Über Festivalkultur sollte mehr nachgedacht werden. Braucht Musik immer noch eins obendrauf? Ist es nicht besser, an einem Abend eine Band zu erleben und das Gehörte tagelang nachwirken zu lassen, statt tagelang eine Band nach der anderen zu sehen, bis einem die Töne zu den Ohren rauskommen? Und nach welchen Kriterien wird so ein Event zusammengestellt? Folgt das Programm einer Idee, oder geht es nur um große Namen, großes Publikum, großen Umsatz?

Wer ein Musikwochenende konzipiert oder wer aufgrund schlechter Erfahrungen beschlossen hat, nie wieder eines aufzusuchen, sollte einmal zum Schaffhauser Jazzfestival fahren. In Schaffhausen wird man kaum je einen Reinfall erleben.

In den Morgenstunden des vergangenen Sonntags klang die diesjährige Veranstaltung in einer froh bewegten Party aus; eine Sessionband spielte Soul und Funk, Festivalmusiker gesellten sich hinzu und trieben mit ihrer Klarinette oder Trompete die Tanzenden an.

Manch einer in der Taptab-Bar wollte den Abschied hinauszögern, obwohl man an vier Abenden mehr als ein Dutzend Bands gehört hatte. Es war das 22. Festival in Folge, und nach Meinung etlicher Besucher war es noch lässiger und schöner als in den Vorjahren. Es gibt Leute, die das sagen können, denn sie sind jedes Mal da.

Schaffhausen im Mai, das ist für viele wie Ostern oder Weihnachten, ein jährliches Fest. Dabei weiß man musikalisch nie genau, was einen erwartet. Eingeladen werden nicht Weltstars mit bewährter Ästhetik, sondern für interessant befundene Bands, in denen Schweizer Musiker mitspielen. Damit ist ein klares Feld umrissen. Die Schweiz ist ein Land des Jazz; es gibt mehr Musiker als Auftrittsmöglichkeiten. Mal um Mal staunt man, wo sie alle herkommen. Ist dieses Land denn so groß?

Jemand hat vor Jahren geschrieben, Schaffhausen sei "eine Leistungsschau des Schweizer Jazz". Das stimmt und stimmt nicht, denn dies ist alles andere als ein anstrengender Wettbewerb. Es ist eine Spielwiese und ein Tummelplatz, dessen Ambiente zum Gelingen wesentlich beiträgt.

Kommt man von weiter her, landet man in Zürich und fährt den Rest mit dem Zug. Gegenüber vom Bahnhof liegt schon ein Hotel, in dem viele Gäste Quartier beziehen. Von hier aus und von nun an geht alles zu Fuß durch die Gassen der kleinen Stadt. Die Konzerte am Abend, meist drei Bands nacheinander, finden am Rheinufer im Kulturzentrum "Kammgarn" statt, einer ehemaligen Textilfabrik, die über eine exquisite Akustik verfügt und ein paar Hundert Zuschauern Platz bietet. In den Umbaupausen sitzt man draußen auf der Terrasse vor der Beiz und findet sich im Gespräch mit alten Bekannten und neuen Freunden. Die Musiker setzen sich dazu.

Ergriffen lauscht man den mitteilsamen Kritikern, die das, was da eben lief, ja schon vor zwanzig Jahren gehört haben, aber da sei es eben neu gewesen und nun leider nicht mehr! Ausgerechnet der Nachwuchs stoppt das eloquente Genörgel mit der Frage, warum denn im Jazz alles immer neu sein müsse – und schon entspinnt sich ein generationsübergreifender Diskurs, quöllfrisch geführt.

Das Haberhaus ist die zweite Spielstätte, ein Haferspeicher aus dem Jahre 1593. Hier spürt man das Verfließen der Zeit. Gute Atmosphäre, schlechte Akustik; das Mittelalter kannte den Blues, aber spielte ihn nicht. Tief unten im Gewölbe gibt es seit einigen Jahren nachmittags Jazzgespräche, auch bei strahlendem Sonnenschein: Musiker, Radioleute, CD-Verleger und Kulturförderer diskutieren über Aspekte der Musik. Wo sonst bietet sich solche Gelegenheit?