Man muss die Toten befragen, bis sie hergeben, was an Erfahrung in ihnen gespeichert ist, lautet ein Satz von Heiner Müller. Toni Morrison, die Literaturnobelpreisträgerin, hat den Rat des toten Müller befolgt. Sie holt Desdemona, Frau und Opfer des Shakespeareschen Othello, aus ihrem Grab und befragt sie. Aber das genügt ihr nicht. Sie will Desdemona auch heilen.

Morrison veranstaltet bei den Wiener Festwochen die Gesprächstherapie mit einer großen Toten. Desdemona, die Titelfigur, welche von der Broadway-Schauspielerin Elizabeth Marvel mit New Yorker Neurotikerinnen-Eleganz gespielt wird, aalt sich in jeder erinnerten Sekunde, voller Schmerz und Lust, am Ende aber versöhnt mit ihrem Leben, das blutig endete. Auflehnung war ihr Prinzip, Mord war ihre Strafe, Liebe bleibt ihr Triumph: Othello hat Desdemonas Liebe nicht zerstören können, als er sie ermordete. Das ist die Essenz von Desdemonas Leben und die entscheidende Zeile von Morrisons Stück: "We will be judged by how well we love."

Morrison erzählt eine Geschichte der Frauen, die bestimmt ist vom Zorn der Männer. Sie stellt der toten Desdemona die afrikanische Amme Barbary zur Seite, in deren liebender Obhut, so behauptet Morrison, auf Shakespeare sich berufend, Desdemona aufgewachsen sei. Gemeinsam erinnern sie sich.

Peter Sellars, der amerikanische Theaternomade mit dem elektrisch aufgeladenen Haarschopf, ein hellkindlicher Überwinder aller Gattungsgrenzen, inszeniert Desdemona als eine Séance, in welcher die Schauspielerin Elizabeth Marvel und die wunderbare malische Sängerin Rokia Traoré mit ihren drei Begleiterinnen und zwei Instrumentalmusikern die Geschichte Desdemonas vom Ende her erzählen, allerdings auch übers Ende hinaus: "Welche Glückseligkeit empfinde ich", sagt Desdemona, "denn ich kann nicht mehr sterben." Der Tod hat ihr Leben völlig verändert; durch Ermordung ist sie klug geworden.

Das Schönste an Desdemona ist der Gesang. Die Musik kommt aus einer besseren Welt, und wenn wir nur immer sängen, wären wir geheilt. Ein Lied hat den Refrain "Othello, oh Othello, halte deine Wut zurück. Othello, man zerstört nicht, was man liebt", und so einfach hat uns noch niemand Shakespeare erklärt. Es kommt, mit Desdemonas Stimme, auch Othello selbst zu Wort: Er, ein elternloser Kindersoldat, habe das Morden gebraucht, um die innere Leere zu füllen, ach, und rauschgiftsüchtig sei er auch gewesen.

Alles verstehen heißt alles verzeihen: Desdemona ist ein Antidrama, denn es fordert die Einstellung aller dramatischen Handlungen, weltweit. "Erzählen selbst ist Mut", heißt es bei Morrison, und so rücken uns Desdemona und Othello ein wenig zu nahe, therapiert durch Musik, gute Gespräche, willige Zuhörer. Dies ist eine Totenbeschwörung zum besseren Leben, die optimistische Rekonstruktion eines Gemetzels. Eine Welt ist untergegangen, nun lasst uns neu anfangen! Alles ist bestens gemeint an diesem Abend, und wir sind bei den Guten. Dieses Hochgefühl kann man nur auskosten, wenn es auch einen Bösen gibt.

Die bittere Pointe des Stücks ist, dass Cassio als der eigentliche Finstermann vom Tod des brillanten Othello profitiert. Er bleibt, er führt die Geschäfte. Cassio lässt seine blecherne Yankee-Stimme durch die Lautsprecher tönen, ein Mann ohne Vision, aber getrieben von einem dummen Hunger, den er mit Geländegewinnen stillt. Die Cassios, sagt Peter Sellars am Rande des Wiener Festivals, sind die wahren Bestimmer der aktuellen westlichen Politik.