Dorothee Stapelfeldt hatte es befürchtet. Als die Rektoren der Hamburger Hochschulen in der vergangenen Woche zu einer Pressekonferenz einluden, beschloss die Wissenschaftssenatorin, ihnen zuvorzukommen. Noch am Vorabend ließ sie ihren Sprecher eilig alle auf die Schnelle erreichbaren Journalisten zusammentrommeln – wohl in der Hoffnung, sie in letzter Minute zu "impfen". Sie immun zu machen gegen die Klagen der Hochschulpräsidenten.

Vielleicht wäre Senatorin Stapelfeldt das sogar gelungen – hieße nicht ihr Gegenspieler Dieter Lenzen , der vor seinem Engagement als Hamburger Uni-Präsident die Freie Universität Berlin zum Sieg in der Exzellenzinitiative geführt hat. Lenzen, dem Freunde und Widersacher bescheinigen, einer der ausgefuchstesten Uni-Chefs überhaupt zu sein. Dieser Lenzen sagte am nächsten Tag lapidar: "Wahrscheinlich hat die Senatorin uns noch ein paar zusätzliche Zuhörer beschert." Dutzende Journalisten erschienen zur Pressekonferenz. Eigentlich war es eine nicht bloß der Universität, sondern aller neun Hamburger Hochschulen, darunter die wesentlich kleinere Technische Universität in Harburg, die frühere Fachhochschule (heute HAW) und die Kunsthochschule. Doch Lenzen beherrschte die Szene. Er weiß, wie man Medien Futter gibt: Bleibe es bei den Kürzungen, werde die Uni nicht nur den Zugang zum Botanischen Garten und ihren Museen schließen, sie werde auch keine Deutschlandstipendien einwerben, die Nacht der Wissenschaft boykottieren, sämtliche Weiterbildungsangebote aussetzen sowie ihr Internationalisierungskonzept stoppen. Und: "Wir werden uns nicht aktiv an der Umsetzung der Kürzungen beteiligen." Fachbereiche oder Einrichtungen dicht zu machen, das müsse der Senat schon selbst erledigen – "wir wollen eine Autonomie der Gestaltung, nicht der Zerstörung!".

Spätestens nach diesem Satz Lenzens wusste die SPD-Politikerin Stapelfeldt, dass ihr Job noch unangenehmer werden würde, als sie es seit ihrem Amtsantritt Ende März hatte befürchten müssen. Ihr hatte es Olaf Scholz, der neue Erste Bürgermeister der Hansestadt, überlassen, den Hochschulen mitzuteilen, welch drastische Einsparungen er plant: Nach Angaben Lenzens Kürzungen von zehn Prozent, während der Hamburger Haushalt insgesamt nicht schrumpft. Diese Größenordnung bestreitet Stapelfeldt, nennt die Berechnungen "nicht nachvollziehbar". Doch auch sie sagt: "Wir haben es sicherlich mit einer sehr schwierigen Situation zu tun, und die möchte ich gemeinsam mit den Hochschulen bewältigen."

Schwierige Situation, das ist eine Verniedlichung: Die Universität Hamburg steckt seit Jahren in einer Qualitäts- und Identitätskrise. Am Versuch, das Ruder herumzureißen, war zuletzt vor zwei Jahren die aus Stuttgart herbeigerufene Präsidentin Monika Auwetter-Kurtz gescheitert ( ZEIT Nr. 26/09 ). Und schon vor Bekanntwerden der aktuellen Kürzungspläne war die 38.000-Studenten-Hochschule diesen März in der Exzellenzinitiative leer ausgegangen. Vorhersehbar eigentlich, doch nach der überraschenden Verpflichtung Dieter Lenzens Ende 2009 hatten viele Hamburger wider besseres Wissen noch auf eine Art Blitzheilung gehofft, auf ein Wunder im Wettbewerb um den Titel Eliteuniversität.

Nun müssen sie sich umso schmerzhafter mit der unabweisbaren Tatsache auseinandersetzen: Die größte Metropole Nordeuropas hat eine Uni, die in keiner Weise den Ansprüchen einer führenden, auf die Zukunft ausgerichteten Wirtschaftsregion gerecht wird. Doch warum ist das so? Und wie ließe sich das ändern?

Die Suche nach Antworten führt weit zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg war Hamburg eine der letzten deutschen Großstädte ohne Universität, dennoch protestierten die Kaufleute im Jahr 1919 heftig gegen die Neugründung. Hatten die Reichen ihre Söhne doch seit je zum Studieren nach Göttingen geschickt! Lange fremdelte die Stadt mit ihrer Universität. In der wiederum die Gremien wucherten und interne Machtkämpfe die Hochschule lähmten. Außerhalb kümmerte das niemanden so recht.

Nun wollen sieben Hamburger Stiftungen demonstrieren, dass die Bürger der Stadt sich für ihre Universität durchaus interessieren. Eine Million Euro haben sie gespendet, als Impuls. "Die Universität hat mit ihrem jetzigen Präsidenten die einmalige Chance, sich aus ihrer Erstarrung zu befreien", sagt Michael Göring, Chef der ZEIT-Stiftung. (Deren Vermögen stammt aus dem Erbe von Gerd Bucerius, dem Gründungsverleger der ZEIT, die Redaktion ist von der Stiftung unabhängig). Natürlich sei dafür Geld notwendig und das "längst überfällige, eindeutige und öffentliche Bekenntnis des Ersten Bürgermeisters zum Wachstum und Wohlergehen der Hamburger Universität." Aber Geld, so Göring, sei nicht alles: Die Uni müsse sich neu organisieren, eventuell eigene schools errichten, sodass kleinere, wendige Einheiten entstünden, die sich schneller profilieren ließen. Dazu könne gehören, dass Berufungskommissionen mit überwiegend externen Wissenschaftlern besetzt werden.