Der virtuelle Virtuose – Seite 1

ZEITmagazin: Herr Blake, Ihre Musik klingt nach heftigen Gefühlen – und nach einem ebenfalls heftigen Umgang mit der neuesten Studiotechnik. Welche Bedeutung hat Technologie für Sie?

James Blake: Ich habe ein seltsames Verhältnis zur Technik. In einer idealen Welt könnte ich elektronische Musik einfach aus meinen Gedanken heraus komponieren. Aber leider muss alles erst durch einen aufwendigen Prozess hindurch, das ist ein ständiger Kampf. Ich muss die Klangfilter einstellen, die Kompressoren, die Delays, um genau den Sound zu bekommen, den ich will. Das alles dauert sehr lange.

ZEITmagazin: Sie haben eine klassische Klavierausbildung absolviert. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit mit digitalen Klängen?

Blake: Ein Klavier macht sofort, was ich will. Für mich ist das immer wieder eine befreiende Erfahrung. So geht es mir auch, wenn ich an einer Hammondorgel sitze oder an einem Cembalo. In diese Instrumente sind jahrelange Vorarbeit, jahrhundertelange Verbesserungen eingeflossen.

ZEITmagazin: Sie haben aber ganz offensichtlich Klangvorstellungen, für die Sie jede Menge Digitaltechnik brauchen.

Blake: Oh ja, das stimmt.

ZEITmagazin: Sie sind hervorgegangen aus der Londoner Dubstep-Szene, die hauptsächlich für harte elektronische Musik steht. Manche nennen Ihre Musik Post-Dubstep, weil sie stärker songorientiert ist. Was viele so aufregend finden: Sie machen Musik, die es so noch nicht gegeben hat. Die es erst 2011 geben konnte.

Blake: Ich habe sehr viel von bestimmten Dubstep-Leuten gelernt. Aber meine Musik klingt, wie sie klingt, weil ich nicht sehr behutsam mit der Technik umgehe. Sondern so, wie es ein kleines Kind tun würde: Den Regler voll aufdrehen, voll runterdrehen, mal sehen, was passiert. Ich gehe in gewisser Weise naiv an die Technik heran.

ZEITmagazin: Das Fundament des Dubstep sind unglaublich mächtige Bässe. Die sind auch in ihren Stücken zu hören. Wie kriegen Sie die hin?

Blake: Ich bin da längst nicht so weit wie die alten Dub-Master, Produzenten wie Loefah und Mala, die holen wirklich alles aus den tiefsten Frequenzen heraus. Mir geht’s eher darum, die richtigen Noten auszuwählen. Bässe sind toll, aber man braucht sie nicht ständig.

ZEITmagazin: Bei Ihnen kommen sie oft aus dem Nichts.

Blake: Ich finde, wenn man sie ganz groß rausbringt – dann sind sie am stärksten. Unnötige Bässe ziehen so viel Aufmerksamkeit auf sich, man hört irgendwann auf, die anderen Tonlagen zu beachten. Ich bin da also sehr sparsam.

ZEITmagazin: Was ist Ihr Lieblings-Keyboard?

Blake: Ganz klar: Der Prophet 08. Den gibt es seit etwa drei Jahren. Ich liebe dieses Instrument.

ZEITmagazin: Warum?

James Blake mit seinem Prophet '08, kurz vor einem Konzert im Berliner Berghain.

Blake: Das Merkwürdige am Prophet ist: Er ist zwar ein Synthesizer, fühlt sich aber überhaupt nicht an wie ein Stück Technik. Sondern wie ein Klavier. Alles, was man darauf spielt, klingt so, als ob das Instrument auf diesen Zweck hin konzipiert wurde. Der Prophet hat eine jahrzehntelange Vorgeschichte, auf die er aufbaut. Ähnlich wie das Klavier, das auch viele Stufen der Evolution durchlaufen hat.

ZEITmagazin: Es ist also ein gutes Live-Instrument?

