DIE ZEIT: Sie haben einmal gesagt, Pensionierung sei »ein Verbrechen«. Warum?

Konrad Beyreuther: Das menschliche Gehirn braucht Stimulation. Um das Gehirn fit zu halten, benötigt man Anregung von außen. Und das Berufsleben ist ein wichtiger Stimulus, deshalb halte ich die Zwangspensionierung für schädlich.

DIE ZEIT: Welche Faktoren tragen dazu bei, dass jemand bis ins hohe Alter geistig leistungsfähig bleibt?

Beyreuther: Es gibt keine Monotherapie. Das Gehirn braucht eine Vielfalt an Einflüssen – je vielfältiger und abwechslungsreicher, desto besser. Das Gehirn will als Ganzes angesprochen werden. Auf das Arbeitsumfeld bezogen, heißt das: Wir brauchen die Mitmenschen, die täglich neue Arbeitsaufgabe. Selbst wenn Sie am Fließband stehen, gibt es immer etwas Neues, das nicht berechenbar ist. Neugierde und geistige Anregung erhalten unsere geistige Leistungsfähigkeit.

DIE ZEIT: Gilt das für alle Berufe, auch für den einer Putzfrau?

Beyreuther: Natürlich gilt: Je herausfordernder das Berufsbild, desto größer ist der Einfluss auf die Leistungsfähigkeit, die »kognitive Reserve«. Eine Putzfrau, die nachts ein leeres Büro putzt, hat einen geringeren Stimulus als eine Putzfrau, die während der Dienstzeit putzt. Die Frage wäre also, ob man nicht das Berufsbild umgestalten und für mehr Abwechslung sorgen muss – etwa indem eine Putzfrau nicht alleine, sondern in Gesellschaft putzt. Das würde schon viel bringen. Es gibt natürlich Berufe, die interessanter sind als andere. Und manche Berufe kann man nicht ein Leben lang ausüben, weil sie körperlich zu anstrengend sind.

DIE ZEIT: Was genau passiert im Gehirn, wenn die kognitiven Fähigkeiten nachlassen?

Beyreuther: Die Gehirnleistung wird in Form von Nervenzellkontakten abgelagert, die Nervenzellen bilden also Kontakte. So eine Nervenzelle kann bis zu 50.000 andere Nervenzellen kontaktieren. Doch wenn man das Gehirn nicht benutzt, beginnt es sich aufzulösen. Die Nervenzellkontakte werden leer und sterben schließlich ab. Man hat bei Tieren, die Winterschlaf halten, ähnliche Veränderungen im Gehirn beobachtet wie bei Alzheimerpatienten. Wir wissen, dass die Inaktivität »Winterschlaf« das Gehirn schädigt. Man könnte sagen: Ruhestand ist eine Art Winterschlaf.

DIE ZEIT: Was bedeutet das für den Umgang mit Älteren im Berufsleben?

Beyreuther: Wir müssen lernen, mit den Gegebenheiten umzugehen, die das Alter mit sich bringt. Wenn ich keine stehende Tätigkeit mehr ausüben kann, muss ich eben eine sitzende Tätigkeit ausüben dürfen. In jeder Berufsgruppe gibt es ein Spektrum an Aufgaben, und es gibt heute viel Teamwork. Letztlich heißt das einfach, dass wir alle ein bisschen mehr Rücksicht aufeinander nehmen müssen.

Konrad Beyreuther, 70, ist Professor für Molekularbiologie