Manager trifft Obdachlose

Montag:

Ich weiß, dass mein Vorhaben polarisiert. Ein Manager, der seinen Schreibtisch verlässt, um eine Woche lang in einer Einrichtung für Obdachlose zu hospitieren – das ruft Vorurteile wach. Von einem Kollegen hieß es, ich solle aufpassen, dass ich nicht in eine Schublade gesteckt würde, von wegen "der will jetzt mal schnell was für sein Gewissen tun". Und als ich mir meinen Praktikumsplatz, die Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose (TAS) in Hamburg, angesehen habe, meinte ein Mitarbeiter dort: "Ja, schön, du machst also einen Seitenwechsel – und wann ziehen wir Schlips und Anzug an und kommen zu euch?"

Oliver Rosenthal, 42, ist Geschäftsführer für den Bereich Anästhesie bei Dräger, einem Lübecker Medizintechnik-Unternehmen. In dieser Woche hat er das BlackBerry jedoch ausgeschaltet: Rosenthal nimmt am Programm "Seitenwechsel" teil. Fünf Tage lang können Führungskräfte in die Welt der Sozialarbeit hineinschnuppern, mit der sie sonst wenige Berührungspunkte haben. Zur Auswahl stehen unter anderem auch ein Hospiz oder ein Frauenhaus. Ihre Firma bezahlt dafür 2100 Euro an den Hamburger Verein "Patriotische Gesellschaft von 1765", der das Programm organisiert. Wir wollten wissen, was das bringt.

Nach seinem ersten Praktikumstag sitzt Oliver Rosenthal in einem Café. Offenes Gesicht, dunkler Sweater und Jeans. Er hat zunächst gezögert, seine Erfahrungen in der ZEIT öffentlich zu machen. Nun aber scheint er Gefallen an der Idee gefunden zu haben, das Erlebte auf diese Weise zu reflektieren. Während er gewartet hat, hat er seine Gedanken bereits in ein kleines Heft notiert.

Ich bin heute extra nicht mit dem Auto gefahren, sondern mit der S-Bahn. Das Verkehrsnetz von Tokyo, wo ich drei Jahre lang gearbeitet habe, kenne ich wohl besser als das von Hamburg. Aber ich wollte so an der TAS ankommen wie alle anderen auch.

Mein erster Eindruck? Die sehen ganz normal aus. Die Besucher – so werden die Leute genannt, die zur TAS kommen – sahen überhaupt nicht aus, wie man sich Wohnungslose vorstellt, dreckig, wirr oder zerlumpt. Eher wie das Publikum an einer Autobahnraststätte. Viele waren sogar penibel zurechtgemacht für die Stunden, die sie hier verbringen wollten, um zu essen, sich beraten zu lassen oder auch nur ein bisschen im Internet zu surfen.

Ich wurde dem Team vorgestellt. Ein junger Arzt traf gleich einen Nerv bei mir: Er war gerade dabei, ein stiftungsgesponsertes Projekt aufzubauen – Start-up-Phase pur. Sofort ratterte es in meinem Kopf – Projekte voranzubringen gehört ja zu meinem Alltag. Ich musste mich erst wieder daran erinnern, dass ich nicht hier bin, um meinen neuen Kollegen etwas beizubringen.

Stattdessen hat Rosenthal den TAS-Mitarbeitern zugehört und den Besuchern, die in die ärztliche Sprechstunde kamen. Was erhofft er sich davon?

Ich will vor allem herauskriegen: Wie sind diese Menschen in diese Situation geraten? Vor zwei Wochen habe ich einen Vortrag über Alkoholismus gehört, ein Fachhochschuldozent und eine Arzthelferin haben über ihre Sucht gesprochen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich komme aus einem leistungsorientierten Arbeitsumfeld, das leider auch Burn-out und Suchtkrankheiten hervorbringt. Der Schritt von der Abhängigkeit zu Jobverlust und Wohnungslosigkeit scheint näher zu liegen, als man gemeinhin denkt. Ich will wissen, wie so etwas passiert – um es als Chef erkennen und ansprechen zu können. Vielleicht suche ich auch eine Art von Tiefe. Sozial engagiert habe ich mich nie, ich glaube, ich eigne mich auch nicht zum Sozialarbeiter. Ich habe sofort nach dem Abitur begonnen, Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren; in den Semesterferien habe ich Praktika gemacht. Ich habe in Australien und Japan gearbeitet. Jetzt bin ich seit zwei Jahren wieder hier und frage mich: Geht das immer so weiter? Da ist eine Unruhe in mir. Ich habe das Gefühl, etwas zu verpassen , ohne dass ich genau sagen könnte, was das sein soll.

