Die vorderen Reihen der Zuschauerstühle im Gerichtssaal 411 sind für die Presse reserviert, die Richter haben Hinweisschilder anbringen lassen. Für den Tross aus Anwälten, Mitarbeitern und Hilfskräften, mit dem die Deutsche Bank zu den Prozesstagen anreist, sind sie aber nicht maßgeblich. Eine Handvoll junger Leute ist sogar eigens dafür im Gerichtssaal, frühzeitig Presseplätze zu besetzen und sie später für wichtige Herren der Bank freizugeben.

Am Donnerstag vergangener Woche war einer der wichtigen Herren der Vorsitzende des Aufsichtsrats und frühere Finanzvorstand, Clemens Börsig. Bevor die Verhandlung begann und er in den Zeugenstand gerufen wurde, nahm Börsig inmitten der Journalisten Platz. Er wusste, wo er da saß, denn er begrüßte eine Journalistin persönlich. Als Erstes mokierte er sich über den einfach ausgestatteten Raum, den er modeste fand. "Mon dieu, da ist ja ein Gerichtssaal eines bayerischen Amtsgerichts angenehmer." Dann ließ er sich von einem Bankmitarbeiter ins Bild setzen, wie die Zeugenbefragung ablaufen würde. Als er erfuhr, dass sie mit einer förmlichen Belehrung des Richters darüber beginnen würde, dass er zur Wahrheit verpflichtet sei, gab er das flachsend wieder: "Es wär ganz gut, wenn Sie die Wahrheit sagen würden."

Da ist Börsig noch gut aufgelegt. Seine Miene verdüstert sich aber schlagartig, als ihm klar wird, dass die Verhandlung mit Verzögerung beginnt. Zu einem Bankmitarbeiter sagt er: "Können Sie mal sagen, ich sei nicht gewohnt zu warten."

Wenn man Börsig so reden hört, bekommt man einen Eindruck davon, wie die Welt aus der Sicht des Aufsichtsratschefs der Deutschen Bank aussieht. Es ist eine Position, in der man sich offenbar einiges herausnehmen kann.

Börsigs Amtsvorgänger als Aufsichtsratschef war Rolf-Ernst Breuer . Er musste den Posten räumen, nachdem der Bundesgerichtshof 2006 entschieden hatte, dass er über den Medienunternehmer Leo Kirch nicht so reden durfte, wie er es im Februar 2002 getan hatte. In einem aufgezeichneten Fernsehinterview hatte der damalige Deutsche-Bank-Chef und Bankenpräsident Kirchs Kreditwürdigkeit in Zweifel gezogen, und das, obwohl Kirch mit einer seiner Firmen ein Großkunde der Deutschen Bank war.

Was Breuer zu seiner Äußerung bewegt hat, darum geht es in der Milliardenklage, die Kirch gegen die Deutsche Bank angestrengt hat. Waren seine Sätze Absicht, wie Kirch meint, oder ein Unfall, wie Breuer heute sagt? Das herauszufinden ist eine der Aufgaben, vor denen der 5. Zivilsenat des Oberlandesgerichts München steht.

Vielleicht war es aber etwas zwischen Absicht und Unfall. Vielleicht hat Breuer in einem Gefühl von Allmacht seine abträgliche Bemerkung gemacht in dem Bewusstsein, dass er sich das herausnehmen kann. 

Kirch und seine Anwälte glauben an eine Verschwörung. Breuer habe der in finanziellen Schwierigkeiten steckenden Unternehmensgruppe einen Stoß versetzen wollen, behaupten sie. Nach Breuers Äußerung hätten sich potenzielle Kreditgeber zurückgezogen, was die Insolvenz der Kirch-Gruppe zur Folge gehabt habe. Die Juristen aus der Kanzlei Bub, Gauweiler & Partner haben dafür eine Reihe von Indizien zusammengetragen.

Einige Tage vor dem Interview hatte Breuer an einem Abendessen mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder teilgenommen, in dem es unter anderem um Kirchs Probleme ging. Mit dabei waren der damalige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff und der WAZ- Verleger Erich Schumann, der Interesse an Kirchs Springer-Aktien hatte. Am Tag nach dem Kanzler-Gespräch hat Breuer darüber seinen Vorstandskollegen berichtet. Kurz darauf gab er dann das Interview mit der Einschätzung, dass Kirch keine Kredite mehr bekommen würde. Ein paar Tage später reiste er zu Kirch, bot ihm die Hilfe der Deutschen Bank an und sagte, das Finanzhaus könne als "Schutzschild" für die Kirch-Gruppe wirken. Kirch lehnte ab – und ging einige Wochen später unter.