Eine Woche alt ist sie schon, Obamas große Rede zum Arabischen Frühling. Dennoch lohnt das genaue Studium. Einmal, weil die Schnellschüsse der Deuter – hier wie in Nahost und Amerika – danebentrafen. Zum Zweiten, weil die Rede gerade wegen ihrer Widersprüchlichkeit – freundlicher: Ausgewogenheit – ein weisheitsförderndes Licht auf den Balkan des 21. Jahrhunderts wirft. Dort greifen schlichte, eindeutige Antworten nicht.

Das Kommentariat hat sich vorweg auf den Halbsatz gestürzt, wonach die Grenze zwischen Israel und Palästina auf den "Linien von 1967" basieren solle. Das war in der Tat ein Bruch; selbst das Urdokument von 1967, die UN-Resolution 242, hatte den Rückzug, aber nicht unbedingt aus allen Gebieten gefordert. "Verrat!", schallte es zurück, Israels Premier Netanjahu hat es am Dienstag in Washington bloß höflicher formuliert. Warum dann die arabische Kritik? "Er würde einen guten Hollywood-Schauspieler abgeben", höhnte ein saudischer Interpret; "er hat nichts gesagt, was Gewicht hätte", erboste sich der Historiker al-Fassi. Hat er doch.

Denn auf den Halbsatz folgte der "einvernehmliche Gebietstausch", damit beide Staaten in "sicheren Grenzen" leben können. Das Prinzip gilt seit 2000 – im Osten nichts Neues. Weiter: Amerika könne "Frieden nicht aufzwingen". Kaltes Wasser auch auf die Versöhnung von Fatah und Hamas: Wie könne Israel mit jemandem verhandeln, "der dessen Existenzrecht nicht anerkennt"? Schließlich der unbeachtete Fingerzeig nach vorn: "Der Versuch der Palästinenser, Israel zu entrechten, wird scheitern", Isolierung in den UN "keinen unabhängigen Staat erwirken".

Die Palästinenser mögen sich also von dem Traum verabschieden, im September in der UN-Generalversammlung den Staat geschenkt zu kriegen – an Jerusalem und Washington vorbei. Und von einem zweiten Traum: Palästina werde zwar "souverän", aber "entmilitarisiert" sein. Und von einem dritten, dem Rückkehrrecht: Israel sei ein "jüdischer Staat und die Heimat des jüdischen Volkes". Fazit: Obama und Netanjahu sind sich spinnefeind, aber der friedensbewegte Kolumnist Gideon Levy hat recht: Amerika stehe "fest an der Seite Israels".

So viel zu einer Ecke jener Bühne, die von Rabat bis Riad reicht. Jeder weiß, wie der letzte Akt enden müsste: zwei Staaten, Gebietstausch, Aufgabe der Siedlungen im Inneren des Westjordanlandes, Doppel-Hauptstadt Jerusalem, kein Rückkehrrecht, kurzum: weder Groß-Israel noch Groß-Palästina. Aber ein Schwärmer, wer wähnt, dass beide Seiten sich ihrer Träume und Albträume so bald entledigen könnten.

Auf dem weitaus breiteren Teil der Bühne läuft längst ein anderes Drama namens Arabischer Frühling ab. Das ist die größte welthistorische Überraschung seit dem Mauerfall. War nicht Despotismus das ewige Schicksal Arabiens? Die Nato bombardiert Libyen, aber nicht Syrien; Obama ermahnt das kleine Bahrain, aber erwähnt die Klerikal-Monarchie Saudi-Arabien mit keinem Wort – kein Wunder. Denn die Saudis sind das Bollwerk gegen Iran und sitzen obendrein auf dem größten Ölfass der Welt.

Der wohlmeinende Mensch glaubt, genau zu wissen, wie das Dilemma zu knacken sei: volle Kraft voraus für die Demokratie – auch unter Beimischung von Blei, selbst wenn er dabei in die peinliche Nähe von Bush gerät. Und wo will Amerika hin? Obama legt ein Zickzackprogramm vor, das – gewiss doch – rasch in all seine Widersprüche zerlegt werden kann.