Otto Endres in dem Waldstück, wo er zuletzt gearbeitet hat © Alexandra Endres

Den Jungen half, dass sie das harte Arbeiten aus der Landwirtschaft gewohnt waren: vom Heumachen, bei dem die Wagen noch mit Gabeln von Hand beladen wurden statt hydraulisch, vom Pflügen mit den beiden Kaltblütern und vom Dreschen, nach dem die Jugendlichen die zentnerschweren Getreidesäcke über mehrere Treppen hoch auf den Dachboden schleppten. "Horch", sagt mein Vater heute, wenn er im Blaumann am Abendbrottisch sitzt, vor sich Blut- und Leberwurst, scharfen Senf und selbst eingelegte Gurken, in der Hand ein großes Messer: "Horch, mir hebbe nix anners gekennt. Des wor halt so." Man habe nichts anderes gekannt. So seien die Zeiten gewesen.

Mittlerweile erledigen Maschinen die schwerste Arbeit. Als vor 20 Jahren der Orkan "Wiebke" in Süddeutschland ganze Fichtenwälder umwarf, trugen mein Vater und seine Kollegen die viele Meter langen Stämme noch von Hand zusammen. Eine Plackerei. Jetzt betreut ein sogenannter Vollernter die damals neu bepflanzten Flächen. Über eine Entfernung von bis zu zehn Metern greift die Maschine in den Wald, fällt einzelne Bäume, holt sie heraus, schneidet sie zurecht und legt die Stämme bereit zum Abtransport. Bedient wird das Trumm, das allein so viel schafft wie früher zehn Männer, von einer Person.

Auch die Motorsägen sind leichter und leistungsfähiger als früher, und sie vibrieren nicht mehr so stark. Das schont Finger und Gelenke. Um die acht Kilo wiegen die beiden Sägen noch, die er in seiner Werkstatt lagert, wo vor Jahren der Stall der beiden Schweine war.

Irgendwann lohnte sich der Bauernhof mit seinen Rindern, Schweinen und Hühnern, den Getreidefeldern, Obst- und Gemüsegärten nicht mehr. Mein Vater trat als Waldarbeiter in den Dienst der Gemeinde. Die theoretische Ausbildung holte er nach: Unfallverhütung, Geometrie, Arbeitstechnik, Ergonomie. Manches, was er lernte, gilt heute nicht mehr. "Die Jungen sägen ganz anders", erklärt er. Statt von außen eine Kerbe in den Stamm zu schneiden, stechen sie direkt durch die Mitte. Das ist sicherer, und Sicherheit geht vor. "Aber die Sägeschwerter können dabei leichter kaputt gehen."

Die schönsten Stämme zeigen die Kommunen auf ihrem gemeinsamen Wertholzplatz. Hinter der Halle einer Saftfabrik liegen Kirschbäume, Nussbäume und Eichen auf langen Bohlen zur Begutachtung. Aus ihnen sollen Möbel oder Fensterrahmen werden oder Furnier. Besonders wertvoll waren eine Zeit lang die Eichen aus unserem Dorf: Zwei-, dreihundert Jahre alt, gewachsen in einem Eichwald, wie in der Gegend keiner mehr steht. Da gab es immer einen guten Preis. "Der Standort war berühmt", sagt mein Vater. "Nur noch im Spessart gibt es ähnlichen Boden." Jetzt ist vom Eichwald kaum noch etwas übrig. Bei den aktuellen Preisen lohnt sich das Schlagen.

Im Birkwald setzen die Kollegen Nussbäume. Leichte Arbeit, sagt einer, mit dem Hohlspaten gehe es gut. Sie sind nur zu zweit; drei Arbeiter in einer Gruppe wären normal. Die Gemeinde hat Nachwuchsprobleme. Die Anstrengung schreckt viele ab. Auch dem Vater fiel die Arbeit zuletzt schwer. Die Kondition ließ nach, die Füße blieben häufiger in den Brombeerranken hängen als früher. Dennoch sagt er: "Ich hätt nix anners schaffe g’wellt. Im Wald wird’s einem nie langweilig, anders als in der Fabrik ."