hohe Bronzefigur eines sowjetischen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett. Die Plastik ist ein Werk des Moskauer Staatskünstlers Lew Kerbel, der später auch den berühmten Marx-Kopf für Chemnitz schuf. Hinter diesem pathetischen Denkmalsbau verschwinden die Grabanlagen, in denen 2500 im Kampf um Berlin gefallene Rotarmisten bestattet sind. Erst an den sechs Pfeilern der Kolonnade findet der Besucher die Namen sowie die Geburts- und Sterbedaten von 182 der hier bestatteten Soldaten und Offiziere.

Errichtet auf Geheiß der sowjetischen Militärregierung unter Marschall Schukow, wurde das Ehrenmal bereits im November 1945 unter Beteiligung aller vier Besatzungsmächte eingeweiht. Die beiden anderen, deutlich größeren Ehrenmale in Treptow und Schönholz für weitere 7000 beziehungsweise 13.500 in Berlin gefallene Sowjetsoldaten kamen erst 1949 dazu.

Das Ehrenmal im Tiergarten, als einziges in West-Berlin, im britischen Sektor gelegen, war Resultat eines noch im unmittelbaren Kriegserlebnis wurzelnden Impulses. Es steht an der Schnittstelle der bereits fertiggestellten Ost-West-Achse und einer geplanten Nord-Süd-Achse, die das nationalsozialistische Germania-Berlin durchschneiden sollten. Vor allem aber war den sowjetischen Auftraggebern die Nähe zum Reichstag wichtig. Den hatte man bei Kriegsende als "Nest der faschistischen Bestie" zum symbolischen Endziel des verlustreichen Sturms auf Berlin erklärt. Noch nach der deutschen Kapitulation wurden die Eroberung des Wallot-Baus und die Flaggenhissung auf dem Dach aufwendig für Fotos und Filmaufnahmen nachgestellt – was ein wenig kurios anmutet, war der Reichstag doch seit 1933 nicht mehr als eine ausgebrannte Ruine.

In der Konfrontation des Kalten Krieges war das sowjetische Ehrenmal dann vierzig Jahre lang für die westlichen Bewohner der Frontstadt vor allem ein Symbol des kommunistischen Ostens auf Westberliner Boden. In Momenten zugespitzter Konfrontation wie im August 1961 musste es davor geschützt werden, von erregten Westbürgern gestürmt und zerstört zu werden. Im November 1970 schoss der Neonazi Ekkehard Weil auf einen der sowjetischen Posten, die dort Wache hielten, und verletzte ihn schwer. Nach diesem Attentat sperrte die hier zuständige britische Militärpolizei die Anlage weiträumig ab.

Mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation galt das Ehrenmal nicht länger als kommunistische Provokation. Noch vor dem Abzug der sowjetischen Truppen übergab die Westgruppe der Streitkräfte im Dezember 1990 die Anlage an den Berliner Senat. Wie in den deutsch-sowjetischen Vereinbarungen festgelegt, sorgt seitdem der Senat für die Erhaltung und die Reparatur des Monuments. Eine Tafel an der Straße des 17.Juni erklärt dem Touristen kurz, worum es sich eigentlich handelt: um die Ruhestätte Tausender gefallener Soldaten nämlich. Die meisten Besucher finden das wuchtige Denkmal exotisch, einige auch "schrill"; die Berliner übersehen es inzwischen. Es ist bis heute ein Fremdkörper im Ensemble deutscher Selbstverständigung geblieben.

Ein Ort für das Gedenken an die Millionen sowjetischen Opfer

In der Tat berührt die Gestaltung dieses Monuments merkwürdig. Seine martialische und auftrumpfende Formensprache ist nicht von der stalinistischen Ästhetik zu lösen. Aber diese Ambivalenz lässt sich durchaus ertragen, nicht weniger als die wilhelminisch-pompöse Klotzigkeit des benachbarten Reichstages. Und wenn wir die eigene Rede von der – trotz allem – Befreiung durch die Rote Armee ernst nehmen, dann sehen wir in diesem Denkmalskomplex die Männer bestattet, die ihr Leben für die Befreiung von Auschwitz und Majdanek, für den anders nicht zu erringenden Sieg über die NS-Herrschaft opfern mussten. Also auch für uns.

Und trotzdem: Es fehlt Wesentliches. Bestattet sind hier im Kampf gefallene Soldaten; ihre Grabstätte soll auch die anderen zehn Millionen gefallenen sowjetischen Soldaten in Erinnerung rufen. Aber nichts an diesem Monument von Soldaten für Soldaten weist darauf hin, dass darüber hinaus eine noch größere Millionenzahl sowjetischer Bürger Opfer der deutschen Vernichtungspolitik wurde. Dazu zählen drei Millionen Kriegsgefangene, über zwei Millionen Juden, die ausnahmslos ermordet wurden, eine Million Leningrader, die durch die Blockade der Stadt verhungerten (Ziel der Wehrmacht war es, hier an die drei Millionen Menschen verhungern zu lassen), Hunderttausende Bewohner der ländlichen Gebiete Weißrusslands, der Ukraine und Russlands, die den "Vergeltungsaktionen" im Kampf gegen Partisanen zum Opfer fielen, und schließlich Millionen weiterer Zivilisten, die unter der Besatzung verhungerten, weil die Deutschen große Teile des Landes bis auf den letzten Halm ausplünderten, oder die auf andere Weise umkamen. Legitimiert wurde dieser Völkermord durch einen obsessiven Antisemitismus, eine Lebensraum-Ideologie und einen Rassismus, dem zufolge die slawischen Einwohner Osteuropas "Untermenschen" oder "Tiermenschen" ohne Existenzrecht seien.

Das Andenken an die ermordeten Juden, auch an die sowjetischen, hat seinen Platz im Holocaust-Mahnmal gefunden. Aber die Millionen, die als "rassisch minderwertige" Slawen der deutschen Mordpolitik zum Opfer fielen, erhielten bisher auf dem Terrain deutschen Gedenkens keinen Ort.

So kommt das sowjetische Ehrenmal noch einmal in den Blick, ganz gewiss nicht, um es zu verändern oder auszubauen. Aber würde seine Bedeutung für uns nicht wachsen und deutlicher werden, wenn hier ein Ort der Erinnerung für die Millionen Opfer geschaffen würde, die unter der Prämisse des antislawischen Rassismus zwischen 1939 und 1945 ermordet wurden?

Nein – gewiss kein Stelenfeld oder Brunnen, kein neuer Triumph der deutschen Sepulkralkultur. Keine Symbolik kann auch nur annähernd die Dimension dieser Verbrechen vermitteln. Statt irgendwelcher abstrakter Zeichen sollte ein Platz der klaren Information geschaffen werden, der über Täter und Opfer aufklärt. Und der für die Information eine Architektur findet, die ihren komplementären Bezug zum sowjetischen Ehrenmal erkennen lässt.

Der Autor ist Historiker und leitete von 1995 bis 2006 das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst