Mikita Krasnou hatte nur zwei Möglichkeiten: "Gefängnis oder abhauen". Der weißrussische Geheimdienst, der sich noch immer KGB nennt, sucht den 24-Jährigen wegen des Verdachts der "Organisation von Massenunruhen". Ihm droht eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren. Nur weil er in der Präsidentschaftswahl am 19. Dezember einen Oppositionskandidaten gegen den weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko unterstützte. In der Wahlnacht flüchtete Mikita in Minsk vor den prügelnden Sondertruppen in das Wahlkampfbüro. Polizisten sägten die Eingangstür auf und nahmen ihn dort fest. Auf der Wache wurde er überraschend freigelassen. Vertreter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die Lukaschenko Tage später aus dem Land warf , hatten sich in einer letzten Amtshandlung für den Verhafteten starkgemacht. Doch die staatlichen Verfolger gaben nicht auf. Zivilfahnder durchsuchten eine Woche später die Wohnung seiner Eltern und seiner Freundin. Als Mikita davon erfuhr, sprang er aus dem Fenster. Vor seinem Haus stand schon ein KGB-Mann im Auto. Er floh in die Freiheit – nach Vilnius.

Die litauische Hauptstadt ist zum Zentrum der weißrussischen Emigration und zur Brücke in die Europäische Union geworden. Mehr als hundert Lukaschenko-Gegner sind nach Vilnius geflohen. Kurzreisende nehmen hier, nur 180 Kilometer von Minsk entfernt, für ein paar Tage Urlaub von der Diktatur mit Reisefreiheit. Sogar jene, die bislang am Gesellschaftsvertrag mit Lukaschenko festhalten, der ihnen "Suppe gegen Nichteinmischung" liefert, zieht es von Zeit zu Zeit nach Vilnius. Sie fahren zum Shopping ins riesige Einkaufszentrum Akropolis im Norden der Stadt, um eine der Errungenschaften der westlichen Welt zu genießen, die ihnen bisher in Minsk fehlt: den Schlussverkauf.

Ein Schengen-Visum ist die Eintrittskarte in die Gelobte Stadt, in der sich frei reden lässt und fast alle Russisch verstehen. "Die Mentalität der Litauer unterscheidet sich kaum von unserer", sagt Mikita. "Sie sind ein bisschen ausgeglichener als wir. Aber dennoch fühlen wir uns nicht als Ausländer." Dieselbe erdenschwere Mentalität, sagen viele Weißrussen, bei der Gelassenheit zuweilen in Duldsamkeit übergeht. Weißrussen und Litauer haben eine lange gemeinsame Geschichte. "Fast jede Straße in Vilnius ist mit Weißrussland verbunden", erklärt Mikita. "Der erste weißrussische Buchdrucker lebte im 16. Jahrhundert hier, und auf dem Lukiskiu-Platz wurde 1864 unser Nationalheld, der Revolutionär Kalinowskij, gehängt. Das sind für uns heilige Orte." Als Vilnius 1939 von Stalin Litauen zugeschlagen wurde, wohnten viel mehr Weißrussen als Litauer in der Stadt. Heute fallen die ethnischen Weißrussen in Vilnius kaum mehr ins Auge. "Unsere Menschen gehen lieber in der Menge auf", erklärt einer der Flüchtlinge. "Das ist die Partisanenmentalität."

Viele moderne weißrussische Partisanen in Vilnius tragen einen Laptop unter dem Arm und sprechen über das Internettelefon Skype mit ihren Angehörigen und Freunden zu Hause. Der Computersaal im Weißrussischen Haus der Menschenrechte im Exil, das norwegische Menschenrechtler aufgebaut haben, wurde für Mikita und seine Freunde schnell zum Wohnzimmer. Hier, ein paar Schritte von den in Öl gemalten Birkenidyllen und den Strickhandschuhen an den Souvenirbuden der Altstadt von Vilnius entfernt, vorbei an Graffitiwänden im Hinterhof, konnten sie nach ihrer Flucht vorläufig unterkommen. In der Kaffeeküche des Seminarraums drängeln sich Emigranten um die einzige Mikrowelle im Haus und vertrinken die Vorräte an Kaffee und Zucker.

Draußen weht die weiß-rot-weiße Flagge des unabhängigen Weißrusslands, die Lukaschenko 1995 wieder abschaffte. Drinnen sieht es aus wie in einer DGB-Begegnungsstätte mit starkem Jugendherbergseinschlag. Das Haus soll Menschenrechtlern und Journalisten aus Weißrussland die Freiheit bieten, die ihnen zu Hause verwehrt wird: sich zu versammeln und auszusprechen, ohne überwacht zu werden. Weißrussische Menschenrechtsgruppen planen im Seminarraum ihre Zusammenarbeit. Journalisten berichten einander von Redaktionsdurchsuchungen und Polizeischikanen . Auf dem Seminarprogramm steht praktische Lebenshilfe: Wie verhalte ich mich bei einer Verhaftung? Wie sichere ich meinen Computer, damit niemand seine Daten lesen kann? Wie trete ich vor dem Richter auf?

Solche Ratschläge für Regimegegner sind derzeit besonders wertvoll. Mehr als 700 Menschen, darunter sieben oppositionelle Kandidaten, sind nach der Präsidentschaftswahl am 19. Dezember und dem Knüppeleinsatz gegen friedliche Demonstranten auf dem Minsker Unabhängigkeitsplatz festgenommen worden. Wer damals in der Nähe sein Mobiltelefon benutzte, muss sich vor der Polizei rechtfertigen. Die Telefongesellschaften haben ihre Daten zur Verfügung gestellt. Festgenommene wurden geschlagen, bekamen zehn Stunden lang kein Essen, durften nicht ihre Verwandten anrufen. Rechtsanwälte konnten wochenlang ihre Mandanten nicht besuchen, da es im überbelegten Gefängnis an Besuchszimmern mangelt. In den Verhören drohen die KGB-Beamten nach Berichten der Opposition renitenten Häftlingen schon mal damit, ihren Müttern auf der Straße die Beine zu brechen – so, dass es wie ein Unfall aussehe.

Früher gab es nach Demonstrationen ein erwartbares Ritual: Die Teilnehmer bekamen 10 bis 15 Tage Strafhaft, manche Studenten flogen aus der Universität. Dann setzte Ruhe ein. Auch Mikita hatte in der Wahlnacht geglaubt, er und einige andere Aktivisten müssten nur bis zum nächsten Morgen im Büro ausharren. "Wir verstecken uns ein paar Stunden", dachten sie, "dann sind die Festnahmen vorüber." Sie schalteten Lampen und Computer aus, damit der Stromzähler im Hausflur ihre Anwesenheit nicht verriet, und nahmen die SIM-Karten aus den Mobiltelefonen. Die Polizei sollte sie nicht orten können.