Dienstag und Mittwoch

"Das totale Kontrastprogramm zu gestern!", sagt Rosenthal. Er ruft aus seiner Mittagspause an, nachdem er die Ärztin Frauke ins Pik As begleitet hat, eine Übernachtungsstätte für obdachlose Männer.

Im Pik As sah es so aus, wie ich es vor meinem Praktikum erwartet hatte. Während die Besucher der TAS vor allem Sozialfälle sind, kamen in die Sprechstunde hier ausnahmslos Obdachlose. Sie hatten das, was man sich unter Obdachlosenproblemen vorstellt: beide Hände bei einer Schlägerei gebrochen, Blutvergiftung bis zur Achselhöhle. Aber selbst der, der auf Crack war, war so freundlich und dankbar, das hat mich umgehauen. Einer hatte Filzläuse; natürlich roch das nicht gut, als er sich auszog. Wir haben seine Kleider nach den Filzläusen durchsucht. Die sitzen in den Nähten, habe ich gelernt, und ihre Stiche jucken stark.

Rosenthal hat gerade eine Currywurst gegessen. Den Appetit haben ihm die Läuse und offenen Wunden nicht verdorben.

Die Medizintechnik bringt mich oft in den OP, dadurch bin ich einiges gewohnt. Was mich mehr berührt hat, ist, dass einige Krankenhäuser – die ja auch zu meinen Kunden gehören – offensichtlich einen schlechten Ruf bei Obdachlosen haben, weil sie diese ungern behandeln. Ihre Aversion gegen manche Kliniken schien mir so stark – die hätten lieber mit Blutvergiftung eine Woche unter der Brücke geschlafen, als dort anzuklopfen. Das ist mir nahegegangen. Ich frage mich, was Krankenhäuser dazu veranlasst, Obdachlose abzuweisen. Es hatten doch alle einen Kassenausweis.

Mittwoch

Heute Morgen habe ich als Erstes nach Andreas gesehen. Ich bin am Jungfernstieg ausgestiegen und die Mönckebergstraße hinaufgelaufen, und da war er noch, gerade dabei, seine Sachen in seinen Doppelkinderwagen zu packen. Andreas habe ich auf der Fahrt mit dem Mitternachtsbus kennengelernt. Er ist einer der Obdachlosen, die vor C&A campieren, und mir war erzählt worden, dass er und seine Kumpane besonders darauf achten würden, ihre Platte, also ihren Schlafplatz, sauber zu halten, damit sie dort nicht vertrieben werden. Tatsächlich konnte ich nun beobachten, wie er dreimal über die Straße zum Papierkorb ging und Kippe für Kippe wegbrachte. Angesprochen habe ich ihn aber nicht, ich wusste nicht, ob ich ihn stören würde.

Ich habe ihn wiedergetroffen, als mir die Sozialarbeiter den Raum der Caritas zeigten, in dem die Obdachlosen ihre Sachen einschließen können. Diesmal haben wir länger geredet. Er war früher Tierpfleger beim Circus Krone, erzählte er. In diesem Gespräch habe ich zum ersten Mal etwas Zwischenmenschliches gespürt. Vielleicht weil es Anknüpfungspunkte wie den Zirkus gab. Ich kann mir jetzt ein bisschen vorstellen, wie die Sozialarbeiter den Kontakt zu Obdachlosen aufbauen und halten.

Ist das schon die "Tiefe", die Rosenthal sucht? Er klingt nachdenklicher heute; die Bedürfnisse der Obdachlosen und die Frage, wie sie gestillt werden, beschäftigen ihn.

Mit dem Mitternachtsbus hielten wir gestern zunächst vor einer Bäckereifiliale – unglaublich, was dort übrig bleibt! Brot und Brötchen, kistenweise, das hat mich richtig erschreckt. Wir konnten höchstens ein Drittel mitnehmen. Wirklich hungrig wirkte allerdings keiner, den wir auf unserer Fahrt trafen. Manche waren sogar sehr wählerisch, "ach nee, das hatte ich gestern", hieß es, oder: "Ich hab den ganzen Tag schon dies und das gegessen." Da habe ich angefangen, mich zu fragen, welcher Bedarf eigentlich gedeckt werden muss.