 

Blake: Es ist ein unfassbares Live-Instrument. Für mich ist es der schnellste Weg von der eigenen Idee zum Klang. Es hat einen tollen Aftertouch, das heißt, wenn man stärker auf die Taste drückt, bekommt man zum Beispiel ein Vibrato. Wenn man vom Klavierspielen kommt, ist so etwas unglaublich: Man gibt dem Ton, den man gerade spielt, noch etwas hinzu, ohne ein Pedal treten oder irgendeinen Effektknopf drehen zu müssen. Als ich das entdeckte, konnte ich es kaum glauben. Mir kam es vor, als ob ich endlich eine Fusion aus Klavier und Gitarre gefunden hätte.

ZEITmagazin: Was bedeutet diese Fusion für Sie?

Blake: So wie ich auf der Gitarre Töne zwischen den Noten spielen kann, indem ich die Saiten hochschiebe, kann ich auf dem Prophet den Nachdruck mit jedem beliebigen Effekt belegen: Tonhöhe, Echo, Hall, alles ist machbar. Das ermöglicht ein wirklich expressives Spielen, was auf einem Synthesizer äußerst selten ist. Der Prophet hat für mich alles verändert.

ZEITmagazin: Sie können also mit dem Prophet auf der Bühne improvisieren?

Blake: Genau, der Prophet macht das ganz einfach, weil alles so direkt und spürbar ist.

ZEITmagazin: Viele Musiker und auch Musikhörer machen sich genau darüber zunehmend Gedanken: Was heißt es eigentlich, elektronische Musik live zu spielen?

Blake: Wenn bei meinen Konzerten alles vorprogrammiert wäre, würde es völlig falsch klingen. Wenn ich mir mein Album anhöre, dann klingt das für mich wie Musik von jemandem, der sie lieber live spielen würde.

ZEITmagazin: Für Ihre Live-Auftritte haben Sie Ihre Studioaufnahmen ganz neu erfunden. Sie haben sogar eigens eine Band zusammengestellt.

Blake: Und es gibt keine Laptops auf der Bühne, das ist mir sehr wichtig. Ich hasse es, Musikern zuzusehen, die an Laptops sitzen. Die wirken auf der Bühne furchtbar penetrant. Sie kommen mir vor wie eine Barriere zwischen dem Musiker, der vom Bildschirm blau angestrahlt wird, und der Musik, die er machen will.

ZEITmagazin: Und es sieht immer ein bisschen nach Arbeit aus, nach Büro.

Blake: Das stimmt, und noch schlimmer wird es, wenn der Laptop allein dasteht und niemand ihn bedient. Dann mache ich mir richtige Sorgen: Ist da was los, was ich nicht hören kann? Oder höre ich da etwas, was die gar nicht selber spielen?

ZEITmagazin: Es erzeugt Misstrauen.

Blake: Ja, und das ist für ein Konzert natürlich fatal.

ZEITmagazin: In Ihrer Musik passiert alle paar Sekunden etwas Unerwartetes: Über extremen Sounds und harten Brüchen sind herrliche Melodien zu hören, Ihr Gesang und sehr poetische Texte. In Ihren Kompositionen steckt eine Menge intellektuelle Energie. Woher kommt die?

Blake: Ich glaube, die kommt einfach, wenn man genug Zeit zum Nachdenken hat. Was das Poetische angeht: William Blake war für mich immer sehr wichtig.

ZEITmagazin: Wie schön, dass ein englischer Dichter nach 200 Jahren so noch zum Dubstep kommt. Der Nachname passt ja auch.

Blake: Ja, wobei Blake mein zweiter Vorname ist. Ich habe viel von William Blake gelesen, als ich jünger war, das inspiriert mich bis heute.

ZEITmagazin: War Ihnen immer klar, dass Sie zu Ihrer Musik Texte schreiben würden?

Blake: Es war eher umgekehrt: Die Stücke auf meinem Album fingen mit einer Textzeile von mir an oder mit einem Gedicht. Und diese Texte habe ich dann zu Songs weiterentwickelt.

ZEITmagazin: Die elektronischen Klänge fügen Ihren Gedichten dann weitere Ebenen hinzu?

Blake: Genau so ist es. Wobei ich glaube, dass die Texte auch meine Musik formen – wie genau, das weiß ich nicht. Das geschieht eher unbewusst.