Plötzlich war Fukushima wieder in den Schlagzeilen : Was lange vermutet wurde, nun ist es also offiziell. Dass es im Block 1, aber auch in den Blöcken 2 und 3 zu einer Kernschmelze gekommen ist . Und zwar schon bald nach dem Beben vom 11. März. Nun kursieren Warnungen, die extrem heiße Schmelze könne sich durch die lädierten Böden der stählernen Druckbehälter fressen, in das umgebende Kühlwasser gelangen und dort Explosionen verursachen.

Hört das nukleare Drama nie auf? Zumindest nicht mehr in diesem Jahr. In den letzten Wochen mögen die Nachrichten aus Fukushima seltener geworden sein. Doch die Lage in den vier Ruinen hat sich nur scheinbar stabilisiert. Tatsächlich bleibt sie weiterhin labil und kann noch katastrophale Wendungen nehmen. Wenig ist gewiss. Sogar die verbreitete Vorstellung, die drei Kernschmelzen und der Verbleib ihrer nuklearen Glut seien nun klar nachgewiesen, ist falsch. Kein Mensch weiß, ob die Kerne nur großteils oder gar völlig geschmolzen sind, ob sie noch in den Reaktordruckgefäßen verteilt sind oder als zusammenhängende Klumpen glühen. Oder schon in die gefluteten Sicherheitsbehälter (Containments) durchgebrochen sind und dort dem Betonboden zusetzen.

Diese Nachglut entwickelt nicht nur eine enorme Hitze, sondern auch eine höllische Strahlung. Deshalb kann niemand in das Innere der Reaktoren blicken und sich ein Bild mach en, welches Tohuwabohu dort herrscht. Darum beruhen die Botschaften von den drei geschmolzenen Kernen nicht auf harten Fakten, sondern bloß auf komplexen Simulationsrechnungen.

Diese wurden abgeglichen mit den spärlich vorhandenen, unsicheren Messdaten aus der finsteren Innenwelt der Reaktoren (etwa Temperatur, Druck und Wasserstand). Es ist mittlerweile offensichtlich, dass wir seit Wochen Zeugen eines Ratespiels sind.

Die schrittweise Bekanntgabe der jüngsten Ergebnisse dürfte ausnahmsweise nichts mit Vertuschung zu tun haben. Denn erstens kommen sie für Experten keineswegs überraschend – schon lange galten wegen des langen Ausfalls aller Kühlsysteme, aber auch wegen der radioaktiven Emissionen weitgehende Kernschmelzen als sehr wahrscheinlich. Zweitens ändern die Vermutungen darüber, ob nun partielle oder komplette Schmelzen vorliegen, nichts an der realen Gefahr. Und auch nichts an der Strategie, wie die offenen Pandorabüchsen unter Kontrolle zu bringen sind : Kühlen, kühlen und nochmals kühlen. Voraussichtlich jahrelang.

Die Tatsache, dass Stickstoff in die Havaristen eingeblasen wird, zeigt, dass weiterhin Wasserstoffexplosionen drohen – nur Stickstoff kann sie unterbinden. Und neue Beben oder große Lecks könnten die Kühlung erneut lahmlegen. Auch die Gefahr, dass eine große Kernschmelze im Kontakt mit Wasser Dampfexplosionen verursacht, ist nicht gebannt.

Längst gibt es an der Kühlstrategie Kritik. Doch leider ist sie müßig. Denn zur behelfsmäßigen Wasserkühlung drängt sich keine Alternative auf. Man kennt schlicht keine bessere Option.

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