"Das totale Kontrastprogramm zu gestern!", sagt Rosenthal. Er ruft aus seiner Mittagspause an, nachdem er die Ärztin Frauke ins Pik As begleitet hat, eine Übernachtungsstätte für obdachlose Männer.

Im Pik As sah es so aus, wie ich es vor meinem Praktikum erwartet hatte. Während die Besucher der TAS vor allem Sozialfälle sind, kamen in die Sprechstunde hier ausnahmslos Obdachlose. Sie hatten das, was man sich unter Obdachlosenproblemen vorstellt: beide Hände bei einer Schlägerei gebrochen, Blutvergiftung bis zur Achselhöhle. Aber selbst der, der auf Crack war, war so freundlich und dankbar, das hat mich umgehauen. Einer hatte Filzläuse; natürlich roch das nicht gut, als er sich auszog. Wir haben seine Kleider nach den Filzläusen durchsucht. Die sitzen in den Nähten, habe ich gelernt, und ihre Stiche jucken stark.

Rosenthal hat gerade eine Currywurst gegessen. Den Appetit haben ihm die Läuse und offenen Wunden nicht verdorben.

Die Medizintechnik bringt mich oft in den OP, dadurch bin ich einiges gewohnt. Was mich mehr berührt hat, ist, dass einige Krankenhäuser – die ja auch zu meinen Kunden gehören – offensichtlich einen schlechten Ruf bei Obdachlosen haben, weil sie diese ungern behandeln. Ihre Aversion gegen manche Kliniken schien mir so stark – die hätten lieber mit Blutvergiftung eine Woche unter der Brücke geschlafen, als dort anzuklopfen. Das ist mir nahegegangen. Ich frage mich, was Krankenhäuser dazu veranlasst, Obdachlose abzuweisen. Es hatten doch alle einen Kassenausweis.

Mittwoch

Heute Morgen habe ich als Erstes nach Andreas gesehen. Ich bin am Jungfernstieg ausgestiegen und die Mönckebergstraße hinaufgelaufen, und da war er noch, gerade dabei, seine Sachen in seinen Doppelkinderwagen zu packen. Andreas habe ich auf der Fahrt mit dem Mitternachtsbus kennengelernt. Er ist einer der Obdachlosen, die vor C&A campieren, und mir war erzählt worden, dass er und seine Kumpane besonders darauf achten würden, ihre Platte, also ihren Schlafplatz, sauber zu halten, damit sie dort nicht vertrieben werden. Tatsächlich konnte ich nun beobachten, wie er dreimal über die Straße zum Papierkorb ging und Kippe für Kippe wegbrachte. Angesprochen habe ich ihn aber nicht, ich wusste nicht, ob ich ihn stören würde.

Ich habe ihn wiedergetroffen, als mir die Sozialarbeiter den Raum der Caritas zeigten, in dem die Obdachlosen ihre Sachen einschließen können. Diesmal haben wir länger geredet. Er war früher Tierpfleger beim Circus Krone, erzählte er. In diesem Gespräch habe ich zum ersten Mal etwas Zwischenmenschliches gespürt. Vielleicht weil es Anknüpfungspunkte wie den Zirkus gab. Ich kann mir jetzt ein bisschen vorstellen, wie die Sozialarbeiter den Kontakt zu Obdachlosen aufbauen und halten.

Ist das schon die "Tiefe", die Rosenthal sucht? Er klingt nachdenklicher heute; die Bedürfnisse der Obdachlosen und die Frage, wie sie gestillt werden, beschäftigen ihn.

Mit dem Mitternachtsbus hielten wir gestern zunächst vor einer Bäckereifiliale – unglaublich, was dort übrig bleibt! Brot und Brötchen, kistenweise, das hat mich richtig erschreckt. Wir konnten höchstens ein Drittel mitnehmen. Wirklich hungrig wirkte allerdings keiner, den wir auf unserer Fahrt trafen. Manche waren sogar sehr wählerisch, "ach nee, das hatte ich gestern", hieß es, oder: "Ich hab den ganzen Tag schon dies und das gegessen." Da habe ich angefangen, mich zu fragen, welcher Bedarf eigentlich gedeckt werden muss.

Satt werden die Obdachlosen. Dafür höre ich immer wieder, dass es Probleme mit den Behörden gibt, wenn es darum geht, Hilfeleistungen zu beantragen. Es scheint für die Obdachlosen und auch für die Sozialarbeiter furchtbar schwierig zu sein, herauszufinden, welches Amt in welcher Situation für welchen Obdachlosen zuständig ist. Da wird der Ratsuchende zum Spielball zwischen den Institutionen, wird von A nach B und wieder zurück geschickt. Irgendwann ist er nur noch frustriert, und viele Sozialarbeiter stoßen auch an ihre Grenzen beim Versuch, die Probleme zu klären. Mich macht das richtig ärgerlich. Wenn solche Schwierigkeiten in einem Unternehmen auftauchten, würde man schleunigst etwas dagegen tun.