Tief im Inneren der Kärntner Bergwelt schlummert ein ungehobener Schatz. Einst versprach er sagenhaften Reichtum. Dann war er den Verantwortlichen plötzlich nur mehr einen symbolischen Schilling wert. "Einen Schilling?", fragt Joachim Fleing verwundert. Er ist Sprecher des australischen Bergbau-Unternehmens East Coast Minerals (ECM). Auch der Konzern aus Sidney vermutet, in dem abgelegenen Waldgebiet sei ein Vermögen zu holen.

Diese Hoffnung hatte die staatliche Industrieholding ÖIAG bereits vor zwanzig Jahren aufgegeben, nachdem die Republik über hundert Millionen Schilling in die Erschließung eines der größten Lithiumvorkommen in Europa investiert hatte. Im August 1991 übertrugen die Staatsmanager für eine einzelne Münze das Leichtmetallvorkommen an die private Kärntner Montanindustrie (KMI).

Lithium ist das Element, das dafür sorgen soll, dass der mobilen Gesellschaft von morgen nicht die Energie ausgeht, das Material, ohne das die Utopie von einer sauberen Zukunft nicht zu machen ist. Nun soll die Lithium-Mine in Unterkärnten neuerlich ihren Besitzer wechseln – allerdings zu einem deutlich höheren Preis. Die australische Aktiengesellschaft ECM hat angekündigt, für zehn Millionen Euro achtzig Prozent der Schürfrechte erwerben zu wollen. Schon Anfang nächster Woche soll der Verkauf unter Dach und Fach sein.

Die Antworten auf das Rätsel dieser sagenhaften Wertsteigerung von zehn Milliarden Prozent finden sich in einer Geschichte, die von einem Goldrausch in Kärnten erzählt, von einem verbitterten Geologen, vom Niedergang der regionalen Bergbautradition und der Hybris der Verstaatlichten Industrie in Österreich.

Alles begann 1981, als die Firma Minerex, eine ÖIAG-Tochter, auf 1.500 Metern Seehöhe auf der Koralpe in Kärnten ein Lithium-Vorkommen entdeckte, das schnell als das "zweifellos größte" in Europa galt. Im südlichsten Bundesland brach Goldgräberstimmung aus. "Kärnten wird reich", jubelte damals schon ein Landeshauptmann. Er hieß Leopold Wagner.

Die Kärntner hofften, ihr Land werde zu einem Saudi-Arabien der Alpen

Zahlreiche Ehrengäste und Spitzenpolitiker feierten im September 1985 den Stollenanschlag. Um das silberweiße Leichtmetall aus der Koralpe zu holen, wurde der Berg in den folgenden Jahren mit 64 Kernbohrungen auf einer Gesamtlänge von 16 Kilometern durchlöchert. Es wurden 35 Schürfgräben errichtet und sogenannte Streckenauffahrungen mit einer Länge von 1.389 Metern in den Fels getrieben, über die das kostbare Gestein ans Tageslicht transportiert werden sollte.

Kritiker des Projekts speiste man damit ab, dass die hohen Kosten des Stollenbaus im Vergleich mit den zu erwartenden Gewinnen lächerlich gering seien. Kärnten, prophezeiten die Landespolitiker, werde zum "Saudi-Arabien der Alpen" aufblühen. Voll von carinthischem Überschwang, malte man sich aus, wie das Lithium aus dem Traudi-Stollen, benannt nach der Gattin des Landeshauptmanns, als Ausgangsmaterial des Isotops Tritium bald Kernfusionskraftwerke in ganz Europa versorgen werde. Doch ebenso wie sich bislang die einst so kühnen Träume von den Sonnenreaktoren nirgendwo erfüllt haben, so platzte auch der Kärntner Traum vom Rohstoffreichtum.

Noch ehe man mit dem Abbau begonnen hatte, wurde der Stollen 1988 stillgelegt und für unwirtschaftlich erklärt. Die Manager der Verstaatlichten Industrie mussten feststellen, dass das lithiumhaltige Gestein nicht der erhofften Qualität entsprach. Obendrein war der Weltmarktpreis viel zu niedrig, um es gewinnbringend aus dem Kärntner Stein zu lösen. Die Schuld an dem Millionenflop wurde dem niedrigen Dollarkurs und den hohen Lohnkosten in Österreich gegeben.

In Wirklichkeit, das zeigen Berichte aller Art, hätten die Staatsmanager seit den frühen achtziger Jahren wissen können, dass die Lithium-Gewinnung in Südamerika im Vergleich zu Kärnten viel billiger funktioniert. Millionen Tonnen des Leichtmetalls liegen dort in Form von Salzverbindungen in Wüsten und am Grund von Seen – und lagern nicht wie in Europa in massiven Gebirgsstöcken.