Satt werden die Obdachlosen. Dafür höre ich immer wieder, dass es Probleme mit den Behörden gibt, wenn es darum geht, Hilfeleistungen zu beantragen. Es scheint für die Obdachlosen und auch für die Sozialarbeiter furchtbar schwierig zu sein, herauszufinden, welches Amt in welcher Situation für welchen Obdachlosen zuständig ist. Da wird der Ratsuchende zum Spielball zwischen den Institutionen, wird von A nach B und wieder zurück geschickt. Irgendwann ist er nur noch frustriert, und viele Sozialarbeiter stoßen auch an ihre Grenzen beim Versuch, die Probleme zu klären. Mich macht das richtig ärgerlich. Wenn solche Schwierigkeiten in einem Unternehmen auftauchten, würde man schleunigst etwas dagegen tun.

Donnerstag und Freitag

Oliver Rosenthal hustet. Der heutige Tag hat ihm die hoffnungslosen Seiten des Helfertums vor Augen geführt. Rosenthal betont zwar, er habe mit ihnen gerechnet, trotzdem klingt er desillusioniert.

Ein Brief, der in der TAS für einen Wohnungslosen angekommen war, sollte seinem Empfänger gebracht werden. Ich bin mit einem Sozialarbeiter losgezogen, um den zu suchen. Wir fragten die anderen Obdachlosen – und die wurden plötzlich aggressiv. Da war einer, der noch vor zwei Tagen am Mitternachtsbus ganz dankbar seinen Kaffee von mir angenommen hatte; heute schrie er auf einmal, wir sollten ihn gefälligst in Ruhe lassen. Wir haben uns unverrichteter Dinge getrollt.

Ich habe meine Kollegen gefragt, wie sie es schaffen, am nächsten Tag wieder auf diesen Obdachlosen zuzugehen. Eine richtige Antwort habe ich nicht bekommen. Aber ich habe von Tag zu Tag mehr Respekt vor ihrer Arbeit.

Einen Obdachlosen habe ich heute noch näher kennengelernt. Manfred. Ein Alkoholiker, 20 Entgiftungen hat er hinter sich, immer wieder ist er rückfällig geworden. Er hatte große Angst, dass er in die geschlossene Anstalt käme, wenn er eine weitere Entgiftung machen würde. "Die gucken dann in den Computer und sehen, dass ich das schon so oft hatte", sagte er. "Und dann werd ich weggeschlossen!" Er fing an zu weinen. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen. "Die schließen dich nicht weg", habe ich ihm gesagt. Am Ende hat er mir seine Telefonnummer gegeben, und wir haben uns für morgen an der TAS verabredet. Meine Kollegen warnten allerdings, ich solle mir keine großen Hoffnungen machen.

Freitag

Und dann stand Manfred heute da. Er kam in die TAS, war noch betrunkener als gestern; ich weiß gar nicht, wie er es geschafft hat, sich aus dem Schlafsack zu schälen, aber da war er. Ich war baff. Die Kollegen von der TAS übrigens auch. Sie kannten ihn, bisher hatte er sich aber noch nie ernsthaft um Hilfe bemüht. Jetzt soll er am Montag wiederkommen, damit eine Einweisung zum Entzug für ihn ausgestellt werden kann. Das Highlight meines letzten Tages.

Im Auswertungsgespräch hat der Leiter der TAS Oliver Rosenthal attestiert, er habe selten einen Seitenwechsler erlebt, der so offen auf die Obdachlosen zugegangen sei. Zeit, nachzufragen, was aus den "Zielvorgaben" geworden ist: Hat er erfahren, warum Menschen abrutschen?

Ich glaube, die Frage habe ich eher als Vehikel benutzt, um ins Gespräch zu kommen. Ich wollte erfahren, wie es ist, sich auf Menschen einzulassen, sie in ihrer persönlichen Not zu verstehen und ihnen zu helfen. Letztlich ging es mir um Begegnungen wie die mit Manfred oder Andreas, wie ich sie in meinem Beruf sonst nicht habe. Das ist es vielleicht, was ich Anfang der Woche mit "Tiefe" meinte.

Ich bin noch lange nicht fertig mit Nachdenken, aber ich könnte mir vorstellen, einmal im Monat beim Mitternachtsbus mitzufahren. Nicht so sehr um Brötchen auszuteilen, sondern um zuzuhören. Am Montag werde ich in der TAS nachfragen, ob Manfred wiedergekommen ist. Wenn das passiert, verstehe ich, was in der Sozialarbeit Erfolg bedeutet.

Nachtrag, zwei Wochen später

Manfred ist tatsächlich zur Sprechstunde erschienen. Die Ärztin plant jetzt mit ihm seinen Entzug.

Oliver Rosenthal steckt schon wieder tief in seinem Arbeitsalltag. Aber die Idee, beim Mitternachtsbus mitzufahren, hat er noch nicht aufgegeben.