in Fukushima die Brennstäbe freilagen, seitdem Konservative und Liberale mit den Linken um den schnellsten Ausstieg aus der Atomenergie wetteifern. Davon weiß dieser Film noch nichts. Er ist aus einer Zeit, in der die Atomkraft zwar umstritten war, aber mächtige Fürsprecher hatte. Er zeigt eine Innenansicht der Kernenergiewelt, die mit ungebrochener Gewissheit davon spricht, etwas Gutes für die Menschheit zu tun.

Dieser Film ist aus der Zeit gefallen. Denn die Welt, aus der er stammt, ist nicht mehr unsere Welt. Es ist etwas geschehen mit diesem Land, seitdem

Es ist ein Film, der sich anschleicht: mit langsamen Schwenks, mit ewig langen Standbildern von Atommeilern und Brennstäben, von Abklingbecken und Lagezentren. Drei Jahre lang hat der Regisseur Volker Sattel an Unter Kontrolle gearbeitet , ist von Atomkraftwerk zu Atomkraftwerk in Deutschland und Österreich gereist, hat die Internationale Atomenergie-Organisation in Wien und das Atomforschungszentrum in Karlsruhe besucht. Permanent begleitet von Sicherheitschefs und Pressesprechern, deren größte Sorge es war, er könne irgendwo ein Leck entdecken und sie als Trophäe der rasch entflammbaren Öffentlichkeit präsentieren. Sattels Film aber ist das Gegenteil von all den lauten und hitzigen Debatten. Er führt die hoch gefährliche Technik in einer geradezu kontemplativen Ruhe vor. Und verstärkt in seiner Ästhetisierung der Gefahr das Gefühl des Unheimlichen.


Kein Sprechertext lenkt die Wirkungsmacht der Bilder, nur die Akteure selbst kommen zu Wort, die Ingenieure, Schichtleiter, Pressesprecher. Nicht ein einziges Mal blendet Sattel deren Namen ein. Der Einblick in ihre Arbeit ist ein Blick in einen Kosmos der zusammengesetzten Hauptwörter, der Hauptfahrpulte und der Überfahrknöpfe, der Reaktordruckgefäße und der Brennelementwechselbecken. Ein Blick in einen Kosmos der Technikgläubigkeit.

Die Stimme des Ingenieurs aus dem Off sagt: "Was der Mensch natürlich machen kann, ist: Er kann sich vertun." Deshalb soll die Technik klüger sein, sie tadelt den Menschen, wenn er etwas tun will, was gegen die Logik spricht. Alle Systeme, sagt die Stimme, seien mehrfach vorhanden. Die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Störfalls sei daher bei 10¯⁷, 10¯⁸. "Im normalen Sprachgebrauch würde man sagen: nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen." Man habe, sagt eine andere Männerstimme, in den Fünfzigern und Sechzigern zum Wohlstand und zum Frieden beitragen wollen. "Dann zu sehen, wie die Atomenergie in den Achtzigern an Akzeptanz verloren hat, das hat zu Verbitterung geführt." Tschernobyl, sagt einer, "hat uns den Nacken gebrochen". Was mögen diese Männer über Fukushima denken?

Der Film Unter Kontrolle ist alles gleichzeitig, er ist monströs und majestätisch, er ist menschlich und verstörend. Ein Film aus einer anderen Zeit. Genau zur richtigen Zeit.