Wenn Josef Schlarmann an die Zukunft der CDU denkt, dann sieht er schwarz. Am vergangenen Montagnachmittag ist der Niedersachse besonders düster gestimmt, gerade hat seine Partei die Wahlen in Bremen grandios verloren, und im Zug nach Berlin redete ein Kollege das auch noch klein. Schlarmann erzählt es grimmig: Seine Partei mache viel zu viel verkehrt, findet er, suche mal links und mal im Grünen nach Themen, statt sich auf den "Markenkern" zu besinnen. Wie der aussieht? Ein "festes Datum für den Atomausstieg ", wie es die Parteiführung verkünden will, passt für ihn jedenfalls nicht dazu.

Josef Schlarmann ist nicht irgendwer. Der Mann gilt in seiner Partei als der letzte Rebell gegen Angela Merkel und damit als einer, der sich immer mal wieder für hoffnungslose Ziele verkämpft. Offiziell vertritt er in der CDU den Mittelstand. Stellvertretend für diesen lud er Anfang der Woche zu Wurstbrötchen und Kaffee ins Hinterzimmer eines Berliner Spesenrestaurants. Der "Angst-Peak" nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima sei vorbei, sagt er: Schon heute würden die Menschen wieder lauter nach den Kosten des Ausstiegs fragen. Denen müsse man sagen, dass der "Ersatzstrom" "teuer" werde, "nicht so sicher" und "weniger umweltfreundlich" sei. Sein Fazit lautet, extra langsam zum Mitschreiben: In der Energiepolitik ist die CDU "ziemlich ratlos". Und viel zu "hektisch".

Deutliche Worte. Dabei läuft der Endspurt zum Ausstieg gerade so richtig heiß. Am 6. Juni soll das Kabinett, so will es Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Ende des deutschen Atomzeitalters verkünden und es anschließend in einem großen, parteiübergreifenden Konsens besiegeln. Zugleich will sie den Einstieg in eine klimaverträgliche Energieversorgung organisieren, die schon bald mit immer weniger Kohle und Öl auskommen soll. Deswegen muss sie die Energiewirtschaft stärker umbauen als je ein Regierungschef vor ihr. Und sie muss die Gesellschaft als Ganzes – "zum ersten Mal", wie sie sagt – aus dem schier endlosen Streit um die Atomkraft herausführen.

Es geht dieser Tage also nicht nur um das größte Vorhaben, das von der schwarz-gelben Regierungskoalition bleiben wird. Es geht um ein Projekt von historischer Dimension. Die neue FDP-Spitze vergleicht das Ganze mit der ersten Mondfahrt, ganz ohne Ironie. Und der Essener Kulturwissenschaftler Claus Leggewie sieht Parallelen zu der Sesshaftwerdung der Menschheit und zu der Industriellen Revolution. Der Mann neigt gewöhnlich nicht zur Euphorie. Doch die "große Transformation", die sich da andeute, lässt ihn schwärmen: Deutschland könnte damit zum Vorreiter werden, für den Rest der Welt.

Aber so groß die Chance für das Land sein mag, so groß ist das Risiko für Angela Merkel persönlich. Sie ist an dieser Stelle eine Reformerin wider Willen. Schließlich hatte sie erst vor einem guten halben Jahr eine Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke beschlossen und das großspurig als "Revolution" bezeichnet. Es ist fast wie bei ihrem Vorgänger im Amt, Gerhard Schröder. Der wagte sich nicht an einschneidende Arbeitsmarktreformen – bis ihn die Ereignisse dazu zwangen. Dann tat er das Richtige, verlor aber darüber endgültig den Rückhalt in seiner Partei – und später viel Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung, weil Regierung und Ministerialapparat viele handwerkliche Fehler unterliefen.

Drei Monate ist es gerade her, dass die Atomreaktoren im japanischen Fukushima explodierten, die Welt einen Schock erlitt und die Kanzlerin die sieben ältesten Meiler vorübergehend stilllegen ließ

Mitte Juni läuft dieses Moratorium nun aus, was in Berlin einen ungeheuren Zeitdruck erzeugt. Spätestens dann müssen Antworten her: Welches Schicksal erwartet die sieben alten und die zehn anderen Meiler? Wann wird Deutschland zur atomenergiefreien Zone, schon 2017 oder erst 2022? Oder bekommt das neue Atomgesetz ein Hintertürchen, damit RWE & Co eventuell weitermachen können, wenn sich das Entsetzen über Fukushima weiter gelegt hat?

Es wird Schlag auf Schlag gehen. In der übernächsten Woche will Merkel das Kabinett beschließen lassen. Dann folgen Fraktionssondersitzungen, Ausschussanhörungen, Konsensrunden mit Parteivorsitzenden, mit Fraktionsvorsitzenden und mit Ministerpräsidenten, Lesungen im Bundestag und im Bundesrat. Am 8. Juli, noch vor der parlamentarischen Sommerpause, wird nach dem ungeschriebenen Drehbuch des Kanzleramtes schließlich ein halbes Dutzend Energiewende-Gesetze verabschiedet: im Politjargon nur noch "das Fukushima-Paket" genannt. Danach soll das Land anders aussehen.